oper
Keine Diva
Die amerikanische Sopranistin Renée Fleming geht eigene Wege zwischen gefühligen »Sacred Songs« und dem harten Brot der »Lulu«
Abends sang Renée Fleming die Titelrolle in Rossinis aber sie hatte nicht nur ein Leben. Morgens drauf nämlich schob die Mama in Pesaro wieder ihren Kinderwagen den Weg am Strand entlang, drin lag Amelia, ein blondes Engelchen, und die Italiener riefen: was sonst? Am Schluss der letzten Vorstellung ließen die Zuschauer Rosenblätter auf die Bühne regnen für Renée Fleming, die ausschaute wie eine »Mischung aus Marilyn Monroe und der Comic-Heldin Judy Jetson«. So beschreibt Renée Fleming sich selbst, als sie auf ihren Auftritt im Jahre 1993 zurückblickt, da war sie 34 – und hatte es allmählich und mit viel Fleiß ganz nach oben geschafft in der Opernwelt – die Met, Covent Garden, Bayreuth und Salzburg folgten. Im Zusammenhang fällt da noch ein Satz Typus Diva (die Fleming ist eher keine): »Man sollte nicht unterschätzen, welchen Anteil ein schönes Kostüm daran hat, wie man sich in einer Rolle fühlt.« Lucia Aliberti hat öfter etwas in der Art gesagt, als sie vorübergehend die »neue Callas« genannt wurde. Mittlerweile gibt es eine noch neuere neue Callas, nämlich Anna Netrebko. Dafür steht Lucia Aliberti jetzt meistens im deutschen Fernsehen vor dem Rhein oder der Rialtobrücke und singt im Verein mit dem Saarländer Günter Wewel leichteres Liedgut: Die Serie heißt
Das wird Renée Fleming kaum passieren, darf sie doch, obwohl extrem präsentabel und bestens im Geschäft, bei näherer Betrachtung als der gelebte Gegenentwurf zum Sternchen- und Starwesen in der Oper gelten. Die Sopranistin nämlich kommt einen langen, nicht gerade steinfreien Karriereweg daher, und der beginnt in einem Durchschnittshaushalt in Rochester, New York, wo beide Eltern als Musiklehrer beschäftigt sind. Singen ist ein Lebensmittel daheim. Die Tochter, 1959 geboren, geht auf die Crane School, dann kommt die Opernabteilung von Juilliard. Bei erster Gelegenheit entscheidet sich Renée Fleming gegen das Nest in den USA und für das Abenteuer. Mit einem Fulbright-Stipendium ausgestattet, kommt sie in Frankfurt an. Sie kann ein paar Händel- und Haydn-Arien – und sonst kein Wort Deutsch. Renée Fleming lernt bei Hartmut Höll in einer Liedklasse Schubert und Wolf, und natürlich ist der Weg zu Elisabeth Schwarzkopf von Höll aus nicht weit. Der wiederum reichen manchmal zwei Fleming-Töne für ein Urteil: »Nein, das ist es nicht!«, und so manche Schülerin wäre danach nicht wieder aufgetreten. Renée Fleming schon.
Sie macht die Ochsentour in Deutschland: Vorsingen hier, Vorsingen dort, ARD-Wettbewerb. Bergs Lulu und Strawinskys Anne Trulove sind meist ihre Rollen – und wären es besser nicht, denn mit Anne und Lulu singt man eh kein Intendantenherz weich. »Warum hat die nur das scheußliche Zeugs?« soll August Everding gefragt haben. Aber Renée Fleming glaubt an Musik als Ganzes, nicht an einzelne Glitzer- und Glanzarien, und genau diese Einstellung zahlt sich für sie aus, ja, jetzt erst recht.
Wer ihr Sopransolo Wir genießen die himmlischen Freuden in Gustav Mahlers G-Dur-Sinfonie hört und anschließend Sieben frühe Lieder von Alban Berg, ebenfalls unter Claudio Abbado und mit den Berliner Philharmonikern, nimmt vor allem die Selbstverständlichkeit wahr, mit der Renée Fleming in diesen Sphären zu Hause ist. Sie weiß, was das heißt: »Und aus tiefen Grundes Düsterheit / blinken Lichter auf in stummer Nacht!« Und gibt trotzdem sorgsam, interessiert und lernbereit Acht auf jedes Detail.
Das ist die eine Seite von Renée Fleming, zu der noch gehört, dass sie spätestens seit der Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Christoph Eschenbach in Houston eine Basis angelegt hat, von der aus sie immer wieder eminente Mozart- und Strauss- Interpretationen abliefert. Im Falle von Strauss’ Daphne, seiner drittletzten, bereits etwas mattgolden glänzenden Oper, ergibt sich so eine beglückende Konstellation: Mozartischer hört man Strauss kaum je, und Renée Fleming, entpuppt sich als absolute Zier. Geld verdienen lässt sich mit einer solchen Produktion kaum, doch gleicht Renée Fleming das wieder aus, wenn sie beispielsweise im dritten Teil von Der Herr der Ringe aus purer Neugier den Soundtrack mitbestreitet oder auf Sacred Songs von Fauré bis Gounod schlichtweg alles an jener Gefühlsware bereithält, mit der auch weniger gut ausgestattete Musikanten auf Weihnachten die Fußgängerzonen harmonisieren. Mit den Sacred Songs im Rücken, das ist klar, kann man sich leichter einem Rilke-Zyklus widmen, den der Jazzpianist Brad Mehldau für Renée Fleming komponiert hat, oder, ebenfalls speziell für sie geschrieben, einem neuen Stück von Henri Dutilleux. Die Sacred Songs sind weitgehend zuckerfrei glasiert, ein bisschen Herzenstrost und viel (stilles) Entertainment. Womöglich sogar Dienst am Opernkunden von morgen. Man kann das hochmütig verurteilen. Oder auf seine Art einfach mögen.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.11.2005 Nr.46
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