Es steht nicht gut um den politischen Journalismus im Fernsehen. Jedenfalls sagt dies eine Studie, die dieser Tage auf dem 10. MainzerMedienDisput diskutiert wird. Der Name der Veranstaltung (er schreibt sich wirklich so, ohne Leerzeichen und Bindestriche) lässt darauf schließen, dass es auch um den medienkritischen Disput, rein rechtschreibtechnisch, nicht zum Besten steht; aber das soll uns hier nicht weiter interessieren. Die Studie jedenfalls sagt Wahres und leider auch schon länger Bekanntes: Von der Politik im Fernsehen ist außer Nachrichten und Talkshows nicht mehr viel übrig geblieben. Zahl und Länge der Magazinsendungen, einst Stolz und Hauptwirkungsfeld eines investigativen Journalismus, schwinden unaufhaltsam. Die Sendeplätze werden schlechter, die einzelnen Beiträge kürzer. Der Spektakelwert steigt, der Informationsgehalt sinkt, kurzum: Die Arbeit an der Zuschauerverblödung hat höchste Priorität gewonnen.

Man könnte es allerdings, aus Sicht der Sender, auch umgekehrt formulieren: Das Programm passt sich dem sinkenden Anspruchsniveau des Publikums an. Manchmal hat man sogar den Eindruck, es versuche, um nur ja nicht zu spät zu kommen, das Absinken vorwegzunehmen. Denn das Fernsehen, anders als der verordnete Optimismus seiner Unterhaltungssendungen vermuten lässt, ist ein pessimistisches Medium. Bei abnehmenden Zuschauerquoten kennt es nur eine Erklärung: Die Sendung war zu intelligent für den Zuschauer. Sie braucht ein Downgrading. Sie muss dümmer werden oder aus der Hauptsendezeit verschwinden. Noch ist aus keiner Anstalt bekannt geworden, dass sie an einem intellektuellen Upgrading gearbeitet hätte, um das Publikum zurückzugewinnen.

Verachtung des Zuschauers (bei gleichzeitig panischer Angst vor ihm) ist der Wesenskern des Fernsehens. Wahrscheinlich erklärt dies auch die schaudernde Faszination, mit der es die Schreckensnachrichten von der Bildungskatastrophe behandelt. So wie die Pisa-Studie die deutschen Schüler schildert, haben sich die Journalisten ihr Publikum schon immer vorgestellt. Sie vergessen allerdings, bei ihrem Schimpfen auf die Schulen, den eigenen Anteil an einem gesellschaftlichen Klima, das allen Bildungsanstrengungen abhold ist. Wie sollen Lehrer den Kindern eine Lernleistung abverlangen, wenn das Fernsehen ihnen von morgens bis abends die Kenntnislosigkeit als Ideal vorführt und jede Sendung abschafft, die eine Wissenslücke aufdecken könnte? Bildungsstoff taucht nur noch in Quizsendungen auf: als schrullige Kuriosität, als etwas, das bestenfalls an ein Hobby, schlimmstenfalls an eine Mode von gestern erinnert.

Gewiss lässt sich einwenden, Fernsehen sei nicht die Schule der Nation. Aber Fernsehen definiert doch, stärker als alle anderen Medien, was als normal zu gelten habe. Und hier liegt, vor allem Versagen der Bildungseinrichtungen, die eigentliche Ursache der Pisa-Katastrophe. Denn was das Fernsehen als normal definiert, ist Oberflächlichkeit, Konzentrationsschwäche, Wissensmangel und Denkfaulheit.