War da was? Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hat inner- halb von wenigen Wochen einen Kanzler, einen Parteivorsitzenden, diverse Stellvertreter, Parteigranden und Möchtegernaufsteiger verloren, gestürzt, gedemütigt. Aber mit ihren 142 Jahren Erfahrung hat die Partei inmitten des Desasters auf Autopilot geschaltet und steuert unbeirrt durch alle Scherbenhaufen eine Große Koalition an, die ihre Freunde und Wähler so wenig gewollt haben wie die Selbstdemontage im Vorhof der Macht. Gerade weil es der SPD immer gelungen ist, ein diffuses Gefühl von der anständigeren Politik zu erzeugen und sie vorgab, die Verlierer der parteiinternen Scharmützel ehrenvoller abzuschieben als andere, gerade deshalb konnte sie immer auf die Treue jener zählen, deren größtes Kapital der unabhängige Kopf ist: Schriftsteller, Künstler, Regisseure, die "Intellektuellen". In Unterschriftenlisten, Anzeigen, Wahlkampfauftritten haben sie sich zur SPD bekannt. Und jetzt? Ist die Partei der Münte-Mörder immer noch die ihre?

"Königsmörder – was für ein Unsinn! Die Monarchie bleibt abgeschafft!" Erst will Klaus Staeck gar nicht reden über die Partei, der er seit 45 Jahren angehört. Doch dann bricht es trotzdem aus ihm heraus. Ein "Unfall" sei Münteferings Abgang als Parteivorsitzender; "Frau Nahles als Generalsekretärin zu wählen war doch nur der Versuch, das Amt politisch zu besetzen, eben nicht nach einem Links-rechts-Schema". Der Grafiker und Plakatkünstler Staeck ist der zuverlässige Dieselmotor in der Unterstützungsmaschine der SPD. Wie viele Wahlaufrufe, Unterschriftenaktionen, Petitionen er schon auf den Weg gebracht hat, weiß er selbst nicht so genau. Bei der Bundestagswahl "wollten wir die neoliberale Politik, die auch in Teilen der SPD wuchert, verhindern. Das ist uns zunächst gelungen. Da spielte es keine Rolle, ob ich Schröder zu 30, 50 oder 80 Prozent mag." Hat er denn schon seinen Frieden mit der Großen Koalition und den Turbulenzen in ihrer Wirbelschleppe gemacht? "Ich kann nur in Alternativen denken. Mehr war nicht drin, und das ist doch schon eine ganze Menge."

Das ist der Generalbass im großen Lied der SPD-Unterstützer: Im Zweifel lieber ein blasses Rot als reines Schwarz, ansonsten bitte keine Illusionen. "Ich bin kein Träumer", sagt Staeck. "Wie wichtig ist denn ein Vorsitzender? Was heißt das schon, wenn er ein Machtwort spricht?" Politik sei lediglich ein Reparaturbetrieb für die gesellschaftlichen Defekte, daran habe sich nichts geändert, seit er 1956 aus Bitterfeld in den Westen kam und alle Parteien systematisch abklapperte, um eine neue politische Heimat zu finden. Die SPD ist sein "Hangar" geworden, "weil mir Leute wie Erler oder Bahr glaubhaft vermittelt haben, dass sie sich für etwas einsetzen, das der Mehrheit der Menschen dient und nicht einigen wenigen". Es gehe ihm nicht um exotische Wunschträume vom Paradies, "da hat mich die DDR kuriert", sondern um anderes. "Jetzt werden Sie vielleicht lachen: Es ist die emotionale Verbundenheit mit Menschen, sage ich ganz pathetisch, die für diese Ideen, die ich im Kern teile, schon ihr Leben gelassen haben."

Wenn Staeck etwas ernüchtert, sind es nicht die aktuellen personellen Querelen. "Die Verbindlichkeit im Engagement über einen längeren Zeitraum hat nachgelassen, Sie müssen jedes Mal bei null anfangen. Die Leute sind nur noch schwer erreichbar." Dass das eine das andere bedingt, dass die Selbstbezogenheit einer vermeintlich altruistischen Partei besonders enttäuschte Liebhaber zurücklässt, ahnt Staeck natürlich. Aber dem 67-Jährigen wird es trotz aller Zumutungen auch in Zukunft nicht reichen, einfach nur Parteimitglied zu sein: "Karteileichen fühlen sich auf jedem Friedhof wohl."

Ein dankbarer Kunde für diese unermüdliche Trommelei ist Peter Rühmkorf; die Unterschrift des Dichters fehlt unter keiner von Staecks Initiativen. Was muss geschehen, damit so einer irre wird an seiner Partei? Undenkbar, sagt Rühmkorf, "ich bin schon zu lange damit zugange". Den Berliner Verwerfungen nähert er sich wie ein Geologe, der immer Verständnis hat für das Rumoren der Welt und die Risse in der dünnen Kruste. "Das gesamte Parteienspektrum hat sich nach der Wahl neu sortiert durch tektonische Erschütterungen, deren Nachbeben wir jetzt erleben. Sie gehen mitten durch meine Brust." Denn nun geht sein Privatplan für den weiteren Lauf der Welt nicht mehr auf. "Ich hatte gehofft, Münte spielt Merkel in einer Großen Koalition an die Wand und wird erste Geige. Diese groß geplante Strategie wurde nun total zerhauen von Nichtstrategen. Das bisschen innerparteiliche Demokratie wurde falsch eingesetzt."

Noch so ein wiederkehrendes Motiv im Gesang der alten Kämpen von der Partei: Bis zum Zynismus pragmatisch können sie sein, wenn sie ihre Lebensentscheidung für die SPD verteidigen. Bei Rühmkorf glänzt die Unbeirrbarkeit milde im Licht von Altersweisheit und Selbstironie. "Ich sehe das als ein Schachspiel, von dem ich möchte, dass meine Leute durchkommen." Natürlich sei die Nahles eine "wilde Hummel", die im Gesamtkonzert nicht fehlen dürfe. "Aber Hauptsache, freie Meinung? Da bin ich vorsichtiger, taktischer. Ich halte es mehr mit der Disziplin, auch wenn es in mir bibbert und bebt."

Nun haben vor der Wahl nicht nur die üblichen Verdächtigen für die Sozialdemokratie geworben. Missgünstig beäugt von politisch enthaltsamen Kollegen und der konservativen Presse, haben sich auf Initiative von Günter Grass ein paar jüngere Schriftsteller offen zur Es-Pe-De bekannt, Michael Kumpfmüller zum Beispiel und seine Frau Eva Menasse. "Es war das alte Modell, die Unterschriftenmaschine", erzählt Kumpfmüller. Und obwohl er "nicht bloß das Listenwesen von unten auffrischen" wollte, hat er mitgemacht. Weil er, geboren 1961, Vater von zwei Kindern, bei all dem Gejammer in den Kitas und Schulen dachte: Verdammt noch mal, das ist auch mein Staat! Weil er sich ärgerte über das Herbeischreiben einer rot-grünen Krise. Weil behauptet wurde, nur Schwarz-Gelb beachte naturwissenschaftliche Gesetze. "Jeder, der gegen sie war, wurde als Idiot dargestellt. Dabei geht es auch bei denen nicht um Gesetze, sondern allein um Interessen."

Und trotz der Selbstdemontagen seiner Partei ist er nachgerade glücklich über sein bescheidenes Engagement – weil ihm der Gegenwind das schöne Gefühl gab, was es heißt, eine Haltung zu haben. "Der Schriftsteller ist doch zum Auskunftsbüro geworden", sagt Kumpfmüller. Wozu hätte er in den letzten Monaten nicht alles eine Meinung haben sollen, zum Sex, zum ersten Kuss und zu seinen liebsten Weihnachtsplätzchen. "Diese Auskunftsbereitschaft wird gesucht und toleriert. Nur wenn es wirklich um was geht, ist es mit der Toleranz vorbei. Dann wird einem von Journalisten Anmaßung vorgeworfen." Aber sei es nicht schon eine Anmaßung, überhaupt ein Buch zu schreiben? Er arbeitet bereits am nächsten Akt einer dann doppelten Hybris, einem Roman, der die Mechanismen der Politik zum Thema hat.

"Politik kann nicht klüger sein als die Gesellschaft, die sie hervorbringt. Alles andere ist Heuchelei." Ein "skeptischer Optimist" will Kumpfmüller sein, des ganzen Krisengeredes ist er überdrüssig. Natürlich sei Politik immer zu spät dran. Nie hört die Krise auf, aber auch zur Katastrophe kommt es nicht mehr so schnell – dank der Politik. Darüber kann Kumpfmüller ins Schwärmen geraten. Gibt es nicht permanenten Fortschritt? Niemand hungert mehr! Wie weit hat es der Umweltschutz gebracht! Jetzt werden sogar artgerechte Flächen für Rebhühner gefördert! "Eigentlich müssten wir den ganzen Tag weinend vor Dankbarkeit aus dem Fenster schauen." Doch die SPD neige dazu, ihre Errungenschaften zu negieren, weil sie immer noch mehr wolle. "Über die Konservativen ist nie jemand enttäuscht."