Im Schwäbischen heißt der Schlaganfall »Schlägle«; doch vom »Herzinfarktle« zu sprechen würde niemand wagen. Ein geschädigtes Herz wird allemal ernster genommen als ein Hirn, das schlagartig aussetzt. Dabei sind in beiden Fällen die gleichen Mechanismen am Werk: Gerinnsel verstopfen die Blutgefäße und blockieren die Sauerstoffzufuhr zu Hirn oder Herz. In beiden Fällen müssen Ärzte diese Pfropfen innerhalb der ersten drei Stunden medikamentös auflösen – sonst sind die Schäden irreversibel. Schlaganfallpatienten aber fehlt das Drängende, Eilige, sie sind gelähmt oder können nicht mehr sprechen. Viele Herzinfarktopfer hingegen klagen laut über große Schmerzen im Brustkorb. Ihnen stehen unter anderem 600 Herzkatheter-Labore zur Verfügung – für Schlaganfallpatienten dagegen gibt es nur 150 spezialisierte Abteilungen. Die Sterblichkeit durch Herzinfarkte sinkt, die Sterblichkeit durch Schlaganfälle steigt. Das »Schlägle« bringt jährlich 66000 Menschen um. BILD

In der Medizin regiert die Ungerechtigkeit. Wer glaubt, Krankheiten würden vorurteilslos diagnostiziert und entsprechend ihrer Schwere gewürdigt, liegt falsch. Auch Leiden unterliegen Moden. Manche sind en vogue , andere werden schamhaft verdrängt. Ein Herzinfarkt zum Beispiel gilt geradezu als Ausweis eines erfüllten Arbeitslebens; dem Schlaganfall dagegen haftet der Ruch des Alte-Leute-Leidens an; Krebs wird als bösartiger, hinterhältiger Feind bekämpft; wer an Raucherhusten erkrankt, muss sich gegen den Vorwurf wehren, selbst schuld zu sein. Solche – oft unterschwelligen – Assoziationen können für die Betroffenen ernste Folgen haben. Der Ruf einer Krankheit entscheidet nicht nur darüber, ob ihre Erforschung ausreichend finanziert wird, sondern auch, ob Patienten eine angemessene Behandlung und Beachtung erfahren. Eine heimliche Agenda wirkt in der Medizin, die niemand gerne öffentlich macht. Weder Medizinsoziologen noch Versorgungsforscher oder Epidemiologen haben in Deutschland bisher Daten erhoben, aus denen sich ableiten ließe, welchen Krankheiten zu viel und welchen zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wird.

Grund genug für die ZEIT, auf die vergessenen Volkskrankheiten aufmerksam zu machen. Von dieser Woche an werden in einer achtteiligen Serie weit verbreitete Leiden vorgestellt, die im Schatten berühmterer Krankheiten stehen. Jeder kennt die Zuckerkrankheit, den Diabetes. Wer aber hat je vom metabolischen Syndrom gehört, einer komplexen Vorstufe des Diabetes, die ebenso häufig ist? Wie oft liest man etwas über den Austausch von Herzklappen, mit rund 18000 Eingriffen pro Jahr immerhin die zweithäufigste Art der Herzoperation in Deutschland? Eine Bypass-Operation dagegen, das gilt was, da darf man sich in einer Riege mit Staatenlenkern wie Bill Clinton fühlen!

Wie erklärt sich dieses unterschiedliche Image von Krankheiten? Sind das kulturelle Umfeld, die Machenschaften der Pharmaindustrie, der einseitige Blick der Medien schuld? Antwort: alle zugleich. Die Moden des Leidens verändern sich dynamisch, sind immer auch ein Spiegel des jeweils herrschenden Zeitgeistes. So wurde etwa die Tuberkulose im 19. Jahrhundert noch mit blassen, durchgeistigten Künstlern in Verbindung gebracht, galt als erbauliche, vornehme Krankheit. Später erschien die Schwindsucht als ein Übel des Proletariers, der in lichtlosen Kellern vegetieren musste. Und heute wird sie wiederum als Gefahr aus den armen Ländern im Osten thematisiert.

Krebskranke Kinder eignen sich für Titelgeschichten – herzkranke nicht

So richtig entsteht und manifestiert sich der Ruf einer Krankheit erst über ihr Medienecho. »Die ›skandalisierte Krankheit‹ beherrscht die Medien, die Krankheiten indes, an denen die Menschen wirklich sterben, werden nicht erwähnt«, kritisiert Alfons Labisch, Medizinhistoriker und Rektor der Universität Düsseldorf. Schlagzeilen lassen sich mit autistischen Rechenkünstlern machen, mit früh vergreisten Kindern oder Zwillingspaaren, die an den Köpfen zusammengewachsen sind – mit Fallgeschichten also, die Erstaunen, ethische Bedenken oder Emotionen auslösen. Besonders gut eignen sich dafür naturgemäß kranke Kinder. Spätestens seit der stern 1985 eine große Titelgeschichte über krebskranke Kinder (Für dieses Kind lohnt jeder Einsatz) veröffentlichte, ist das Bild der kahlköpfigen Opfer in unserem Denken verankert. Entsprechend groß ist bis heute die Spendenbereitschaft. Die Deutsche Krebshilfe kann für Kinder jährlich 7,6 Millionen Euro ausgeben – unter anderem für Psychologen, Studien, Gebäude und seit 2003 für die Nachsorgeeinrichtung Waldpiratencamp in Heidelberg.

Aber was ist mit nieren- oder herzkranken Kindern? Ihnen sieht man das geschädigte Organ nicht an – auf einem Titelbild sähen die meisten gesund aus. Also kommen sie auch nicht in die Medien. Und der Bundesverband für herzkranke Kinder muss mit wenigen hunderttausend Euro Spenden pro Jahr auskommen. Psychologische Betreuung, Betten für Mütter oder Studien für Medikamente sind kaum finanzierbar. »Während die Kinderkrebsärzte schon ihre Therapie optimieren, fehlt uns das Geld für die ersten Studien«, klagt Hermine Nock vom Bundesverband.

Dabei sind schwere kindliche Herzfehler nicht seltener als der Krebs am Anfang des Lebens. Manche der 6000 Kinder, die jährlich mit einem Herzfehler geboren werden, haben nur eine Herzkammer, die Blutgefäße sind verkehrt herum ans Herz gewachsen oder die Herzklappen sind verengt. Einige müssen sich wiederholt schwierigen Operationen unterziehen, sind extrem schwach und haben nur eine Lebenserwartung von ein paar Jahren. Doch wenn Jochen Weil, Chef der Kinderherzklinik des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf, auf einer Party von seiner Profession erzählt, fragen Gesprächspartner häufig irritiert: »Herzkrankheiten bei Kindern? Ich dachte, so etwas gibt es nur bei Erwachsenen.«

Weil will sich nicht beklagen. Die technische Ausstattung seiner Abteilung sei gut. »Aber einen Arzt zur Forschung wegschicken zu können, ein paar Fachbücher mehr oder andere Kleinigkeiten, das wäre schon eine Erleichterung.« Vor einem Jahr wurde die Psychologenstelle auf eine halbe gekürzt. Dabei brauchen vor allem die Angehörigen psychische Unterstützung, wenn ihr Kind eine stundenlange schwere Herzoperation über sich ergehen lassen muss. Doch mit den 12000 bis 15000 Euro Spendengeldern, die Weils Abteilung pro Jahr erhält, ist nicht mehr drin.

Ganz anders sind die Verhältnisse in der Kinderkrebsabteilung desselben Klinikums: Dort stehen den kleinen Patienten – neben Ärzten und Pflegepersonal – drei Psychologen und eine Spieltherapeutin zur Verfügung. Und jährlich fließen 600000 Euro Spenden. »Kinder gelten als unschuldig, und Krebs löst bei vielen ganz allgemein Ängste aus«, erklärt Reinhard Schneppenheim, der Direktor der Kinderkrebsabteilung, die Spendenfreudigkeit.

Natürlich verdienen die krebskranken Kinder jedes Mitgefühl und reichlich Unterstützung. Aber es ist schon merkwürdig, wenn man von der noblen Krebsstation in die deutlich einfacher ausgestattete Kinderherzstation hinüberwandert. In der Erstgenannten gibt es ein Spielzimmer für die Kleinsten und einen Extraraum mit Internet-Computer für die Jugendlichen; der Garten mit Spielgeräten ist über eine lange Rampe erreichbar, über die die krebskranken Kinder auch mit Infusionsständern nach draußen gehen können. Auf der Herzstation dagegen ist das einzige Spielzimmer nur ein Viertel so groß wie nebenan, der Elternraum ist ein langer Schlauch, in dessen Ende eine Sitzgarnitur gedrängt ist. Bis vor kurzem mussten die Angehörigen der Kinder sogar noch an einem Tisch auf dem Stationsflur sitzen. Der Garten immerhin ist auch für die herzkranken Kinder zugänglich.

Neben solchen Unterschieden, die mit der Medientauglichkeit einer Krankheit zusammenhängen, kommen bei Erwachsenen noch andere, moralische Aspekte ins Spiel. Während die Erkrankung eines unschuldigen Kindes als schicksalhaft angesehen wird, stehen Erwachsene häufig im Verdacht, selbst schuld an ihrer Krankheit zu sein. Wer gegen seinen Körper »sündigt« und deshalb krank wird, muss doppelt leiden. Asthma zum Beispiel geht als Schicksal durch, der Raucherhusten dagegen, unter Experten als Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung (COPD) bezeichnet, ist eine »Selbst-Schuld-Krankheit«. »Ich sag in meinen Vorträgen manchmal, dass ist die Pfui-Erkrankung«, erklärt Tobias Welte, Pneumologe von der Medizinischen Hochschule Hannover. Dem Herzinfarkt, häufig durch fettes Essen und Rauchen bedingt, hängt dieser Ruf kaum nach.

Dieser Ruf hat Folgen: COPD wurde von der Forschung lange Zeit links liegen gelassen. Obwohl schätzungsweise 10 Prozent der Bevölkerung unter COPD leiden, verleugnen dies viele. »Noch immer behaupten drei Viertel der Patienten mit COPD, sie hätten Asthma – das ist schicker«, sagt der Pneumologe Welte. Selbst Ärzte, die es eigentlich besser wissen müssen, machen lieber immer wiederkehrende Infekte für den hartnäckigen Husten verantwortlich, als Ross und Reiter zu nennen.

Neben jenen, die als »schuldig« abgestempelt werden können, haben auch Menschen mit Geisteskrankheiten oder Psychosen einen schlechten Stand. Was den Kern der Persönlichkeit berührt, zu Kontrollverlust und sozialer Unberechenbarkeit führt, ängstigt die Umgebung. Nur wenige mögen bekennen, dass sie ihr Leben zeitweise nicht unter Kontrolle haben, dass eine Psychose ihnen ein eigenverantwortliches Leben unmöglich macht. Auf der »imaginären Imageliste« der Krankheiten stehen die Geisteskrankheiten deshalb ganz am Ende. Dies ist das Gebiet der Abwertung, der Ausgrenzung, des Stigmas. Die umfassendste Datenbank für medizinische Literatur, Medline, liefert zum Stichwort »Stigma« 3038 Treffer und 526 Schlagworte. Am häufigsten erscheint das Wort im Zusammenhang mit Geistes- und Gemütskrankheiten, keine einzige Verbindung gibt es dagegen zwischen »Stigma« und »Herzinfarkt«.

Mitunter beeinflusst auch das gewandelte Interesse einer Lobby die Wahrnehmung einer Krankheit. Lange Zeit etwa mussten herzkranke Kinder aus Deutschland nach London reisen, weil die Herzchirurgen hierzulande lieber Erwachsene operierten. Inzwischen konkurrieren aber zu viele Herzzentren um die Erwachsenen, daher spezialisieren sich diese nun auf Kinder. Parallel dazu stieg in den vergangenen zwei Jahren auch die Medienpräsenz von herzkranken Kindern – auch wenn sie wohl niemals so im Rampenlicht stehen werden wie ihre krebskranken Altersgenossen.

Der wichtigste Spin-Doktor für die Akzeptanz einer Krankheit allerdings ist die Pharmaindustrie. Immer wieder kommt es vor, dass aus unerfindlichen Gründen plötzlich bestimmte Krankheiten im Gespräch sind – Osteoporose, Hyperaktivitätssyndrom oder Brustkrebs. Und häufig bewirbt dann ein Pharmaunternehmen gerade mit aller Macht ein entsprechendes Präparat in Selbsthilfegruppen und Medien. Bestes Beispiel ist die Geschichte der erektilen Dysfunktion und Viagra. Noch vor zehn Jahren war die Impotenz das Sinnbild des männlichen Versagens. Kein Mann hätte sich getraut, mit diesem Makel Mitgefühl zu erregen. Das änderte sich erst, als dieses hoffnungslose Kapitel durch einen Technofix lösbar war. 1998 wurde Viagra durch den Pharmaproduzenten Pfizer eingeführt, und in kürzester Zeit war das Thema kein Tabu mehr. Die blaue Pille machte aus der Impotenz ein beherrschbares Problem mit Lifestyle-Appeal. Vor einigen Monaten ließ der alternde Playboy- Herausgeber Hugh Hefner wissen, dass er mit dem Einsatz von Viagra keine Probleme habe, wohl aber mit seiner Schwerhörigkeit. Ein Hörgerät? No way!

Eigentlich hätte man erwarten können, dass sich die Impotenzforscher ganz unabhängig von medialen Strömungen für das medizinische Problem einsetzen. Aber auch die Wissenschaft entdeckte das Problem der erektilen Dysfunkion erst richtig durch Viagra. Nach 1998 verdoppelte sich die Anzahl wissenschaftlicher Publikationen über die Erektionsschwäche. Das Geld folgt auch in der medizinischen Forschung nicht dem neutralen Bedarf nach wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn, sondern den Wünschen des Publikums.

Der Mediziner Cary Gross von der Yale University ging der Frage nach, ob die Vergabe von Fördergeldern der National Institutes of Health in Zusammenhang mit der Schwere von 29 Krankheiten (gemessen an durch Behinderung verlorenen Lebensjahren) steht. Sein Ergebnis: Einige Krankheiten waren deutlich über-, andere unterfinanziert. Die Forschung gegen Aids, Brustkrebs und Diabetes zum Beispiel erhielt überproportional kräftige Unterstützung, die Forschung über COPD, Lungenentzündungen und Depressionen vergleichsweise wenig.

Schuld am Forschungsdefizit ist auch die nationalsozialistische Vergangenheit

Die Frage, ob die Gelder in die richtige Richtung fließen, ist umso wichtiger, als Politiker und Mediziner auch in Deutschland zunehmend über Rationierungen im Gesundheitswesen nachdenken. Die Allokation, die Verteilung der Ressourcen auf die Kranken, ist noch ein Tabuwort. In Zukunft wird es häufiger zu hören sein. Medizinischer Fortschritt, steigendes durchschnittliches Lebensalter und fehlender Nachwuchs kosten das Gesundheitssystem so viel, dass die Kassen medizinische Leistungen rationieren müssen. Spätestens dann sollte sich die Gesellschaft über die Kriterien der Rationierung klar geworden sein. Wenn es dabei halbwegs gerecht zugehen soll, müssen in naher Zukunft die verzerrenden irrationalen Aspekte wie das Image von Krankheiten aufgedeckt werden.

Da es allerdings keine Wächter gibt, die streng begutachten, ob eine Gruppe Kranker das bekommt, was ihr zusteht, könnten zu den wichtigsten Hilfsmitteln eine angemessene Versorgungsforschung, eine zielgerichtete Epidemiologie und die medizinsoziologische Begleitforschung werden. Dieses Feld aber ist gerade in Deutschland noch kaum bestellt – ein Erbe der Vergangenheit. Nach den nationalsozialistischen Auswüchsen hatten Massenuntersuchungen in Deutschland einen schweren Stand. Lange Zeit wurde auf diesem Gebiet überhaupt nicht geforscht. »Erst langsam werden hier Versäumnisse nachgeholt«, sagt Ulrike Maschewsky-Schneide vom Berliner Zentrum Public Health, die im August einen internationalen Kongress für Versorgungsforschung in Berlin geleitet hat.

Völlig beseitigen lässt sich die verzerrte Warnehmung von Krankheit nicht. Menschen machen sich immer ein Bild von Krankheiten, sie wachsen mit diesen Bildern auf. Doch diese Metaphern führen ein unheilvolles Eigenleben, sie lenken von dem Bedürfnis der Kranken ab, die beste Behandlung zu bekommen. Die gesündeste Weise, krank zu sein, schrieb Susan Sontag in ihrem Buch Krankheit als Metapher, bestünde darin, »sich so weit wie möglich von metaphorischem Denken zu lösen, ihm größtmöglichen Widerstand entgegenzusetzen«. Mit der Serie über die unbeachteten Volkskrankheiten, mit Grafiken des Berliner Anatomie-Illustratoren Karl Wesker, will die ZEIT dazu beitragen, diesen heilsamen Prozess zu fördern.