medien Bin Laden war gestern
Der Satellitenkanal al-Dschasira hält neuerdings Abstand zu Terroristen und wirbt für Demokratie in der arabischen Welt
Scheu blinzelt er ins Scheinwerferlicht. Mohamed al-Schatir ist es nicht gewohnt, vor einer Kamera zu sitzen. Vergangene Woche war der stellvertretende Führer der Muslimbruderschaft zu Gast bei al-Dschasira. »Im Namen Gottes«, beginnt der graubärtige Mann seine Rede und räuspert sich, »ich danke Ihnen für die Gelegenheit, hier zu sprechen.« Es ist Parlamentswahlkampf in Ägypten, und die islamistische Organisation ist zwar offiziell verboten, zugleich stehen ihre Kandidaten in fast allen Wahlkreisen auf den Listen. Eine Herausforderung für die Mächtigen Ägyptens und damit Futter für den skandalhungrigen Satellitensender al-Dschasira. Quasi alle arabischen Regierungen haben sich schon über den Sender beschwert, und auch Washington reagiert empfindlich. Der Kanal hetze das Volk auf, gebe Al-Qaida-Terroristen ein Forum und schüre anti-amerikanische Gefühle, lauten die Vorwürfe. Das ist sicherlich alles richtig, aber al-Dschasira tut zugleich noch etwas anderes: Es päppelt die Opposition in der arabischen Welt.
»Das Satellitenfernsehen hat entscheidend dazu beigetragen, dass Reformbewegungen in der Region entstanden sind«, sagt Nasser Amin, der eine Menschenrechtsorganisation in Kairo leitet. »Früher gab es nur staatliches Fernsehen. Das hat einfach nicht über uns berichtet. Also wusste niemand, dass es uns gab«, erklärt er. Wenn Nasser Amin jetzt eine Versammlung organisiert, dann sind da die Kameras von al-Dschasira und Co. Sie sind auch zugegen, wenn die Demonstranten ihre Parolen gegen den Straßenlärm brüllen. Und die Kameras laufen, wenn die Sicherheitskräfte zuschlagen. Fast scheint es, als habe der Sender aus Qatar einen festen Platz im Nachrichtenablauf für die Reformbewegung reserviert: Demo in Kairo, Versammlung in Casablanca, neue Organisation in Beirut.
»Wir wollen Diktatoren stürzen«, sagte Mohammed Jassem al-Ali. Das war im Frühjahr 2002, und da klangen die Worte des damaligen Intendanten von al-Dschasira größenwahnsinnig. Zu jener Zeit setzte der Sender gerade zum Höhenflug an. Bekannt geworden war der Nachrichtenkanal im Westen durch bin Ladens Videobotschaften und die exklusiven Bilder aus Afghanistan – al-Dschasira hatte als einziger Sender einen Korrespondenten in Kabul, als der Krieg 2001 begann. In der arabischen Welt waren es die Talksendungen, welche die Zuschauer begeisterten und den lokalen Diktatoren den Schweiß auf die Stirn trieben. Kein anderer Kanal hatte so viele Reporter und eine so gute Infrastruktur im Irak. Doch im Frühjahr 2003 begann mit dem Fall Bagdads der Abstieg des Senders. Mohammed Jassem al-Ali stürzte selbst. Nachdem Vorwürfe laut geworden waren, er habe auf Saddam Husseins Gehaltsliste gestanden, trat er zurück. Das Al-Dschasira-Büro in Bagdad ist seit knapp zwei Jahren geschlossen. Der Reporter Taisir Aluni, der einstmals Bilder aus Kabul lieferte, wurde gerade von einem spanischen Gericht zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er soll al-Qaida mit Informationen versorgt haben.
Al-Dschasira sank auch in der Zuschauergunst: Vielen wurde der Ton zu hetzerisch. Meinungsumfragen zeigen, dass Selbstmordattentäter nicht mehr unbedingt als Helden gesehen werden. Mit ihren brutalen Methoden haben sich besonders die Terroristen im Irak aus der Zuschauergunst gemordet.
Al-Dschasira, feinfühlig für die Stimmung der Straße, hat reagiert: rein äußerlich mit einem neuen Design. Statt der nüchtern abstrakten Formen, die 2003 von einer Münchner Firma entwickelt wurden, plätschert und glitzert es wieder auf dem Bildschirm. Auch inhaltlich zeigt sich der Sender weniger konfrontativ. »Es gibt eine Diskussion darüber, welchen Raum wir den Radikalen einräumen«, sagt Khaled Hroub, ein leitender Mitarbeiter. Er habe es immer für einen Fehler gehalten, die Videos der bewaffneten Gruppen im Irak zu zeigen. »Die Tapes von bin Laden sind eine andere Sache, Ausschnitte davon haben Nachrichtenwert, und die Menschen haben ein Recht, zu erfahren, was er will. Die Ausstrahlung der Erpressungen der Bewaffneten, das war ein Fehler.« Seine Einsicht hat sich durchgesetzt. Jetzt werden – wenn überhaupt – nur noch kurze Ausschnitte gezeigt. »Wir diskutieren und lernen«, räumt Lamis Adonis, Mitglied der Leitung von al-Dschasira, ein. Es reiche nicht mehr aus, die Mikrofone zu öffnen und den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihrem Ärger Luft zu machen. »Wir müssen versuchen, ihnen Wege zu zeigen, wie sie tatsächlich etwas verändern können. Zum Guten!«
Al-Dschasira experimentiert weiter. Vom kommenden Frühjahr an soll ein englischer Schwesterkanal auf Sendung gehen. Prominente Gesichter wie Ex-CNN-Moderator Riz Khan wurden verpflichtet, dennoch bleibt unklar, an wen sich das Programm richtet. Zuschauer aus dem Westen werden wohl nur gelegentlich hinüberzappen. Die Standorte (ein Teil des Programms soll aus Kuala Lumpur, ein anderer aus London gesendet werden) deuten eher auf eine andere Zielgruppe hin: die Muslime außerhalb der arabischen Welt. Doch englischsprachige Nachrichtenkanäle gibt es viele und von guter Qualität. So wird der neue Sender nur eine Chance haben, wenn er sich aufs Gefühl spezialisiert. Vielleicht gelingt es dem Programm, der islamischen Welt eine Zusammengehörigkeit zu geben, die ihr bisher fehlt: das Gefühl einer TV-Gemeinschaft, einer Al-Dschasira-Umma. Finanziert wird die Al-Dschasira-Familie durch den Emir von Qatar. »Es war geplant, dass wir uns selber finanzieren, aber aus politischen Gründen machen Werbekunden einen Bogen um uns«, erklärt Lamis Adonis.
In Washington scheint sich derweil die Abneigung gegen al-Dschasira zu legen. Kürzlich äußerte sich Außenministerin Condoleezza Rice angetan über den »wirklich bemerkenswerten Einfluss« der Satellitenstationen auf die Demokratisierung. »Das habe ich doch schon immer gesagt!«, ruft Abdullah Schleiffer, der jahrzehntelang für amerikanische Sender aus der Region berichtet hat und jetzt an der Amerikanischen Universität von Kairo unterrichtet: »Endlich wacht Washington auf und sieht, dass die freie Rede – auch wenn sie oft gegen die USA gerichtet ist – wichtig für die demokratische Kultur in der Region ist.« Er sehe die Auswirkungen der Satellitenrevolution besonders deutlich, wenn er das staatliche Fernsehen arabischer Länder anschalte. »Bisher haben die Informationsminister versucht, sich mit Kosmetik zu retten: Sie haben hübschere Moderatorinnen eingestellt und bringen jetzt auch Talkshows mit etwas kritischeren Fragen. Doch sie werden nachgeben müssen.«
- Datum 06.10.2006 - 06:37 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.11.2005 Nr.46
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