Am Horizont dräut die rokokorote Mozart-Flut. Sie wird uns im Jubeljahr eine Ohrwurmplage bringen, gegen die man sich impfen sollte, ehe die Gehörgänge verkleben. Vor allem Mozarts Kleine Nachtmusik KV 525 kann gefährlich werden.

Es empfiehlt sich, sie kritisch zu hören, ehe sie als populistische Fanfare unausweichlich wird. Die jüngste Einspielung wurde immerhin mainstreamfeindlich mit einem Röhrenmikro aufgenommen. Stärkt das schon den Abstand suchenden Hörer?

Nein. Mit der vollen Wucht entmündigender Urvertrautheit überfällt uns Mozarts letzte Serenade auch in der unschwülstigen und straffen Darbietung des Polish Chamber Philharmonic Orchestra unter Wojciech Rajski (tacet S136).

Der erste Satz ist so gut gebaut, dass man ihn trotz allergischer Reaktionen nicht abschalten kann. So vollkommene Raffinesse tut fast schon weh. Die Unberechenbarkeit, die Zwillingsschwester der Erfindungskraft, verschwindet derweil nicht nur, weil man jeden Ton kennt, sondern auch, weil die Musik etwas seltsam Unpersönliches hat - während die Interpreten immerhin noch einen Erdenrest gewähren, ein bisschen Aggressivität und Körper. Aber Mozart selbst ist weit von der Glut des Don Giovanni entfernt, der zugleich entstand.

Der zweite Satz fehlt, er ist verschollen. Der dritte ist im Selbstversuch vor den Boxen etwa 1 Minute und 40 Sekunden auszuhalten, bis sich die Sanftheit und Weltberühmtheit der Romanze wie ein Würgeisen um den Hals legt.

Das folgende Menuett macht es auch nicht besser ... Aber dann kommt das Rondo.

Schneller Auftakt, und auf einmal ist man frei. Es ist, als würden sich die Adern einer wunderschönen Gletscherleiche mit Blut und Spirituosen füllen, und schon springt sie aus der Ewigkeit ins Leben zurück. Einmal gerät Mozart so unfassbar frech an G-Dur vorbei nach Es-Dur, dass man lachen muss.