DIE ZEIT: Sie haben gerade in Berlin Ihr neues Buch Kollaps vorgestellt und dabei eine turbulente Zeit erlebt. Fast hätten Sie den Kollaps des politischen Systems in Deutschland mitverfolgen können.

Jared Diamond: Ach, ich habe in Berlin schon so viel erlebt. Ich war dort, bevor die Mauer da war, als sie errichtet wurde, als sie stand, und als sie nicht mehr stand. Da messe ich doch ein paar Reibereien während der Regierungsbildung keine Bedeutung bei! Ein Detail der Geschichte, mehr nicht.

ZEIT: Können Sie verstehen, dass Stoiber in München bleiben will?

Diamond: Ich kann jeden verstehen, der in München bleiben will.

ZEIT: Warum?

Diamond: Die schönste Stadt der Welt!

ZEIT: Sie sollen dort das Biertrinken sehr geschätzt haben.

Diamond: Auf meine jetzige Reise nach Deutschland habe ich einen leeren Koffer mitgenommen – den fülle ich nicht nur mit rheinischen Weinen. Im Koffer liegen bereits vier Flaschen Andechs. Die Klosterbrauerei macht das beste Bier der Welt.

ZEIT: Haben Sie auch für den Umweltschutz in Deutschland einen Superlativ übrig?

Diamond: Was die Waldbewirtschaftung betrifft, sind die Deutschen sehr gut. Aber in der Fischereipolitik zählen sie zu den schlimmsten der Welt. Fischflotten der EU gehören zu den größten Übeltätern. Das ist Plünderung, was die europäischen Trawler in Westafrika anrichten.

ZEIT: Unsere Nachbarn, die Niederländer, beschreiben Sie als weitaus umweltbewusster.

Diamond: In keinem anderen Land ist ein höherer Prozentsatz der Bevölkerung Mitglied in einer Umweltschutzorganisation.

ZEIT: Das allein bewirkt ja noch nicht viel.

Diamond: Aber es zeigt, dass die Bevölkerung sensibilisiert ist. Bei den Überflutungen 1943 kamen Tausende ums Leben. Arme wie Reiche, weil es zwischen Arm und Reich keine Trennung gibt. Aus diesem Grund kümmern sich die Politker dort um die Gefahren, die vom Wasser ausgehen. Heute bedroht die Klimaveränderung die Dämme. Das Land hat ständig vor Augen, was passieren könnte, wenn es eine unvorsichtige Umweltpolitik betreibt. Das Gegenteil beobachten wir in den USA. In New Orleans wohnten die Reichen in den höher gelegenen Stadtteilen. Und unten die Armen. Obwohl vor acht Jahren ein Regierungsausschuss angemahnt hat, die Dämme zu reparieren, haben wir das nicht gemacht. Es hätte 20 Millionen Dollar gekostet. Weil wir die nicht ausgeben wollten, zahlen wir nun für den Wiederaufbau der Stadt drei Milliarden.

ZEIT: New Orleans hätte gut in Ihr Buch gepasst.

Diamond: Leider habe ich es vor einem Jahr fertig geschrieben.

ZEIT: Was droht Deutschland?

Diamond: Eher Katastrophen, die die ganze Welt betreffen. Die Umweltzerstörung im Osten ist da vergleichsweise überschaubar. Zwei Generationen lang müssen die Deutschen noch dafür zahlen.