politisches buch

Im Auge des Terrors

Simon Sebag Montefiore beleuchtet die private Welt Stalins und seiner Satrapen

Für seine epische »Hofchronik« der Stalin-Ära von 1929 bis 1953 hat der britische Journalist, Historiker und Romancier Simon Sebag Montefiore alle verfügbaren persönlichen Informationen über Stalin selbst sowie dessen Familie und engeren Machtclan in der Periode von 1929 bis 1953 zusammengetragen. Man ist dabei heute weniger als früher auf Anekdoten und Gerüchte angewiesen. Zahlreiche Dokumente aus den Partei-, Geheimdienst- und Kreml-Archiven sind in den letzten Jahren zugänglich geworden, darunter auch Teile des persönlichen Nachlasses von Stalin. Schließlich hat Montefiore in langjährigen Recherchen die Lebensorte des Georgiers und seiner Gefolgsleute in Augenschein genommen und aus ihren privaten Briefen und Aufzeichnungen sowie den Erzählungen ihrer Kinder und Enkel geschöpft.

Zum ersten Mal gewinnen die Figur Stalin und seine Satrapen Farbe und Kontur und mit ihnen das ganze, eigentümlich familiäre Milieu der Macht, das sie über ein Vierteljahrhundert ausgebildet haben. Das ist gegenüber allen bisherigen Biografien und Analysen des Stalinismus der Hauptertrag dieser »Hofchronik« – auch wenn die Zuverlässigkeit der verwendeten Quellen ziemlich schwankt. Je näher man hinschaut, umso fremder schauen diese Figuren allerdings zurück; und je menschlicher und privater sie geschildert werden, umso monströser wirken die Prozesse moralischer Depravation, denen sie unaufhaltsam unterliegen. Hier, im Dickicht aus Lebensgier und Todesangst, in den blutigen Dunstzonen von Sex and Crime, liegen denn auch die eigentlichen Stärken des Buches.

Das heitere Bild, das der Anfang vermittelt, verliert sich sehr schnell. Es war nur ein kurzer, trügerischer Moment, als sich die Gefolgsmänner Stalins Ende der zwanziger Jahre nach ihrem Sieg über die ungleich prominenteren Rivalen von Trotzkij bis Bucharin in ihren Wohnungen im und um den Kreml einrichteten und sich wie die Tschechowschen Sommergäste auf ihren Landhäusern rund um Moskau oder im Süden recht zwanglos mit Kind und Kegel besuchten.

Da erscheint der 50-jährige Stalin noch als liebender Vater und Ehemann seiner jungen Frau. »Ich vermisse Dich schrecklich, Tatotschka, bin so einsam wie eine gehörnte Eule«, schrieb er ihr 1930 aus dem Urlaub im Süden, während er den Terror der totalen Kollektivierung dirigierte. Und sie antwortete aus der Kur in Karlsbad: »Bitte pass auf Dich auf! Ich küsse Dich so leidenschaftlich wie Du mich zum Abschied!« Aber auch diese Briefe hatten längst etwas Beschwörendes. Der Selbstmord Nad- jas nach einem Kreml-Bankett Anfang 1932, als der angetrunkene Stalin sie grob zum Trinken nötigte und vor aller Augen mit der schönen Gattin des Marschalls Jegorow (einer Schauspielerin) flirtete, war längst mehr als ein Akt persönlicher Enttäuschung und Entfremdung – eher schon ein Menetekel. Die Wirklichkeit – der Hunger, das Massensterben, das Chaos – drang durch alle Ritzen. Im Zimmer der Toten lag ein Abschiedsbrief, der verschwunden ist, und ein Manifest des ZK-Mitglieds Rjutin, das die verheerende Lage schonungslos beschrieb und zum Sturz Stalins aufrief – die erstickte Stimme einer allerletzten Opposition.

Deren Ausschaltung milderte die paranoiden Durchhalteängste der Stalinschen Oligarchen nicht. Im Gegenteil, je totaler die Macht, desto dünner das Nervenkostüm. Die Briefe und Notizen, die sie austauschten, handeln zu einem Gutteil von ihren chronischen Krankheiten und Schwächeanfällen, die mit Kuraufenthalten im In- und Ausland behandelt wurden. Stellenweise glaubt man, wie Montefiore treffend schreibt, es mit einem »Verein von Hypochondern« zu tun zu haben. Zugleich trinken sie fast allabendlich bis zum Umfallen, singen und tanzen bis zum Morgen unter der Regie Stalins, der das Grammophon bedient, während sie über die Geschicke der Welt und des Landes reden und sich gegenseitig traktieren – und belauern.

Einige dieser stalinistischen »Magnaten« (wie Montefiore sie historisch eher unpassend bezeichnet) sind treu sorgende Ehegatten, andere reine Wüstlinge, und einige sind beides zugleich. Im Zimmer des Staatspräsidenten Kalinin, des Kreml-Chefs Jenukidse oder des Stalinschen Majordomus Wlassik soll es zeitweise zugegangen sein wie in einem »bolschewistischen Swingerclub«. Überhaupt bevölkern anfangs noch muntere Schauspielerinnen, Balletteusen, Sportlerinnen oder auch nur Friseusen die archaische Machowelt der Bergbewohner des Kreml – bis sie fast alle ihrerseits im Orkus der »Großen Säuberung« verschwinden.

Aber das eigentliche Signum des stalinistischen Kernkaders bleibt – je länger, je mehr – das unvermittelte Changieren zwischen familiärer Nähe und gegenseitiger Zerfleischung. Enge Kampfgenossen und Nachbarn unterziehen sich sadistischen Scherbengerichten, belasten sich bei »Gegenüberstellungen« in den Amtszimmern des Kreml oder zeichnen als glücklich Davongekommene die Todeslisten, auf denen ihr eigener Name stehen könnte, mit obszönen Bemerkungen ab, schicken die Frauen und Kinder der Verurteilten gleich mit in die Lager oder Erschießungskeller, die Schlachthäusern gleichen – und eignen sich deren Datschen und importierte Luxuskarossen an.

Diese verstörende Mixtur aus Intimität und Gewalt, Vertrautheit und Verrat, Selbstvergötterung und Amoralität gehört noch immer zu den schwierigsten Fragen, die die Geschichte des Stalinismus stellt – erst recht, wenn man sie den ungleich konventionelleren Verkehrsformen des Hitlerschen Führungskorps und der abstrakten, beinahe aseptischen Vernichtungsbereitschaft der Nationalsozialisten typologisch gegenüberstellt. Während Himmler kein Blut sehen konnte (und auch deshalb zur Schonung seiner Henker auf die Gaskammern verfiel), beteiligten Jeschow und Berija sich vielfach selbst an den barbarischen Folterungen, während der Chefhenker des Kreml, Blochin, mit blutiger Lederschürze allnächtlich Dutzende, Hunderte (und in Katyn 1940 sogar Tausende) durch Genickschuss hinschlachtete.

Und während Jung Chang und Jon Halliday in ihrer parallel erschienenen Mao-Biografie ihrem Protagonisten jegliche genuinen Überzeugungen absprechen und nichts als nackten Machthunger diagnostizieren, behilft sich Montefiore umgekehrt mit pompösen Formeln wie: »Der blinde Glaube an den unaufhaltsamen Fortschritt zur Besserung der Menschheit motivierte die Genossen, mit einer Inbrunst zu töten sowie sich und ihre Angehörigen zu opfern, die man sonst nur von religiösen Delirien und Martyrien her kennt.« Die eine Erklärung ist so hilflos wie die andere.

Bei allen Schwächen hat dieses Buch eines nicht verdient: die miserable Übersetzung, in der es präsentiert wird. Dass der elegante, zuweilen extravagante Stil Montefiores völlig verloren geht, ist schon bedauerlich genug. Schwerer wiegen unmotivierte Auslassungen von Wörtern, Sätzen oder ganzen Absätzen. An einen Skandal grenzen schließlich Dutzende Übersetzungsfehler, die die sachliche Substanz des Textes selbst betreffen. Da ist vom »Judentum« Molotows die Rede, weil Stalin den Spross einer verarmten russischen Adelsfamilie wegen seiner jüdischen Frau als »Molotstein« hänselte. Aus dem »Feldzug gegen die Kulaken« wird ein »Feldzug gegen die Kosaken«. Alexej Tolstojs Theaterstück über Peter den Großen Auf der Folterbank (englisch On the Rack) trägt hier den Titel Auf dem Reck. Und so fort. Dieses ambitionierte Buch verliert damit einiges vom Rang, der ihm zukommt.

Anzeige
Schreiben Sie den ersten Kommentar!
    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
    • Von Gerd Koenen
    • Datum
    • Quelle (c) DIE ZEIT 10.11.2005 Nr.46
    • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte | | | | Society | Adel | Musik | | Bevölkerung | | Gleichberechtigung
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service