Jazz Ich habe nie falsch gespielt

Der 75-jährige Saxofonist und Komponist Ornette Coleman wird mit einem Konzert und einer Wiederveröffentlichung zum Jazzereignis des Jahres

Die Geschichte erzählt sich wie von selbst: Als in den vierziger Jahren in Texas der junge Ornette Coleman in einer Band spielte und zu seinem Solo über den Klassiker nach vorn an die Bühne trat, hörten die Leute zu tanzen auf, standen da und hörten zu. »Ich habe nicht falsch gespielt«, erklärt Ornette Coleman 2005, »aber ich bin über den musikalischen Raum hinausgewachsen. Der Typ hat mich aus der Band rausgeworfen.« Nach über fünfzig Jahren hat sich nicht viel verändert: Entweder bleibt man gebannt stehen, oder man verlässt den Raum. Dazwischen ist nichts.

Tausend Zuhörer in Ludwigshafen klatschen stehend, jubeln einem gerührten 75-jährigen Mann zu (»I feel so much human experience this evening«), der mit leicht unsicherem Schritte auf die Bühne steigt und mit jedem Ton seines Saxofons zu traumhafter Sicherheit findet. Es ist seit Jahren der erste und der einzige Auftritt von Ornette Coleman in Deutschland, beim Enjoy Jazz Festival, von BASF mit einem Honorar gelockt, das in Popkreisen Mitleid wecken würde, das für Jazzverhältnisse kaum denkbar ist – nur Keith Jarrett und Sonny Rollins sind in ihren Forderungen noch konsequenter. Mit unglaublicher Frische und voller Ideen sprudeln die Improvisationen, und schon nach ein, zwei Stücken, möchte man ohnehin nicht mehr sitzen, man tanzt im Kopf – Dancing In Your Head heißt eine seiner Platten. Sitzen und tanzen sind bei Ornette Coleman keine Gegensätze.

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Die Töne steigen als Luftballon mit einem Zettel dran: Sei du selbst

Eine Legende wirft man nicht mehr raus, die Geschichten vom sensationellen und revolutionären Gastspiel seines Quartetts 1959 im Five Spot in New York sind Geschichte, und doch umgibt ihn noch immer die Aura des genialen Dilettanten. Im Gegensatz zu den Ikonen John Coltrane oder Cecil Taylor hat er das vertraute Harmonie- und Spielmaterial nicht ins Extreme gesteigert, er hat es einfach freundlich ignoriert. Also steht und lehnt er an einem Hocker, lässt die Töne hüpfen und fängt sie wieder auf, spricht mit ihnen und lässt sie steigen wie einen Luftballon, an dem der Zettel hängt: »Sei du selbst.« Diese Musik ist so fröhlich und so traurig, dass der Begriff Free Jazz, der sich unlöslich mit Ornette Coleman und seiner programmatischen Platte Free Jazz von 1963 verbindet, völlig unpassend erscheint. Nichts ist da frei im Sinne von beliebig oder chaotisch, vielmehr festgebunden an die Personen, ihren Klang, ihr »harmolodisches« Wesen.

An diesem Abend des 14. Oktober 2005 im BASF-Feierabendhaus, einem Abend, der zu den großen, verlorenen Momenten der Jazzgeschichte in Deutschland zählt (der SFB zeichnete den Abend nicht auf, weil er seine Ü-Wagen in Donaueschingen brauchte), sind diese Personen sein Sohn, der Schlagzeuger Denardo Coleman, der sein Instrumentarium hinter einer riesigen schalldämpfenden Plastikwand betreibt, die Bassisten Tony Falanga und Greg Cohen und in der Mitte im weißen Anzug mit Geige, Trompete und weißem Plastiksaxofon der Kapellmeister Ornette Coleman, geboren in Texas, Fort Worth. Wie sich sein früherer Bruder im Geiste, der Trompeter Don Cherry, mit seiner winzigen, gedrungenen pocket trumpet dem Verdacht des Infantilen aussetzte, so signalisiert Colemans Plastiksaxofon bis heute jenen Hauch von Zirkus und Spielzeug, das für viele den nötigen Jazzernst vermissen lässt. Der Korpus aus Plastik, die Klappen aus Metall, war es einst die billige Kaufhausvariante von Sears, wurde aber mit seinem tiefen, dann leicht angerauten, manchmal quäkenden Klang zum Markenzeichen einer Musik, die fröhlicher und schräger ist als viele ihrer Bewunderer.

Das Ornette Coleman Quartett spielt neue Kompositionen an diesem Abend, und sie klingen bekannt, wechseln zwischen rasenden Bebop-Titeln, Bluesthemen, Zirkusmelodien und Balladen, es ist jener Mix, der den schwarzen Texaner seit seiner Jugend begleitet. Mehr wollte er nie: weder den durchgehenden Beat noch die Kompositionen abschaffen, weder die Melodien noch den Glauben an das Solo. Ihm geht es um den eigenen Klang, die Identität und Gleichzeitigkeit von Mensch und Musik. Wie ein dunkler Prophet spricht er daher in immer neuen Paraphrasen über seine harmolodische Theorie, die er seit zehn Jahren im Buch niederlegen will. Ob diese Theorie auf ein Missverständnis zurückzuführen ist – der junge Künstler wusste nicht, dass sein Altsaxofon ein transponierendes Instrument ist und das C also als A erklingt – oder die Lehre vom nicht gebundenen Akkordwechsel einer Theorie entspringt, Ornette Colemans Gleichbehandlung von Harmonie, Melodie und Rhythmik – Harmolodics – hat sich zu einer Philosophie entwickelt, die den Menschen an seine Musik bindet und den Klang von der Note befreit.

Bei einem Gespräch mit der englischen Musikzeitschrift Wire spielt er den Ton E auf dem Piano und fragt den Journalisten, ob das wirklich der Ton E sei oder nur der Klang des Klaviers, ob man also nicht versuchen müsse, den Ton immer neu zu bestimmen, zu suchen, je nach Instrument, je nach Stück, ob traurig oder fröhlich. Und so beschränkt ihn nichts mehr als ein Klavier, mit seinen dominanten Akkorden, seinem beherrschenden Duktus, nur ein paar Mal – etwa mit Paul Bley, Geri Allen oder Joachim Kühn – konnte er seine Aversion überwinden. Zwei Bassisten also an diesem Abend, und er spielt im Himmel. Der gewichtige Tony Falanga, klassischer Orchestermusiker, mit dem Bogen Melodien streichend, zur Rechten, Greg Cohen, der Pop-Avantgarde nahe, auf der linken Seite Bewegungen zupfend – Ornette Coleman steht zwischen arco und pizzicato, zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Ruf und Antwort oder, wie er sagt, »Tag und Nacht«.

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