politisches buch

Verlorene Illusionen

Richard von Schirach und Katrin Himmler zerstören die Legenden ihrer Familien

Der Mann hat ein Buch geschrieben. Erst jetzt, sagt er, sei das möglich gewesen. Er ist 63 Jahre alt, von gemütlicher Statur, weiße Löckchen umrahmen ein mildes Gesicht, in dessen Mitte eine markant gebogene Nase thront. Viele Neugierige sind gekommen, ihm zuzuhören. Der Mann schlägt das Buch auf und trägt mit unverkennbar fränkischem Idiom ein Kapitel vor. Es handelt davon, wie er 1958 seinen Vater besuchte.

Dieser Vater sitzt in Spandau ein, vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Der halbwüchsige Sohn hat ihn noch nie umarmt. Briefe haben sie getauscht, Tausende von Seiten. Der Junge leidet mit dem Häftling. Er argwöhnt, dass die Wärter »die Gefangenen unnötig drangsalieren«. Sich selbst empfindet er »als irgendwie mitverurteilt«.

Das Publikum bei der Lesung reagiert erstaunt bis empört. Eine Frau macht ihrem Unmut Luft: »Meinen Sie, dass Ihr Vater zu Unrecht gesessen hat?« Eine zweite setzt nach: »Sie sind distanzlos, das kann ich mir nicht anhören.« Eine dritte reklamiert dagegen das Recht der Nachgeborenen, ihre Wunden zu lecken. Der Mann auf dem Podium wirkt ratlos. Der Widerstreit, den er an diesem Abend entfesselt, offenbart die ganze Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft. Die einen sehnen sich nach Versöhnung mit der Geschichte. Die anderen fordern von den Nachfahren der NS-Täter vor allem eines: Anklage, Abrechnung, Absage.

Beide Parteien wird Richard von Schirach mit seinem Buch Der Schatten meines Vaters nicht zufrieden stellen. Schirach formuliert weder Anklage noch Verteidigung, sondern geht einen Schritt zurück zu den Wurzeln des deutschen Dilemmas. Er möchte begreifen, wie sein Vater Baldur auf die Nürnberger Anklagebank geriet. Will herausfinden, warum der Reichsjugendführer und Gauleiter von Wien, der die Deportation von 185000 Juden zu verantworten hatte, »die schlichte, bezwingende Wahrheit eines reumütigen Herzens« auf immer verweigert hat. Die Triebfeder jedoch ist ein Akt der Selbstaufklärung und -vergewisserung: Wer war ich, wer bin ich, und wie hängt beides zusammen?

»Warum habt Ihr nichts getan?«, will der Sohn wissen

Richard von Schirach wird 1942 geboren; ein typischer Nachzügler, ein viertes Kind. Seine Erinnerungen setzen ungefähr bei Kriegsende ein: Die Eltern sind verhaftet, die Geschwister stranden in der Obhut einer Kinderfrau. Schirachs Mutter Henriette, Tochter des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann, kommt zwar schnell wieder auf freien Fuß. Doch das Verhältnis zu ihrem Jüngsten steht unter Spannung: »Mein lieber Vater hätte mich verstanden, so beantwortete ich im Stillen jeden Konflikt.« 1950 reicht Henriette von Schirach, inzwischen neu liiert, die Scheidung ein. Richard erfährt davon aus der Zeitung: »Ich entwickelte Mitempfinden für meinen legendären ›Papi‹, der nun in meiner Vorstellung, ähnlich wie König Richard Löwenherz, fern von seinen Lieben im Verlies schmachtete.«

Die eingekerkerte Lichtgestalt bleibt das Leitmotiv der nächsten Jahre. »Vaterspeise« nennen die Kinder jene Briefe, die sie allwöchentlich an »Freund Pap« nach Spandau schicken: »Mit dem Entrückten, Einsamen gut zu stehen, überstieg alles.« Was sie erleben, berichten sie freimütig ins »Prisong« – immer um Rücksicht und Trost bemüht. Als der zehnjährige Richard das Tagebuch der Anne Frank entdeckt, meldet er auch dies nach Spandau weiter: »Dass mein Vater in irgendeiner Weise etwas mit dem Los der kleinen Anne Frank zu tun haben könnte, lag jenseits meiner Vorstellungskraft.« Das Echo bleibt aus.

Für Richard beginnt eine Odyssee durch mehrere Internate. Seine Mutter kann die Schulgelder bald nicht mehr bezahlen. In Ansbach muss sich der Gymnasiast ein Zimmer suchen und landet bei echtem »Sedimentgestein der NSDAP«. »Oma und Opa Vogl« überdauern als braune Sumpfgewächse in der Provinz. Sie hofieren Richard und träumen davon, dass »ER« eines Tages vor ihrer Tür stehen möge, vorzeitig aus seiner Zelle entlassen.

Je älter Richard wird, desto ernüchternder verlaufen die Gefängnisvisiten bei seinem Vater. Dem Teenager sitzt ein Fremder gegenüber, der ungebrochen das »Gebaren eines kulturverwöhnten Großbürgersöhnchens« an den Tag legt und gegen Nabokov und Hemingway die Lektüre deutscher Klassiker verordnet: »Da musst Du aber mal ran jetzt!« Dennoch fiebern die Geschwister der Entlassung entgegen.

Die Erwartungen münden in ein Fiasko. Anfang Oktober 1966 öffnet sich das Gefängnistor für Baldur von Schirach, wenig später steht Henriette vor ihm. Die Eltern scheiden im Streit voneinander, Richard von Schirach stellt den Vater zur Rede: Damals, 1943, hat die Mutter »wenigstens einmal Mut bewiesen«, als sie bei Hitler gegen die Deportationspolitik protestierte. »Warum habt Ihr nichts getan?«, will der Sohn wissen. »Vergiß nicht, ich habe einen Eid geleistet«, entgegnet der Vater.

Das ist der Anfang vom Ende. Was danach kommt, ist der Abgesang auf eine Vater-Sohn-Beziehung, die es niemals gab. »Wir hatten in den Briefen eine ganz normale Familie gespielt«, muss Richard von Schirach erkennen. Die Inszenierung ist vorbei. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen, der zerbrochene Spiegel einer Kindheit. Obwohl Baldur von Schirach 1946 im Nürnberger Prozess seine Schuld eingeräumt, seine nazistischen und antisemitischen Überzeugungen bekannt hat, vermisst der Sohn das Wesentliche – ein »inneres Einsehen«: »Ich wartete auf ein persönliches Bekenntnis, auf die Stimme seines Gewissens. Diese Nüchternheit, der alle Gefühle fehlten, ertrug ich nicht.«

Immer ein entschuldigendes »Ja, aber…« auf den Lippen

Es sind diese Worte, die Richard von Schirach stellvertretend für viele Kinder der Täter und Mitläufer niederschreibt. Nirgends wird deutlicher, warum die Wunde der Vergangenheit weiterhin schwärt: Selbst jene Handlanger des Regimes, die Verantwortung auf sich nahmen, wehrten Empathie und Mitgefühl für die Opfer ab, trugen ein entschuldigendes »Ja, aber…« auf den Lippen.

So ist Richard von Schirach ein Zweifler geblieben, ein Desillusionierter und Erschütterter auch, der mehr Fragen als Antworten hat. Obwohl sein Buch zahlreiche Datierungs-, Zuordnungs- und Namensfehler aufweist – so wird aus Volker Mauersberger, dem Autor des Buches Hitler in Weimar, Volker Mauersbacher – ist es doch ein einzigartiges Dokument. Einzigartig, weil es eine eindringliche, nuancierte, aus eigener Anschauung gewonnene Sprache spricht. Einzigartig auch, weil es die selbstgefällige Hassattitüde eines Niklas Frank ebenso konsequent vermeidet wie die verblendete Exkulpation, die andere Täterkinder ihren Anverwandten angedeihen ließen.

Zu dieser Spezies gehört neben Edda Göring oder Wolf-Rüdiger Hess auch Gudrun Himmler, Heinrich Himmlers Tochter aus der Verbindung mit seiner Sekretärin Hedwig Potthast. Die übrige Familie allerdings hat zwischen sich und »Heinrich, dem Schrecklichen«, dem Reichsführer-SS und Hauptorganisator des Genozids, eine scharfe Trennlinie gezogen. Katrin Himmler, Heinrichs Großnichte, tritt nun an, diesen Schutzwall zu demontieren.

Das gelingt ihr zwar, aber neben der epischen Wucht Richard von Schirachs verflacht ihre Darstellung und bleibt im Nachbuchstabieren archivalischer Funde stecken. Wer Die Brüder Himmler zur Hand nimmt, wird schmerzlich vermissen, was die Enkelgeneration mangels Erfahrung nur noch notdürftig rekonstruieren kann: das Alltägliche, Beiläufige und Atmosphärische, das dem historischen Tableau erst Leben einhaucht.

Ernst, Heinrich und Gebhard Himmler, humanistisch gebildete Söhne eines Münchner Gymnasialdirektors, driften nach der Niederlage von 1918 ins ultrarechte Lager ab. Heinrich erklimmt bereits in den zwanziger Jahren die Karriereleiter der SS. Entgegen der Familienüberlieferung stehen die beiden anderen nicht zurück. Sie treten der NSDAP und der SS bei und lassen sich nach 1933 von der Sonne des mächtigen Mannes im Reichssicherheitshauptamt bescheinen.

Heinrich Himmler protegiert seine Brüder und fädelt die Flucht ihrer Familien vor den alliierten Bombenangriffen ein; umgekehrt revanchieren sich Gebhard, Abteilungsleiter im Reichserziehungsministerium, und Ernst, der quasi als Technischer Direktor beim Rundfunk amtiert, mit diversen Gefälligkeiten. So schreckt Ernst Himmler 1944 nicht davor zurück, auf Nachfrage aus dem RSHA eine »nichtarische Fachkraft« abzuqualifizieren und damit der Deportation auszuliefern.

Baldur von Schirach und die Gebrüder Himmler entstammten einer Elite, die Verstand und Wissen zur Blüte brachte, während ihre Menschlichkeit verdorrte. »Schützt Humanismus denn vor gar nichts?«, fragte Alfred Andersch 1980 entgeistert, die Herkunft Heinrich Himmlers vor Augen. Fünfundzwanzig Jahre und viele Recherchen später kann es nur eine Antwort auf diese Frage geben: Sie lautet nein.

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