aufstand »Geld ist nichts, Respekt ist alles«

Mit Masken, Handys und Brandsätzen – in Frankreich revoltieren Jugendliche gegen die gebrochenen Versprechen der Republik

Paris

Intifada?« Yussuf lacht und knallt die Kaffeetasse auf den Tresen. »Quatsch, wir wollen, dass Sarkozy endlich abhaut. So lange machen wir weiter.« Der 24 Jahre alte Franzose marokkanischer Abstammung steht mit Freunden in der Bar La Sablière am Fuß der Wohnsiedlung Cité de trois mille im Nordosten von Paris. Das Quartier zählt zu den berüchtigsten Problemgebieten im gesamten Großraum. Ortsfremden, zumal wenn sie nicht farbig sind, rät die Polizei von einem Besuch dringend ab. Wer dennoch hierher kommt, ist zunächst überrascht. Durchaus freundlich wird einem von den Bewohnern der Weg gezeigt, und das weiträumige Quartier mit seinen sieben- bis zehngeschossigen Wohnzeilen ist kein vermüllter Slum, sondern eine durchschnittliche Sozialsiedlung im Grünen, in der nur wenige Häuser ramponiert sind. Dagegen sehen Trabantenstädte in Deutschland oft bedrohlicher aus. Zwar dringt kein Sonnenstrahl in die düstere Einkaufspassage mit der kleinen Bar La Sablière, in der sich Yussuf und seine Freunde versammeln. Doch der geschäftige orientalische Markt mit seinen Gemüseläden und Boutiquen hat nichts Beängstigendes.

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Draußen freilich, in Sichtweite der Bar, steht wie ein Mahnmal die örtliche Polizeiwache. Das kleine Ladenlokal war schon lange nur noch sporadisch besetzt, bevor es vergangene Woche abgefackelt wurde. Jetzt ist das Polizeischild ganz abgeschraubt, und in den rußgeschwärzten Eisenrolladen am Eingang hat ein Polizist gekritzelt: »On revient« – Wir kommen wieder. Es riecht nach verbranntem Gummi, obwohl nur noch vereinzelt verkohlte Autowracks herumstehen.

»Wir sind kein Gesindel, kein Dreck, wir sind Menschen, die leben«

Am frühen Abend treffen immer mehr Jugendliche in der Bar ein. Wie Yussuf tragen viele Markenkleidung, fast jeder besitzt ein chromblitzendes Handy. Der Barbesitzer hat seine Musikanlage mit dem Rap-Song »Nous sommes tous dans la merde« voll aufgedreht. Ein höchstens zwölf Jahre alter Maulheld brüllt: »Wenn Sarkozy hierher kommt, bringen wir ihn um.« Sobald nachts die Randale losgeht, heißt es später auf der Polizeipräfektur in Bobigny, werden die Kleinen in die erste Reihe geschoben, weil ihnen bei Festnahmen Straffreiheit sicher ist. Jetzt aber wird der vorlaute Kumpel von den Älteren mit einem kräftigen Schlag in den Nacken weggeschubst.

»Wir sind nicht Dreck, Abschaum, Gesindel, wie Sarkozy sagt«, schimpft der schwarze Franzose Yussuf. »Wir sind Menschen, wir leben – die brennenden Autos sind der Beweis.« Früher, so erzählt er, arbeitete er in der Gepäckabfertigung des nahe gelegenen Flughafens Charles de Gaulle. Doch nach den Anschlägen des 11. September wurden sämtliche maghrebinischen Flughafenarbeiter, die vorbestraft waren, aus Sicherheitsgründen entlassen. Yussuf war einer von ihnen. Es war nur ein kleines Delikt, sagt er mit wegwerfender Geste. Jetzt sucht er schon seit vier Jahren eine neue Arbeit. Geld zum Leben verschafft er sich, wie die meisten hier, mit Schwarzhandel und Gelegenheitsjobs. »Randale«, so glaubt er, »ist die einzige Möglichkeit, dass man über uns spricht. Wenn es hier wieder ruhig ist, wird kein einziger Journalist mehr da sein.«

Der Abend ist noch jung, und was alles noch passieren kann, hängt von den SMS-Botschaften auf den ständig piependen Handys ab. Wenn die Polizei hier nicht aufkreuzt, meint Yussuf, wird es wohl ruhig bleiben. Dass im Internet längst Listen kursieren, wer wo die meisten Autos angezündet hat, verschweigt er. Doch an der zentralen Verkehrskreuzung der Cité, wo die Buslinien trotz der Meldungen über die zusammengebrochene Infrastruktur immer noch im Fünfminutentakt verkehren, sind bereits drei Mannschaftswagen der Polizei aufgefahren. Stundenlang rührt sich nichts. Die Beamten bleiben eingepfercht in ihren Transportern sitzen, bis sie gegen Mitternacht von der Einsatzzentrale abgezogen werden. Statt in der Cité de trois mille hat es diese Nacht zwei Kilometer stadteinwärts in Aulnay-sous-Bois gekracht.

Nur selten ist die Polizei zur rechten Zeit am Ort. Als Renault-Händler Jean-Pierre Causson in dieser Nacht zu seiner Firma in Aulnay-sous-Bois gerufen wird, jener Gemeinde, zu der auch die Cité de trois mille gehört, steht die zehntausend Quadratmeter große Autohalle schon in Flammen. »250 Fahrzeuge sind verbrannt«, weint der Händler fassungslos, »der Schaden beträgt fünf bis sechs Millionen Euro.« Er war der erste Renault-Konzessionär am Ort, der vor vier Jahren mit ganzer Kraft begonnen hatte, seine Firma in dem angeschlagenen Stadtteil hochzubringen. »Achtzig meiner hundert Angestellten stammten aus unserem Quartier – jetzt sind alle arbeitslos.« Weder Polizei noch Feuerwehrleute konnten rechtzeitig anrücken, weil sie mit Steinen beworfen wurden.

Leser-Kommentare
    • drto
    • 11.11.2005 um 11:50 Uhr
    1. \N

    Herr Mönningers Artikel läßt vor allen Dingen Distanz vermissen. Mit der nötigen Distanz wäre ihm eventuell aufgefallen, dass er einer Pressekonferenz Jugendlicher beiwohnte die kaum ihre Freude darüber verbergen konnten, nach 20000 abgefackelten Automobilen und unzähligen demolierten öffentlichen und privaten Einrichtungen im Verlauf dieses Jahres endlich als selbstdargestellte Opfer im Presse und Fernsehen auftreten zu dürfen. Vielleicht wäre ihm dann auch der Widerspruch aufgefallen wie der Staat in Gestalt des französischen Innenministers gehaßt wird aber in Gestalt des Präsidenten und des Regierungschefs, die bislang noch jeden Rechtsbruch französischer Anarchisten mit Larmoyanz und weiteren Anreizen zum Rechtsbruch bekämpften, als Heilsbringer kultiviert werden.

  1. Die Unruhen in den Pariser Vororten - seien diese auch vornehmlich von ethnischen Einwanderkindern entfacht - zeigen deutlich, dass nicht nur all die vermeintlichen Integrationsbemühungen gescheitert, sondern auch unsere verlogenen demokratischen Ideale am Ende sind.

    Als billige Arbeitskräfte ins Land geholt und in Elendsquartiere gepferscht sind diese Menschen nicht einfach nur eine Folgelast aus kolonialer Vergangenheit. Doch als solche werden sie mehrheitlich von der weißen Mittel- und Oberschicht gesehen.

    Als "Ballastexistenzen" gerade gut genug für die schmutzige Arbeit in Fabriken und auf der Straße, verwehrte man ihnen Bildung und Wohlstand.

    Rechtskonservative Politiker stellen die inzwischen allbekannte These auf, das es am mangelnden Integrationswillen der Einwandererkinder läge und dies der Grund sei, dass sie mehrheitlich von gesellschaftlichen Angeboten ausgeschlossen seien.

    Es stellt sich nun die Frage, was für Angebote es wohl sind und von welcher Qualität.

    Bildung wäre ein umfassenderes Angebot, dass den Betroffenen helfen könnte, nicht nur ihre schlechte Ausgangslage zu analysieren, sondern auch Alternativen zu entwickeln, die ihnen helfen könnten, aus dieser herauszukommen.

    Doch das Bildungsarrangement an öffentlichen Schulen - speziell das, was auf Unterschichtsangehörige zugeschnitten ist - ist oftmals so angelegt, das sie die negativen Entwicklungstrends der Kinder noch verstärkt.
    Das Lehrangebot ist oftmals inhaltlich genauso mies wie das Programm des Unterschichtsfernsehen. Negative Auslese- und Zuschreibungsprozesse formen das schlechte Image der betreffenden Kinder und beschädigen nachhaltig ihr Selbstwertgefühl. Bewußt künstlich geschaffene Über- oder Unterforderungen lassen sie mit einem nicht eindeutigen ambivalenten Gefühl zurück. Am Ende wissen sie oftmals erst recht nicht, wo sie dran sind.
    Jeder noch so gut gemeinte Ratschlag wird vor diesem Hintergrund zu einer Zumutung.

    Dieser stetige Kampf um Anerkennung und Achtung zermürbt und macht wütend. Letzte Kraftreserven werden für ein letztes Aufbäumen mobilisiert. Sie bleiben in ihrem blinden und überschäumenden Aktionismus dumm wie ihre Vergangenheit und
    werden umso grausamer in ihren zuküftigen Handlungen .

    Doch ihre Gegner - die Bourgeosie - standen dem in ihren grausamen Ritualen nie nach. Ihre so angeblich hecktisch anmutenden Reaktionen sind wohl durchdacht und von der perfiden Überzeugung eigener Überlegenheit gekennzeichnet. Das beweisen die provokanten Äußerungen des französischen Innenministers Nicolas Sarkozy, der mit der Wut der Kinder spielt und daraus seine Rechtfertigungen für ein noch härteres Vorgehen bastelt.

    Verzückt von den strukturell bedingten Vorzügen der eigenen Klasse, wollen sie selbst Gott von deren Ordnung überzeugen. - Nur die renitenten Kinder und Jugendlichen aus den Vorstadt-Slums wollen sich nicht daran halten. Das ist in den Augen der Bourgeosie ein noch schlimmeres Vergehen. Gott mag man verzeihen, den Underdogs nicht.

    Und so wird Paris befreit und die vermeintliche Freiheit der Privilegierten
    triumphiert aufs Neue über die Welt der Hoffnungslosen.

    Natürlich bleibt es beim alten - Zuckerbrot und Peitsche.

    Maywald

  2. Herr ThomasL, ich habe keine Ahnung wer "garrincha" ist. Teilen sie mit, was setzen sie auf diese Wette und wo hinterlegen sie mein Gewinn, und ich bin bereit meine überprüfbare Identität sofort anzugeben.
    Zur Sache: man soll die Dinge eben in Kontext zu sehen. Und die Warschauer Ghetto hat nur einen Kontext. Einen einzigen. Und den bitte ich höflichst in Ruhe zu lassen, OK?

  3. Lieber Herr Lehmann, danke für die Punkte. In vielerlei Hinsicht haben sie Recht, aber in manchen Punkten leider irren sie sich gewaltig. Obwohl ich auch fast 30 Jahre unmittelbar an die französiche Grenze verbracht habe, meine Erfahrungen mit „unterschiedlichen” Kulturen habe ich nicht in die französichen Banlieus, sondern in den ehemaligen moslemischen Sowjetrepubliken Mittelasiens und der Kaukasus, auch in Ägypten und anderen Ländern gemacht. (Ausserdem bin ich gewissermassen selber praktizierender „Migrant”, das werden sie bald an meinen Grammatikfehlern entdecken.)
    Eingangs sei sofort bemerkt: das ganze Problem hat mit Religion, also mit dem Islam gar nichts zu tun. (Empfehle den interessanten Essay von Enzensberger in den letzten SPIEGEL als Info-Vorlage, obwohl auch nicht 100% annehmbar.)
    Glauben sie mir, ihr hochgehaltener Ehrbegriff ist ein Holzweg. Wenn 10-12-Jährige Kids Molotovcocktails werfen, wo bleibt dabei „die Ehre” des Elternhauses und des Clans? Abgefackelt werden doch nicht die Autos von Sarkozy oder von sonstigen verhassten „weissen Mann” des Ober- oder Mittelschichtes, sondern die von Nachbarn, und wenn es stimt, dass die Banlieus Ghettos sind, so gehören diese Autos auch irgendwelchen „Ghettoisierten” – oder? (Wenig erwähnt bleibt dabei, dass solche lustige PKW-Brände werden seit Jahren täglich und serienweise von den Pirotechnikern des Fernsehens - wunderschöne, haushohe Napalmflammen! - und von den Programmierern von Videospielen vorgezeigt...)
    Irrtum ist auch die Annahme, das innerhalb der Clanstrukturen Gleichheit herrscht. Das Gegenteil ist wahr! (Mögen die nomadiesierende Beduinenstämme, die ich nicht kenne, eine Ausnahme sein – doch sie nomadisieren nicht in Banlieus und zünden weder Autos, noch Kindergärten an.) Lassen wir beiseite die Lage der Frauen in diese Gesellschaftstrukturen – da werden sie hoffentlich nicht von „Egalität” sprechen, denn sie sind überhaupt keine Subjekte, sondern nur Objekte des sogenannten Ehrbegriffes, also überhaupt keine Menschen. Aber selbst innerhalb der Männergesellchaft Anweisungen von Clanchefs und Ältesten haben absoluten Befehlkarakter und werden ohne Nachdenken ausgeführt. Denn die Ältesten übernehmen damit (innerhalb des Clans) automatisch auch die Verantwortung für die Folgen. Dies kann u.A. die Hemmschwelle für Tötung unglaublich sinken (siehe Tschetschenien z.B). Für einen in autoritären Clansystem sozialisierten Menschen ist das, was wir „Demokratie” und/oder „Gleichheit” nennen, ein Zeichen von lächerliche, abscheuliche Schwäche. Selbst die meisten „politischen” Konflikte verdecken fast immer Kämpfe zwischen Clans (siehe z.B. Machtwechsel in Kirgisien, komischerweise „Demokratisierung” genannt), und unsere Medien tischen uns all das auf bereits „übersetzt” in unseren Begriffen, sie projizieren Ereignisse auf unseren Koordinaten und Wertsysteme – ein fataler Denkfehler.
    Es wird leider auch immer wieder vergessen, wie enorm bequem ist in einen solchen System, unter „Führerprinzip” zu leben, ohne Dilemmas, ohne moralische Probleme, ohne den geringsten Zweifel an die Richtigkeit des eigenen Tuns. (Dies gilt übrigens auch für manche „westliche” Sekten und Mafias!) Folglich wird total fälschlich angenommen, dass die so sozialisierten Menschen irgendwie trotzdem ein Streben oder zumindest ein Wunsch nach unsere „Demokratie” oder „Gleichheit” entwickeln und ihre totale Subordination als erniedrigend empfinden, ihr Leben in den Clansystem verändern wollen. Ich habe keinen Spur davon vor Ort entdeckt. Eher das Gegenteil: „verwestlichte” Intellektuelle nämlich, die diesen glücklichen, archaisch-autoritären Clan-Leben ohne Probleme insgeheim beneideten. Ich habe z:B. in einem mittelasiatischen Dorf einen Lehrer (!) angetroffen, die von den örtlichen Clanchef geschlagen (!) und mit wochenlangen schweren Zwangsarbeit bestraft worden war und der sagte mir: ja, der Alte hat aber recht gehabt, ich habe ja Alkohol getrunken...
    Nach zahlreichen ähnlichen Erfahrungen, mag das ein noch so schwerer Verstoss gegen „political correctness” sein, (ich schäme mich im voraus und stelle mich selbst auf Knien in die Ecke!) aber ich glaube trotzdem: sie brauchen noch eine Weile keine Demokratie und werden auch keinen haben in den nächsten paar Generationen. Ich hoffe nur, dass die Leute, die wirklich politische-strategische Entscheidungen treffen das auch wissen und berücksichtigen.
    Und was die Banlieus betrifft, so schrecklich das klingen mag: es hilft erst einmal nur die Nulltoleranz. (Sarkozy hat es übrigens bis zu den Unruhen leider nicht praktiziert.) Neben brennenden Schulen, Bussen und Arbeitsplätzen von sozialen Projekten zu schwafeln ist vielleicht politisch korrekt, aber maßlos naiv.
    Wie sie sehen, kann ich sie schon deshalb nicht in die "radikale Ecke" stellen, weil dort ich selbst sitze.

    Mit besten Wünschen,
    Ihr trans(ilvanischer)migrans

  4. "Erst wenn der letzte Mülleimer abgefackelt ist, wird die Volkswirtschaftslehre begreifen, daß man überzählige Lohndrücker nicht wegschmeißen kann", schreibt Dietmar Dath in der FAZ.

    Mit dieser zwar etwas verzerrenden Meinungsäusserung ist jedoch sehr anschaulich beschrieben, was in der Bundesrepublik aus den gesamten Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre gelernt werden muß. Die kürzlich von Bundespräsident Horst Köhler gegebenen Hinweise zu einer neuen Wirtschafts-Ethik sollten daher gewissenhaft befolgt und möglichst noch verstärkt werden.

  5. Ein Kommentator in der ZEIT meinte einmal:"Nun zeigt sich, dass auseinander wächst, was nicht zusammen gehört."

    Anziehungs- und Abstossungsprozesse finden sich auf allen Ebenen. In der Teilchenphysik, bei Planeten und ihren Umlaufbahnen, bei allen kleineren und größeren sozialen Interaktionen.

    So auch in der Medizin. Der Brockhaus schreibt hierzu:

    ... bei der Transplantation von körperfremden Gewebe
    (->Allotransplantation) als Immunantwort des Wirtsorganismus auftretende Abwehrreaktion, die gegen die Vaskularisation (Einwachsen von Gefäßen) des Spendergewebes gerichtet ist. Eine Transplantationsabstossung tritt bei mangelnder Gewebsverträglichkeit und Erfolglosigkeit der gegen die Immunreaktion gerichteten Immunsuppression auf. Sie ist die Folge der genetisch festgelegten individualspezifischen Unterschiede des Systems der Oberflächenantigene der Zellen.

    Der sehr analytische und wertvolle Artikel von Mönninger beschreibt genau das (ich fand auch den Kommentar von joomel, einem deutschen Studenten in Paris, äußerst interessant). Das alles hilft uns, die Situation VOR ORT zu verstehen, und uns in das DENKEN, besser: EMPFINDEN, der Aus- oder Abgestossenen in den Banlieues hineinzuversetzen.

    Aber die Analyse allein genügt nicht mehr!

    Es braucht Lösungen:

    Wenn wir NICHT wollen, daß:
    - die Banlieues sich eines Tages in Warschauer Ghettos verwandeln
    - es zu einem verschärften Bürgerkrieg kommt (Prognose v. Scholl-Latour)
    - wir in Europa eine Art erweitertes Palästina bekommen (nicht enden wollende Spirale der Gewalt),

    dann ist es Zeit, offen zu reden.

    Das größte Problem der Integration der Migranten ist deren Begriff von EHRE, der in dieser Form für ein anderes System (Beduinenstamm) ausreichen mag, nicht jedoch für eine pluralistische und hochkomplex organisierte Industrie-
    und Informationsgesellschaft.

    Das muß vermittelt werden, sonst hilft kein einziges Entwicklungsprogramm.

    Frankreich muß sich nun einer großen Zäsur und Diskussion unterziehen, sozusagen in Exerzitien gehen.
    Unter Beteiligung aller Gruppenvertreter der gesamten Gesellschaft. Es braucht nicht weniger als ein "Symposium" auf nationaler Ebene, einen ganz, ganz großen runden Tisch, der ständig und dauerhaft besetzt ist (mit Vertretern der Stadtvierteln, Arbeitgebern, Glaubensvertretern, Sozialverbänden, einzelnen Bürgern in und außerhalb der Problemzonen, ALLEN Politikern, Polizisten und Sozialarbeitern).

    So lange geredet wird, wird nicht geschossen (gefackelt).

    Bei allen Diskussionen muß aber die Mehrheit der Franzosen klarmachen, dass Werte wie Meinungs- und persönliche Freiheit nicht in Frage gestellt werden dürfen (auch nicht bei Frauen und Mädchen).
    Und schon gar nicht mit Mitteln des Protestes, die geradezu irrational unverhältnismäßig sind.

    Der Ehrbegriff muß auf eine andere Ebene verlagert werden.
    Arbeitgeber müssen einen Ehrenkodex abgeben, dass Menschen mit einer "gueule arabe" nicht diskriminiert werden.
    Die Migranten wiederum müssen sich verpflichten, ihre Kinder (bzw. sich selbst) besser zu qualifizieren.

    Das alles wird dauern. Neben viel gutem Willen bedarf es die Ausdauer eines Marathonläufers - es ist ein Generationenprojekt.

    Aber: Noch ist es nicht zu spät! Das ist es niemals. Denn Menschen sind keine Elementarteilchen.

  6. AN transmigrans:
    Gut, ich ziehe meine Wette zurück, scheinbar haben sie bloß einen "Seelenverwandten".
    Gibt ja viele Menschen die sich ähneln (einzigartig bin nur ich!!). Außerdem noch 4 Punkte für Ihren letzten Kommentar als "Deeskalations-Maßnahme".

    Im Ernst, ich finde es schade, daß wir in Deutschland eine Diskussionskultur haben, in der es nicht erlaubt ist, auch mal etwas zugespitzt zu formulieren (das lasse ich mir auch ungern nehmen). Die Amerikaner oder Australier haben uns da viel voraus - da nimmt keiner ein Blatt vor den Mund, und es wird gleichwohl stärker inhaltlich diskutiert.
    Bsp: Nach Ausbruch des Irak-Kriegs habe ich eine Nacht lang in einer Stuttgarter Karaoke-Bar mit einem jungen GI diskutiert. Was ich dem alles an den Kopf geknallt habe, betreffs der amerikanischen "culture of violence", das war einmalig, ich dachte, ich verliere mein Leben. Umgekehrt habe ich als Deutscher auch etliches einstecken müssen (verbal) - und keiner von uns beiden war beleidigt, der Respekt war immer da. Es war sehr, sehr interessant.

    Die Vorgänge in Frankreich interessieren mich ganz extrem -weil ich 20 Jahre lang an der frz. Grenze gelebt habe, einen gr. Bekanntenkreis in Straßburg hatte. Meine erste Freunding war eine Halbmarokkanerin! Ich kenne das Denken, Empfinden, die strukturellen Verhältnisse in den Straßburger Banlieues eigentlich ganz gut.

    Sehr viele Gedanken habe ich mir immer gemacht über den unterschiedlichen Erfolg der Integration von VERSCHIEDENEN Einwanderergruppen im Westen, die ja etwa alle zur gleichen Zeit eingewandert sind. Daß die Gründe nur "kulturelle" sein können liegt doch auf der Hand.
    Das sollte auch niemand abstreiten, weil das sonst die Lösungen blockiert.

    Ich finde es viel spannender darüber nachzudenken, wie die destruktive Mentalität vieler Jugendlicher in den Banlieues verändert werden kann, als darüber zu streiten, wer wann was gesagt hat.
    Im übrigen ist eine gewürzte Ausdrucksform für viele Menschen, manchmal auch für mich, um ein Ventil zu haben, um ihre Verzweiflung, auch Wut beim Anblick von brennenden Straßenzügen zu verarbeiten.
    Noch einmal: So lange gesprochen wird, wird nicht gefackelt. Manche Worte tun weh, aber das geht nicht anders, will man nicht alles "unter den Teppich tun".

    Persönlich denke ich, daß es keine "bessere" oder "schlechtere" Kultur gibt, daß es aber UNTERSCHIEDLICHE Kulturen gibt, die zum Teil besser oder schlechter zu einem bestimmten System passen.
    Wir haben im Westen ein System, das sehr komplex ist und ein hohes Maß an Selbstdisziplin und auch Domestikation verlangt (Norbert Elias, Der Prozess der Zivilisation).

    Es gibt zwei (vielleicht auch mehr Gründe) dafür, warum arabische und türkische Migranten i.d.R. (also nicht alle) schlechter zurechtkommen als bspw. Spanier, Italiener, Polen usw.
    Das erste ist ein Begriff von EHRE, der in unsere Gesellschaft ganz einfach nicht passt.
    Das zweite hängt mit dem ersten zusammen: Es ist die o.a. Gesprächskultur. Die Araber kommen (besser die LEHRE des Islam kommt) ursprünglich und geschichtlich aus einem System (patriarchialisches System, Beduinenstamm, der eigene Clan) in den ein sehr hohes Maß an EGALITÄT herrschte. Im System nicht sesshafter Völker ist die GLEICHHEIT aller ganz stark vorhanden. Niemand besitzt i.d.R. mehr als der andere. Und ich glaube sogar, daß der Prophet Mohammed das Gebot der Verhüllung der Frau genau deshalb erlassen hat -> er wollte ein Höchstmaß an Harmonie in der Gesellschaft (niemand hat erkennbar eine Frau, die hübscher ist als eine andere; oder gebildeter, wenn die Frauen nicht mitreden dürfen in der Öffentlichkeit). So sinnvoll dieses Muster früher gewesen sein mag, so katastrophal ist es in der heutigen Zeit, wo wir in Informationsgesellschaften leben.

    Noch etwas: Ich werde mit meiner Einstellung sehr oft in die radikale Ecke gestellt, aber bitte glauben Sie mir, ich bin kein Rassist. Ich vergleiche nur. Und wenn ich vergleiche, dann gefällt mir auch vieles an Deutschland nicht. Wir Deutschen haben nicht das beste System auf der Welt - das haben meiner Meinung nach die Skandinavier, von denen Deutschland (und zwar ökonomisch UND kulturell) unheimlich viel lernen kann. Was ich damit meine habe ich in einen Kommentar geschrieben zum Artikel von Helmut Schmidt (unter einem zweiten Pseudonym "iceman", weil ich ein großer Island-Fan bin).

    Alles Gute, Thomas Lehmann.

    • vod
    • 09.11.2005 um 13:05 Uhr
    8. \N

    It's the best text on the french riots that I have read during the last week. Good job.

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