Die Erdbeben-Katastrophe von Kaschmir ist eine Wunde in einem verwundeten Körper. Sie ist eine Verheerung, die mit schrecklicher Wucht einen Ort heimsucht, an dem der Tod längst zu einer alltäglichen Angelegenheit geworden ist. In Kaschmir sind bereits so viele Menschen von Menschenhand gestorben, dass man meinen könnte, ein strafender Gott – wenn man an ihn glaubt – habe sich nun endlich der Konkurrenz gestellt und beschlossen, den Mördern in Uniform und den Terroristen im Verborgenen zu zeigen, was ein wahrer Mörder zu vollbringen vermag. Nach dem Erdbeben steht den Überlebenden Furchtbares noch bevor BILD

In Kaschmir hat es so viel menschengemachtes Leid gegeben – so viele junge Männer sind zerbrochen, so viele Frauen geschändet, so viele Dörfer zerschlagen worden, es hat so viele Explosionen gegeben, so viele Verluste, so viel Blut auf dem nicht länger jungfräulichen Schnee, dem geschändeten Schnee –, dass die Bitterkeit dieser Naturkatastrophe nicht nur unerträglich ist, sondern obszön.

Das Erdbeben ist ein Hammerschlag gegen ein Volk, das bereits zerschmettert ist. Und wie um dem Ganzen den letzten Schliff zu geben, setzt jetzt im Himalaya der Winter ein, und damit liegt die größte Katastrophe vielleicht noch vor uns.

Der Winter in Kaschmir ist wunderschön, aber grausam. Blickt man in die Täler mit ihren weißen Wintermänteln, auf die gefrorenen Eisdecken der Seen, in die bleiche, vom Schneeversprechen geschwängerte Luft, dann spürt man Tränen der Rührung über so viel Schönheit an seinen Wimpern gefrieren. Betrachtet man den mächtigen Himalaya, in Weiß gehüllt wie ein gigantisches Werk von Christo, lernt man ein ums andere Mal die heilsame Lektion, wie klein der Mensch ist.

"Wenn es ein Paradies auf Erden gibt", schrieb vor langer Zeit der Großmogul Jehangir, "dann ist es hier, ist es hier, ist es hier." In Kaschmirs Hochtälern entstand auch die Legende von Shangri-La. Aber das reale Kaschmir ist kein Ort, an dem Männer und Frauen unbehelligt von den Verheerungen der Zeit als Unsterbliche leben. Im Winter ist das Paradies schon immer von kaltherzigen Göttern regiert worden. Heute ist Kaschmir mehr denn je ein Reich des Todes.

Immer neue Meldungen kommen aus Kaschmir, und der Ton der Verzweiflung wird immer lauter. Millionen Menschen sind obdachlos – möglicherweise bis zu drei Millionen auf beiden Seiten der so genannten line of control, jener Narbe der Geschichte, die das Antlitz der gequälten Provinz zerschneidet und ihren indisch beherrschten vom pakistanischen Teil trennt.

Auf pakistanischer Seite brauchen laut dem dortigen Ministerpräsidenten Sikander Hayat Khan 70000 Verletzte Hilfe. Aber viele Straßen wurden vom Erdbeben zerstört, viele weitere sind wegen Erdrutschen und Muren unpassierbar, und das Rote Kreuz berichtet, Rettungshubschrauber hätten manchmal nicht landen können, weil sich ihnen solche Massen verzweifelter Menschen entgegendrängten. Die Vereinten Nationen sagen, wenn sie nicht auf der Stelle mehr Mittel zur Verfügung gestellt bekämen, müsste ihre Hubschrauberflotte in wenigen Tagen die Flüge einstellen.

Die Entscheidung der indischen und der pakistanischen Regierung, die line of control zu öffnen, um die Hilfsaktionen zu erleichtern, fiel spät, ist aber dennoch willkommen. Ohne eine sofortige Erhöhung der Hilfsgelder jedoch wird sie bald wie eine nutzlose Geste wirken. Wenn in den nächsten vier Wochen keine winterfesten Notunterkünfte gebaut werden können, verwandelt sich Kaschmir in einen eisigen Friedhof, auf dem Hunderttausende erfrieren werden.