Unter der Haut vollzieht sich das große Rätsel des Lebens. Für Laien ist das Geschehen im Körper kaum begreifbar, es braust und saust und am Ende ist die Nahrung irgendwie verdaut und das Blut sauerstoffgesättigt. Das einzige übersichtliche Organ scheint das Herz. Es arbeitet wie eine Pumpe, die Herzklappen darin sind die Ventile, die den Blutfluss in die richtige Richtung lenken. Ein Herzklappendefekt, so das Vorurteil, muss simpel zu lösen sein. Alte Klappe raus, neue rein, fertig. Pitstop für Herzen.

Die Schwierigkeiten der Reparatur ergeben sich aus der Natur des Organs. Obwohl das Zentralteil »Klappe« heißt, ist es ein sehr zartes Ding. Eine natürliche Herzklappe besteht aus drei Millimeter dünnen Häutchen, so glatt, dass kein Blutkörperchen darauf gerinnen mag. Sie öffnet sich so flexibel, dass sie dem Blutstrom keinen Widerstand entgegensetzt. Andererseits sind die Ränder der Häutchen so fest und präzise geformt, dass sie beim Schließen nicht ein Tröpfchen Blut zurückfließen lassen. Aber wehe, das Gewebe versagt. Die Herzklappen steuern die Fließrichtung des Blutes. Sauerstoffarmes Blut (blaue Pfeile) strömt aus allen Körperregionen in den rechten Vorhof des Herzens. Von dort gelangt es über die Tricuspidalklappe (1) in die rechte Herzkammer. Die rechte Herzkammer pumpt das Blut durch die Pulmonalklappe (2) über die Lunge zum linken Herzvorhof. Von dort aus fließt das sauerstoffreiche Blut (rote Pfeile) über die Mitralklappe (3) in die linke Herzkammer. Das Blut wird dann vom Herzen unter hohem Druck über die Aortenklappe (4)in die Arterien im ganzen Körper verteilt. BILD

Mit 18000 Eingriffen ist der Austausch von Herzklapppen die zweithäufigste Herzoperation in Deutschland, gleich nach der Bypass-Operation. In rund 200000 Herzen arbeiten bereits Prothesen, und es werden immer mehr, weil die Menschen immer älter werden und im Alter jenseits der 70 die Klappendefekte zunehmen.

Das ist Reiner Körfers Alltag. Bypass, Klappe, Bypass, Bypass. So geht das jeden Tag, Jahr für Jahr. 20000 Herzkranzgefäße und Herzklappen hat Körfer, Chef des Herzzentrums Bad Oeynhausen, in seinem Leben operiert. Der gebürtige Klevener hat so viel Routine, dass er sich und seine Kollegen mit Quizfragen geistig in Schwung hält. »Welche beiden berühmten Männer stammen aus Kleve?«, will der Chef jetzt wissen; er beugt sich über den Schreibtisch und gibt einen Tipp: »Der andere trug einen Hut.« Beuys vielleicht? »Genau, Joseph Beuys.«

In Körfers Klinik lassen sich jedes Jahr 1700 Patienten die geschädigten Herzklappen richten. In einem polierten Wurzelholzkasten verwahrt der Chirurg Dutzende Modelle. Neue Varianten und Antiquitäten. Zum Beispiel die erste Starr-Edward-Prothese aus dem Jahr 1961 mit einem kleinen Vollgummiball, gefangen in einem Drahtkäfig. »Die ist etwas gelb geworden vom Blut«, sagt Körfer und schiebt eine weitere Preziose über den Tisch: »Hier, ein russischer Nachbau – etwas grau.« Schließlich führte die technische Evolution zu weit offenen Doppelflügel-Prothesen. Körfer wirft gleich zwei Exemplare vor sich hin. In einem Metallring verlaufen parallel zwei Stege, an denen halbkreisförmige Scheiben befestigt sind. Drängt das Blut aus der Herzkammer in die Körperschlagader (Aorta), schwingen diese Flügel auf, wie Saloontüren. Will das Blut wieder zurückfallen, schlagen sie zu. Simpel und effektiv.

Der Herzmuskel ist auf die reibungslose Mitarbeit der Klappen dringend angewiesen. Sie regulieren den Blutfluss durch das Pumporgan, durch die Lungen und in den Kreislauf. Ist eine der vier Herzklappen im Herzen defekt, muss sie repariert werden. Die Leber mag zu vier Fünfteln ausfallen, eine Niere, eine Lunge, die Milz, all das kann ein Körper verkraften – funktioniert aber die Klappe nicht, ist der Herzmuskel und damit das Leben gefährdet. Trägt der Klappenträger von Geburt an eine defekte Klappe in sich, oder verkalken sie im Alter, dann läuft die Uhr.

Viel zu selten hören Hausärzte noch Herzen ihrer Patienten ab

Auf dem Operationsplan steht ein Aortenklappenersatz bei einer 60-jährigen Hausfrau. Die Assistenzärzte haben bereits den Brustkorb geöffnet. Übersichtlich wie ein Motor unter der Kühlerhaube liegen dort die Organe. Rechts und links glänzen im Lichtkegel der Operationslampe die Lungenflügel, und in der Mitte hebt und senkt sich das Herz. Daraus windet sich die Aorta. Sie bebt etwas. Zwischen diesem großen Blutgefäß und den Herzkammern sitzt verborgen im Dunkel der Ader die Aortenklappe, sie ist stark verkalkt. Das Herz der Patientin hat jahrelang gegen diese Verengung angearbeitet.

Früher war das rheumatische Fieber oft für Degeneration des Gewebes verantwortlich. In der Penicillin-Ära aber ist die bakterielle Infektion mit Streptokokken fast ausgestorben. Heute rauchen die Menschen, essen fett und haben deshalb einen zu hohen Cholesterinspiegel, das fordert an allen Blutgefäßen und auch an den Herzklappen seinen verkalkenden Tribut. Der häufigste Austauschgrund sind deshalb wie an den Herzkranzgefäßen starke Kalziumeinlagerungen. Bei der Patientin aber waren von Geburt an nur zwei von drei zarten Klappensegeln angelegt. Eine Anomalie, die ungünstige Strömungsverhältnisse hervorruft. Solche Klappen altern schneller.