Wer dem Gentleman mit dem schlohweißen Backenbart und den lebhaften Augen zum ersten Mal begegnete, dem fiel sofort auf, wie unprätentiös, ja geradezu bescheiden er auftrat. Jedes Imponiergehabe akademischer Zeremonienmeister war ihm fremd. Dabei war Gordon A. Craig einer der ganz Großen seines Faches, ein universal gebildeter, liberaler Historiker, der stupende Gelehrsamkeit mit einer ebenso beeindruckenden Produktivität verband. Und für die Deutschen war es ein Glücksfall, dass der Doyen der amerikanischen Geschichtswissenschaft zugleich einer der besten Kenner der deutschen Geschichte war.

Craig wurde 1913 in Glasgow geboren und zog als Zwölfjähriger mit seinem Vater in die Vereinigten Staaten. Er studierte Geschichte an den Universitäten von Princeton und Yale. Zu seinen akademischen Lehrern gehörten die deutschen Emigranten Felix Gilbert und Hajo Holborn. Seine erste Berührung mit Deutschland verschaffte ihm ein Stipendium, das ihn 1935 nach München führte. Hier erlebte er den alltäglichen Antisemitismus des "Dritten Reiches". Die Frage, wie es bei einem Volk, das sich so viel auf seine Kultur zugute hielt, zu einem solch beispiellosen Absturz in die Barbarei hatte kommen können, sollte ihn nicht mehr loslassen.

Mehrere grundlegende Werke sind aus der lebenslangen Beschäftigung mit den Wegen und Irrwegen deutscher Geschichte erwachsen. So sein 1955 erschienenes Buch Die preußisch-deutsche Armee 1640–1945, in dem er der verhängnisvollen Rolle des preußischen Militärs als "Staat im Staate" nachging. So seine Darstellung der Schlacht von Königgrätz (1964), deren welthistorische Bedeutung er meisterhaft beschrieb. So vor allem aber seine magistrale Deutsche Geschichte 1866–1945 (1978), die bei ihrem Erscheinen in Deutschland 1980 sofort ein großes Echo fand. Craig wandte sich darin gegen jene Schule der angelsächsischen Geschichtsschreibung, die immer noch der populären Vorstellung einer zwangsläufigen Entwicklung von Bismarck zu Hitler anhing. Andererseits machte er auch deutlich, dassdas "Dritte Reich" kein Betriebsunfall der deutschen Geschichte gewesen war. Kritisch in der Sache, aber moderat im Urteil zeichnete er die Linien der Kontinuität nach, die in die Selbstzerstörung des ersten deutschen Nationalstaats geführt hatten.

Für dieses Opus magnum wurde Craig 1981 als Erster mit dem bedeutenden Historikerpreis der Stadt Münster ausgezeichnet. In einer vielbeachteten Rede, die er damals hielt, erinnerte er daran, dass Geschichte keine "exakte Wissenschaft", sondern eine "humanistische Disziplin" sei, die es nicht nur mit Strukturen, sondern vor allem mit Menschen zu tun habe. Als Diener der Muse Klio müssten die Historiker wieder lernen, "Geschichte und Literatur zu verbinden". Wie diese Kombination glücken kann, das demonstrierte Craig in seinem gesamten, fast ausnahmslos bei C. H. Beck in München erschienenen Œuvre. Immer wusste er interessant zu erzählen, mit einer Prise Humor und einer Lust am Anekdotischen, die sich nie in schwadronierende Weitläufigkeit verlor. Und gern würzte er seine Texte mit Anspielungen und Zitaten, die überraschendes Licht auf die historischen Akteure und Konstellationen warfen.

Vor allem aber: Dieser Amerikaner schottischer Herkunft, der lange Jahre an der Stanford-Universität lehrte, hat es wie kein Zweiter verstanden, die Literatur als Quelle für die Geschichtsschreibung nutzbar zu machen. Inspirieren ließ er sich hier von Theodor Fontane, dem er eines seiner schönsten Bücher Über Fontane (1997) widmete. An Fontanes Romanen rühmte er die Kunst, die gesellschaftliche Wirklichkeit und die Klassenkonflikte seiner Zeit im Spiegel der handelnden Personen anschaulich zu machen. Dieser Kunst hat Craig nachgeeifert, indem er nicht nur literarische Zeugnisse heranzog und zum Sprechen brachte, sondern Geschichtsschreibung selbst als eine Form erzählter Literatur betrieb. Kein Wunder, dass seine Bücher sich hierzulande eines größeren Zuspruchs erfreuten als die meisten Werke seiner deutschen Fachkollegen.