Seit die Neurowissenschaften große Erfolge im Verstehen der Gehirnfunktionen wie im Marketing ihrer Befunde verzeichnen können, scheint es auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus anderen Disziplinen attraktiv, ihr eigenes Fach auf Anschlussmöglichkeiten zu allem, was mit "Neuro" beginnt, abzuklopfen. So beginnt eine Neuropsychoanalyse zu entstehen, eine neurokulturelle Geschichtsschreibung wird skizziert, eine Neurotheologie formiert sich ebenso wie eine Neurophilosophie.

Manche dieser Anschlussversuche grenzen an Konversionen, andere muten an, als würde man sein in die Jahre gekommenes Fach wie ein müdes Auto mit Breitreifen und Spoilern aufmotzen, damit es schneller aussieht, manche betreten – etwa in der Bewusstseinsforschung – einfach nur Konvergenzfelder zwischen den Disziplinen, ohne gleich die Identität des eigenen Faches dranzugeben.

Dass genau das auch nicht nötig ist, zeigen die Kernbefunde der Neurowissenschaft selbst, deren Tragweite von ihren Vertretern übrigens nur ausnahmsweise richtig gesehen wird. Der Umstand nämlich, dass das Gehirn ein nutzungsabhängiges Organ ist, dessen eigene neuronale Struktur sich nach den kommunikativen Erfahrungen organisiert, die ein Mensch macht, lässt ja mit einem Schlag alle tradierten dualistischen Fragen nach Anlage oder Umwelt, Instinkt oder Lernen, Natur oder Kultur als gegenstandslos erscheinen. Das menschliche Gehirn ist ein assoziativ arbeitendes Funktionssystem, das hinsichtlich seiner neuronalen Organisation keinen Unterschied zwischen Hardware und Software kennt.

Das hier ins Spiel kommende Zauberwort heißt "Plastizität", und dieser Begriff ist es, von dem der überaus ambitionierte Versuch von François Ansermet und Pierre Magistretti seinen Ausgang nimmt, Neurobiologie und Psychoanalyse zusammenzubringen. Die Autoren, Kinderpsychiater der eine und Neurowissenschaftler der andere, stellen sich die nicht eben bescheidene Aufgabe, eine Brücke zu schlagen zwischen der psychischen Spur, der eine Erfahrung zugrunde liegt, und einer "synaptischen Spur", in der dieselbe Erfahrung repräsentiert ist.

Und schwups, ist der Gordische Knoten durchschlagen

Dieses Unterfangen stellt nichts Geringeres dar als den Versuch, die kategoriale Lücke zwischen einem Gedanken und seiner neuronalen Prozessierung, letztlich zwischen dem Bewusstsein und dem Gehirn, zu überspringen. Schon Freud, dem der Wunsch, die Lücke zu überwinden, sehr vertraut war, war in der Angelegenheit höchst skeptisch.