sachbuch Für alle reicht es nicht
Die Studie »Gesellschaft mit begrenzter Haftung« liefert das Porträt eines Landes, in dem gute Jobs knapp sind
Also komischerweise, bei mir hat sich eigentlich die letzten Jahre nichts geändert, im Gegenteil, es ist eher besser geworden.« Ein Satz, der für sich steht und gleichzeitig ein ganzes Buch zusammenfasst.
Er ist widersprüchlich, widersinnig. Wenn es für den Sprecher (einen bildenden Künstler) mit dem Leben und Arbeiten mit der Zeit besser geworden ist, dann hat sich für ihn natürlich etwas geändert, und zwar zum Positiven hin. Dass die Aussage diesen offenkundigen Zusammenhang in Abrede stellt, verbürgt ihren kulturellen »Tiefsinn«. Wie selbstverständlich setzt der Autor Veränderung implizit mit Verschlechterung gleich und bringt damit eine tiefgreifende Wandlung des kollektiven Denkens und Fühlens auf den Punkt.
Es ist noch gar nicht lange her, da hofften Menschen hierzulande auf Veränderungen, blickten sie, im Großen wie im Kleinen, mit Zuversicht auf das, was kommt. In jüngerer Zeit haben viele diesbezüglich das Fürchten gelernt. Verbesserungen der eigenen Lebenssituation bilden die Ausnahme statt, wie zuvor, die Regel; wenn sich etwas ändert, steht zumeist ein Abschwung zu erwarten, eine Verunsicherung, wenn nicht Erschütterung der Grundlagen des Lebens, vor allem der beruflichen, sozialen. Schon die Bewahrung des Status quo ist heute ein Erfolgserlebnis, und wer sich besser steht, der preist sein Glück mit treffend schiefen Worten: »Geändert hat sich bei mir nichts.«
Den weitaus meisten Personen, die in dem Band zu Wort kommen, blieb dieses Glück versagt. Sie erlebten Veränderungen, durchlitten sie, im Einklang mit dem Untertitel der Untersuchung: Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag. Der sprachliche Anklang an die schon klassische Studie, die eine französische Forschungsgruppe um Pierre Bourdieu 1993 publizierte (La misère du monde; deutsche Ausgabe: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft), ist gewollt, sogar Programm.
Hier wie dort entfaltet sich ein breites Spektrum von Berufen, Lebensweisen, von Orientierungen und Wünschen, die nur allzu oft mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten kollidieren. Die »bürgerlichen Stände« sind vertreten (vom Lehrer über den Gymnasialdirektor bis hin zur wirtschaftlichen Führungskraft), aber der Akzent liegt auf den unteren Etagen des Gesellschaftsbaus, auf der Verkäuferin im Supermarkt, dem Pförtner mit dem Zeitarbeitsvertrag, dem stellungslosen Akademiker. Dazwischen siedeln Angestellte im öffentlichen wie im privaten Dienst. Am Rande stehen die sozialen Außenseiter, Arbeitsnomaden, Aussiedler aus dem Osten, für jeden Job zu haben, Immigranten ohne rechtlich definierten Status, Sozialfälle am Gängelband der Ämter, Straftäter in der Haft. So etwa ist sie »aufgestellt«, die deutsche Gegenwartsgesellschaft.
Die objektiven Unterschiede zwischen den sozialen Lagen und Lebenssituationen sind erheblich, und sie begründen ein Gefälle auch der jeweiligen persönlichen Gestimmtheit. Doch der Zusammenhang ist nicht so zwingend, so eindeutig, wie man denken könnte. Ohne Arbeit dazustehen, die ein Leben trägt, von Hause aus und schulisch mit wenig kulturellem Kapital versehen – das ist ein Unglück, und so wird es überwiegend auch erfahren.
Aber auch am Gegenpol, wo sich die Privilegien stapeln – auskömmliche und anspruchsvolle Arbeit, mit sozialen Garantien ausgestattet und von hohem Sozialprestige begleitet –, herrscht oftmals Unzufriedenheit. Mit der Verantwortung wächst der Erfolgsdruck, der Arbeitstag wird intensiver oder länger, je nachdem, der Funktionskreis immer umfänglicher, die Grenzen zwischen beruflichem und privatem Dasein drohen zu verschwimmen, und was der Arbeitgeber früher übernahm, Kosten für Weiterbildung beispielsweise, bestreitet der Arbeitnehmer neuen Typs heute »bereitwillig« aus eigener Tasche.
- Datum 10.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.11.2005 Nr.46
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