Vieles liegt im Argen, die Politik, der Frieden, die klimatischen Veränderungen. Da ist es erstaunlich, wie gesund und prosperierend sich der Kunstmarkt derzeit darstellt. Die jüngsten Auktionen mit impressionistischen und postmodernen Werken in New York brachten triumphale Ergebnisse. Und die erstmals von Christie's in der britischen Hauptstadt praktizierte Versteigerung London Contemporary verhalf Künstlern einer Anfang der siebziger Jahre geborenen jüngeren Generation wie Wilhelm Sasnal, Hiroshi Sugito, Tim Eitel oder Albert Oehlen zu enormen Preissprüngen.

Auf der Frieze Art Fair glühten allein für ein Interieur von Matthias Weischer 26 Telefonleitungen. Weischers auf maximal 33 000 Euro geschätztes, nur 75 mal 90 Zentimeter großes Ölgemälde aus dem Jahr 2003 wurde für fast das Zehnfache mit 308 531 Euro zugeschlagen. Ähnlich gut ging das Los Nummer 110 und brachte einem Untitled von Albert Oehlen ebenfalls einen Weltrekordpreis: 357 990 Euro. Eine Tankstelle im Abendlicht aus dem Jahr 2000 von Anton Henning konnte die Taxe auf 52 992 Euro verdoppeln.

Die zum dritten Mal stattfindende Kunstmesse Frieze im Regent's Park zum Anlass zu nehmen, Kunst aus dem Spektrum der dort angebotenen, stark nachgefragten Künstler in einer Parallelveranstaltung aufzurufen, hat bestens funktioniert. Die in Düsseldorf beheimatete Christie's-Expertin für zeitgenössische Kunst, Herrad Schorn, sagt: Das war auch der Versuch, neue, junge Käuferschichten anzuziehen. Dem kam das Auktionshaus mit Partys und Cocktails entgegen. Das Angebot ist da, das nötige Kapital ist da und die Nachfrage auch. Allerdings sind das größtenteils keine spekulativen Käufe wie Ende der achtziger Jahre, sondern der Boom ist eher ein gesellschaftliches Phänomen.

Kunst sei inzwischen ein wichtiger, ja unverzichtbarer Bestandteil unseres Alltagslebens geworden, glaubt Schorn. Das gehe weit über den viel zitierten sexy Lifestyle mit Kunst hinaus. Dafür spreche auch das große Engagement öffentlicher Institutionen und etablierter Sammlungen. So gingen nur zwei der zehn teuersten Arbeiten bei London Contemporary in den Handel, darunter die für 440 422 Euro zugeschlagene Neonarbeit von Bruce Nauman, Eating Buggers (Version II), von 1985, die bereits durch die Hände so prominenter Händler wie Leo Castelli in New York und Anthony d'Offay in London gegangen ist.

Entsprechend hoch waren bei Christie's die Erwartungen an die New Yorker Auktion für zeitgenössische und Nachkriegskunst am 8. November in New York mit der Ikone In The Car von Roy Lichtenstein aus dem Jahr 1963, das sein Sohn Mitchell eingeliefert hat und für das immerhin bis zu 16 Millionen Dollar erwartet wurden. Nicht nur um die Zeitgenossen reißen sich die Käufer, darunter 44 Prozent Europäer, etwa 38 Prozent Amerikaner und zehn Prozent Asiaten. Einen überwältigenden Zuspruch registrierte das Haus bei der jüngsten Auktion mit Werken des Impressionismus und der Klassischen Moderne.

Das Gesamtergebnis lag über 160 Millionen Dollar, das beste Resultat seit 15 Jahren. Die Millionen schienen locker zu sitzen, vor allem für das Frühwerk La Blanchisseuse von Henri Toulouse-Lautrec, das für fast 20 Millionen Dollar an einen anonymen Telefonbieter ging. Knapp 12 Millionen Euro erzielte ein Seerosenbild von Claude Monet, Nymphéas, aus dem Jahr 1907.

Mehrere amerikanische Museen gaben in diesem Herbst Werke zur Auktion. Das Art Institute of Chicago besserte mit dem Verkauf des Jongleur von Marc Chagall seinen Ankaufsetat um 3,6 Millionen Dollar auf. Ebenfalls bei Sotheby's glänzten 42 Lose mit der Provenienz des Los Angeles County Museum, darunter Werke von Max Beckmann, Max Ernst, Amedeo Modigliani und Paul Klee.