Paris

Intifada?" Yussuf lacht und knallt die Kaffeetasse auf den Tresen. "Quatsch, wir wollen, dass Sarkozy endlich abhaut. So lange machen wir weiter." Der 24 Jahre alte Franzose marokkanischer Abstammung steht mit Freunden in der Bar La Sablière am Fuß der Wohnsiedlung Cité de trois mille im Nordosten von Paris. Das Quartier zählt zu den berüchtigsten Problemgebieten im gesamten Großraum. Ortsfremden, zumal wenn sie nicht farbig sind, rät die Polizei von einem Besuch dringend ab. Wer dennoch hierher kommt, ist zunächst überrascht. Durchaus freundlich wird einem von den Bewohnern der Weg gezeigt, und das weiträumige Quartier mit seinen sieben- bis zehngeschossigen Wohnzeilen ist kein vermüllter Slum, sondern eine durchschnittliche Sozialsiedlung im Grünen, in der nur wenige Häuser ramponiert sind. Dagegen sehen Trabantenstädte in Deutschland oft bedrohlicher aus. Zwar dringt kein Sonnenstrahl in die düstere Einkaufspassage mit der kleinen Bar La Sablière, in der sich Yussuf und seine Freunde versammeln. Doch der geschäftige orientalische Markt mit seinen Gemüseläden und Boutiquen hat nichts Beängstigendes. Ausgehverbot in Raincy, einer Vorstadt von Paris BILD

Draußen freilich, in Sichtweite der Bar, steht wie ein Mahnmal die örtliche Polizeiwache. Das kleine Ladenlokal war schon lange nur noch sporadisch besetzt, bevor es vergangene Woche abgefackelt wurde. Jetzt ist das Polizeischild ganz abgeschraubt, und in den rußgeschwärzten Eisenrolladen am Eingang hat ein Polizist gekritzelt: "On revient" – Wir kommen wieder. Es riecht nach verbranntem Gummi, obwohl nur noch vereinzelt verkohlte Autowracks herumstehen.

"Wir sind kein Gesindel, kein Dreck, wir sind Menschen, die leben"

Am frühen Abend treffen immer mehr Jugendliche in der Bar ein. Wie Yussuf tragen viele Markenkleidung, fast jeder besitzt ein chromblitzendes Handy. Der Barbesitzer hat seine Musikanlage mit dem Rap-Song "Nous sommes tous dans la merde" voll aufgedreht. Ein höchstens zwölf Jahre alter Maulheld brüllt: "Wenn Sarkozy hierher kommt, bringen wir ihn um." Sobald nachts die Randale losgeht, heißt es später auf der Polizeipräfektur in Bobigny, werden die Kleinen in die erste Reihe geschoben, weil ihnen bei Festnahmen Straffreiheit sicher ist. Jetzt aber wird der vorlaute Kumpel von den Älteren mit einem kräftigen Schlag in den Nacken weggeschubst.

"Wir sind nicht Dreck, Abschaum, Gesindel, wie Sarkozy sagt", schimpft der schwarze Franzose Yussuf. "Wir sind Menschen, wir leben – die brennenden Autos sind der Beweis." Früher, so erzählt er, arbeitete er in der Gepäckabfertigung des nahe gelegenen Flughafens Charles de Gaulle. Doch nach den Anschlägen des 11. September wurden sämtliche maghrebinischen Flughafenarbeiter, die vorbestraft waren, aus Sicherheitsgründen entlassen. Yussuf war einer von ihnen. Es war nur ein kleines Delikt, sagt er mit wegwerfender Geste. Jetzt sucht er schon seit vier Jahren eine neue Arbeit. Geld zum Leben verschafft er sich, wie die meisten hier, mit Schwarzhandel und Gelegenheitsjobs. "Randale", so glaubt er, "ist die einzige Möglichkeit, dass man über uns spricht. Wenn es hier wieder ruhig ist, wird kein einziger Journalist mehr da sein."

Der Abend ist noch jung, und was alles noch passieren kann, hängt von den SMS-Botschaften auf den ständig piependen Handys ab. Wenn die Polizei hier nicht aufkreuzt, meint Yussuf, wird es wohl ruhig bleiben. Dass im Internet längst Listen kursieren, wer wo die meisten Autos angezündet hat, verschweigt er. Doch an der zentralen Verkehrskreuzung der Cité, wo die Buslinien trotz der Meldungen über die zusammengebrochene Infrastruktur immer noch im Fünfminutentakt verkehren, sind bereits drei Mannschaftswagen der Polizei aufgefahren. Stundenlang rührt sich nichts. Die Beamten bleiben eingepfercht in ihren Transportern sitzen, bis sie gegen Mitternacht von der Einsatzzentrale abgezogen werden. Statt in der Cité de trois mille hat es diese Nacht zwei Kilometer stadteinwärts in Aulnay-sous-Bois gekracht.

Nur selten ist die Polizei zur rechten Zeit am Ort. Als Renault-Händler Jean-Pierre Causson in dieser Nacht zu seiner Firma in Aulnay-sous-Bois gerufen wird, jener Gemeinde, zu der auch die Cité de trois mille gehört, steht die zehntausend Quadratmeter große Autohalle schon in Flammen. "250 Fahrzeuge sind verbrannt", weint der Händler fassungslos, "der Schaden beträgt fünf bis sechs Millionen Euro." Er war der erste Renault-Konzessionär am Ort, der vor vier Jahren mit ganzer Kraft begonnen hatte, seine Firma in dem angeschlagenen Stadtteil hochzubringen. "Achtzig meiner hundert Angestellten stammten aus unserem Quartier – jetzt sind alle arbeitslos." Weder Polizei noch Feuerwehrleute konnten rechtzeitig anrücken, weil sie mit Steinen beworfen wurden.

Gewalttätige Ausschreitungen in den Vorstädten gibt es in Frankreich seit über zwanzig Jahren, seitdem die ersten der in Frankreich geborenen Einwandererkinder in die Pubertät kamen. Jährlich brechen im Durchschnitt ein Dutzend Krawalle los, zumeist aus Protest gegen als zu hart empfundene Polizeiaktionen. Auch diesmal begannen die Krawalle nach dem Tod zweier Minderjähriger, die am 27. Oktober in Clichy-sous-Bois vor einer Polizeikontrolle in eine Transformatorenstation flüchteten und im Starkstrom starben.

Der Bürgermeister von Clichy-sous-Bois, Claude Dilain, der immer die Miene eines besorgten Schuldirektors trägt, ahnte gleich Schlimmes: "Als ich den Innenminister am nächsten Tag sagen hörte, die beiden Jugendlichen seien Einbrecher gewesen, für deren Tod die Polizei nicht verantwortlich sei, da wusste ich: Das gibt Bürgerkrieg." Inzwischen musste er im Festsaal seines schmucken Rathaus-Schlösschens ein Presse- und Lagezentrum einrichten, wo russische, japanische und amerikanische Fernsehteams drehen. Der 57 Jahre alte Sozialist steht schon seit zehn Jahren seiner 28000 Einwohner zählenden Gemeinde vor. Sie ist die ärmste aller Pariser Vorstädte: Die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre, fast jeder Zweite ist arbeitslos, das Steueraufkommen erreicht noch nicht einmal die Hälfte des Niveaus vergleichbarer Siedlungen. Jetzt ist sein Unglücksort nach tagelangen Krawallen zum landesweiten Symbol einer neuen "Intifada" (Focus), zum Ursprung eines "zweiten Mai 1968" (Le Monde) erklärt geworden. Nichts davon ist wahr.

Denn auch das 15 Kilometer vom Pariser Zentrum entfernte Clichy-sous-Bois entspricht kaum dem Horrorgemälde eines vom Staat aufgegebenen Ghettos, in dem Banden herrschen und das Faustrecht gilt. Es gibt drei neue Schulen, großzügige Sportanlagen, der neue Jugendclub in einer umgebauten Diskothek steht kurz vor der Fertigstellung. Clichy ist vielmehr ein zentrales Lehrstück dafür, dass die Anstrengungen, welche die Regierung seit den achtziger Jahren in den Vorstädten unternommen hat, nichts genützt haben.

"Was wir hier brauchen, ist ein echter de Gaulle", sagt der Kapuzenbub

Hinter den immer wieder erneuerten Fassaden der Gartenstadt mit ihren maßvoll hohen Wohnblöcken ist ein ganzes sozialpolitisches System entgleist, das die Regierung immer wieder mit neuen Bauprogrammen zu retten versuchte. Noch jeder zuständige Minister hatte den grünen Wohnpark zum Experimentierfeld seiner Reformpolitik erkoren. 1995 setzte Präsident Chirac im Wahlkampf gar die Banlieue als "Priorität der Prioritäten" auf seine Agenda, und Premier Alain Juppé versprach einen "Marshall-Plan für die Vorstädte". Den größten Kraftakt unternahm jüngst Sozialminister Jean-Louis Borloo: Unter den 83 Problemquartieren in Frankreich, für welche die Regierung neun Milliarden Euro bereitstellt, ist Clichy mit 333 Millionen Euro das landesweit größte Sanierungsprojekt. Doch allmählich dämmert es den Sozialexperten, dass die Reparatur der Infrastruktur allein nichts nützt.

Obwohl das einstige Vorstadtidyll, das zur Hälfte aus Eigentumswohnungen besteht, vor allem einfacheren Familien zum Erwerb ihrer eigenen vier Wände verhelfen sollte, ist von der erhofften sozialen Mischung wenig geblieben. Aufsteigerfamilien, egal, welcher Hautfarbe, sind stets weggezogen, nur Ärmere kamen nach – auch weil hier die erste Anlaufstation für Flüchtlinge vom nahe gelegenen Großflughafen ist.

Bürgermeister Claude Dilain ist heute ratlos: "Wir haben die Häuser renoviert, öffentliche Einrichtungen und Schulen gebaut, Vereine und Gruppen unterstützt. Aber selbst wenn wir hier alles mit Marmor auslegen – gegen die soziale Ausgrenzung der Immigranten und ihrer Kinder sind wir machtlos." Dennoch glaubt er weiterhin unbeirrt an den Staat und kreidet den regierenden Konservativen an, dass sie etwa die berufliche Eingliederungshilfe für Jugendliche, die so genannten contrats jeunes, gestrichen hat. Vor allem schimpft er über die Abschaffung der Quartierspolizei. Beides waren nach 1997 Erfindungen des sozialistischen Premiers Jospin, die 2002 wieder kassiert wurden. Die öffentlichen Beschäftigungsprogramme holten die Jungen nicht dauerhaft von der Straße, und die bewährte Nachbarschaftspolizei war dem Law-and-Order-Minister Nicolas Sarkozy zu lasch. "Polizisten sollen nicht mithelfen, Sportfeste zu organisieren", erklärte der Innenminister jüngst wieder, "sondern Verbrechen bekämpfen." Statt der einst ortskundigen Beamten setzt der Minister jetzt, wo es brennt, lieber die knallharte Bürgerkriegspolizei der CRS ein.

Den Effekt erlebte Bürgermeister Dilain vergangene Woche am eigenen Leib, als eine Tränengasgranate der CRS vor der voll besetzten Moschee von Clichy hochging. Die alten Ortspolizisten, sagt er, hätten gewusst, dass die Fabrikhalle als Gotteshaus dient. "So aber", schüttelt er noch immer den Kopf, "musste ich plötzlich nicht mehr Jugendliche, sondern Familienväter in meinem Alter vom Aufstand abhalten."

Den Halbwüchsigen in Clichy und den anderen Vorstädten dient der Vorfall nur als weitere Begründung für ihren Aufstand, nachdem sie sich bislang vor allem von Innenminister Sarkozy provoziert fühlten. Der Mann mit dem Drang zu Verbalinjurien hatte erklärt, die Problemquartiere mit dem "Hochdruckreiniger" von "Gesindel" zu säubern. Die Banlieue-Jugend nimmt das sehr persönlich. "Geld ist nichts, Respekt ist alles. Lieber sterben, als auf den Knien leben", lautet die Losung auf ihren Websites. "In ihrer Welt geht es um Ansehen und Ehre", fasst der Autor Amar Henni zusammen, der nach zwanzig Jahren als Lehrer in den Cités ein Buch über die dortige Jugendkultur geschrieben hat: "Sie fühlen sich jetzt mit Sarkozy in einem Kräftemessen, das nur einer gewinnen kann."

Auch vor dem Rathaus und in der Einkaufspassage von Clichy geben sich die Jungen in ihren Kapuzenshirts empört über "Ungerechtigkeit" und "Respektlosigkeit". Im Kaffeehaus Bilal, in dem auch zwei unverschleierte Frauen sitzen, stößt eine Gruppe von jungen Maghrebinern nicht nur Verwünschungen gegen Sarkozy aus, sondern auch merkwürdig appellierende Sätze. "Wo bleibt Chirac?", ruft der 14-jährige Schüler Karim. "Was wir hier brauchen, ist ein echter de Gaulle." Nicht nur mit ihrem akzentfreien Französisch zeigen sich die Immigrantenkinder als Produkte des republikanischen Erziehungssystems: Premier Dominique de Villepin wird hier sogar als Diplomat und Versöhner geschätzt, als "einer, der wirklich reden kann".

So sprechen keine Underdogs, die nur um ihr nacktes Überleben kämpfen. Was Frankreich derzeit erlebt, ist nicht allein ein Aufstand der Rechtlosen und Unterdrückten, sondern auch eine Revolte gegen die Republik im Namen ihrer eigenen Ideale. Denn die Halbwüchsigen haben in der Schule gelernt, dass zu ihrem Status als Staatsbürger untrennbar die republikanischen Versprechen von Gleichheit und Brüderlichkeit gehören. Das nimmt die Vorstadtjugend ernster, als es vielen Franzosen recht ist. Fast könnte man von einem Drama der gelungenen Integration sprechen, die deswegen an ihre Grenzen stößt, weil die Nachgeborenen sich eben nicht damit begnügen wollen, in Parallelgesellschaften abzutauchen. Stattdessen fordern sie die Teilnahme an den Verheißungen Frankreichs, für die in ihren Augen nicht die Gesellschaft, sondern in erster Linie der Staat zuständig ist. Da werden keine Molotow-Cocktails auf Firmenzentralen oder Reichenviertel geworfen, sondern auf alles, was in ihrem Umkreis an Staat und Status erinnert: von Nachbars Auto bis zur eigenen Schule.

Der Kriminologe Alain Bauer hält die Immigrantenkinder denn auch zu Recht für "weit besser ins französische Wertesystem integriert, als man von außen vermutet". Selbst ihren Protest würden sie von nationalen Vorbildern ableiten – von den militanten Streiks der Gewerkschaften bis zu den Kampfdemonstrationen der radikalen Linken.

In der Cité de trois mille von Aulnay-sous-Bois ergeht sich Yussufs minderjähriger Freund derweil erneut in radikalen Sprüchen: "Demnächst zünden wir auch Synagogen an." Und wieder gibt es von Yussuf einen Schlag in den Nacken. Tatsächlich hat der Staatsschutz Renseignements Généraux im Krisen-Departement Seine-Saint-Denis eine erstaunliche Entdeckung gemacht: In jenen Vierteln, in denen die islamischen Fundamentalisten am aktivsten sind, geht es am ruhigsten zu. "Ohne die Vertreter der muslimischen Gemeinden", sagt ein Beamter, "können viele Bürgermeister fast gar nichts mehr ausrichten." Die Ortsvorsteher von Aulnay und Drancy, wo dem Ghetto-Klischee zum Trotz konservative und liberale Bürgermeister von UMP und UDF regieren, bestätigen den Befund. Neuerdings werden nicht mehr nur in der berüchtigten Hochhausstadt Val-Fourré in Mantes-la-Jolie die "barbus", die bärtigen Muslime, um Unterstützung gebeten.

Die Randalierer trollen sich, wenn man ihnen vom Propheten erzählt

Der dortige Imam Abdelali Mamoun ist sich sicher: "Selbst jugendliche Gewalttäter, die vor nichts Respekt haben, schlagen die Augen nieder, wenn ich ihnen vom Propheten erzähle." Als ihn der Präfekt jüngst bei einem Krawall zu Hilfe rief, so berichtet der Imam selbstbewusst, seien die Randalierer nach seiner Ermahnung friedlich nach Hause gegangen. Dass er sich allerdings nun zu der Forderung versteigt, die CRS-Polizisten müssten durch muslimische Respektspersonen ersetzt werden, zeigt die Ambivalenz der Situation.

Solange Frankreich die Anpassung an die eigene Nationalkultur so unermüdlich fordert, aber noch keine Antwort darauf hat, wie es die Kluft zwischen dem sozialen Status und dem republikanischen Anspruchsdenken der von ihm erzogenen Immigrantenjugend überwinden kann, bergen die Krawalle ganz neue Gefahren. Der Pariser Soziologe Michel Wieviorka, der den Konflikt weniger als Verteilungskampf denn als Selbstbehauptung und Sinnsuche versteht, warnt: "Wenn wir auf den moralischen Diskurs der Imame angewiesen sind, um wieder Ruhe in die Banlieue zu bringen, dann ist das die finale Katastrophe unserer Republik."