Das Theater ist zurzeit vor allem mit dem Herstellen von Essenzen beschäftigt. Es kocht Dramen ein aufs Wesentliche. Es stellt Knochenfonds und Blutsude aus alten Stücken her. Diese Essenzen werden dem Publikum gern als "Untersuchungen über das Böse" oder "die menschlichen Abgründe" serviert.

Dazu trägt das Theater ein Kostüm, das in der Biologie Schrecktracht genannt wird: Es ist die Tracht, mit der Beutetiere ihre Jäger abschrecken und sich stacheliger, mächtiger, grimmiger zeigen, als sie sind. Die aktuelle Schrecktracht des deutschen Theaters ist die Bluttarnkappe: die mit roter Farbe besudelte Haut des Darstellers. Bevorzugt sind die Darsteller unter diesen Bemalungen nackt, damit man die hübschen Muster auch sieht. Es ist keine lüsterne, provozierende oder glückliche Nacktheit, sondern eine des Grabs: Man trug schon das letzte Hemd und hat es sich wieder vom Leib gerissen, um Zeugnis abzulegen von dem, was man drüben gesehen hat. Man weiß offenbar mehr vom Tod als die Sterblichen, die unten im Saal sitzen.

Die rote Schrecktracht trägt man allerorten, zum Beispiel in Düsseldorf (in Jürgen Goschs Macbeth), in Paris (in Luc Bondys/Botho Straußens Schändung), und man trägt sie jetzt in Hamburg. Am Deutschen Schauspielhaus gibt es einen neuen Intendanten, Friedrich Schirmer, und wenn ein Chef neu in eine Stadt kommt, macht es sich gut, wenn er etwas zur Einschüchterung der Ansässigen tut. Er zeigt die Essenzen zweier Blut- und Schlachtstücke: Samples, Eindickungen, Gelees aus Shakespeares Macbeth und aus Hans Henny Jahnns Die Krönung Richards III.

Macbeth, das Drama des schottischen Königsmörders und Königs, den seine Tat in den Wahnsinn führt, wird in Hamburg kurz aufgekocht als Mafiageschichte. Spielort ist kein Schloss, sondern ein Hybridraum aus Toilette, Schlachterei und Seziersaal. Der Raum ist verkachelt, und die Seitenwand ist verspiegelt, sodass die Schlächter sich bei der Arbeit sehen können. Die Wände sind mit Blut und Kot verkrustet. Dies ist ein Ort der Menschen verarbeitenden Industrie. Hier treffen sich Männer mit Uhrketten, Nadelstreifenanzügen, Pistolenhalftern, Pelzkragen. Wo bleiben Pacino, De Niro, Joe Pesci, die Sopranos? Die Mafia ist in der Ästhetik so mächtig wie auf der Straße – als Universalmetapher des räuberischen Lebens, des Schattenstaats, des verkommenen Mitschwimmens. Sie herrscht auch hier.

Der Regisseur Marc von Henning ist der Leiter dieser Übersetzungsaktion: Er überträgt das Drama von 1606, das einen Stoff aus dem 11. Jahrhundert behandelt, in eine Beinahegegenwart, die wir zu kennen glauben, weil wir oft ins Kino gehen.

Macduff erzählt die ganze Geschichte, er leitet sie ein mit den Worten: "Ich war Gangster, einer von Duncans Leuten; ich gehörte zur größten Familie in der Stadt." Die Neuerzählung im Ton eines Synchronsprechers ist eine Geste des In-den-Griff-Kriegens, der Aneignung: Man unterwirft die Vergangenheit unserem Hunger nach Vermittlung, Vereinfachung und Gleichsetzung.

Zur Herstellung von Essenzen gehört es, dass man dem alten Stoff mit Analogien zu Leibe rückt. Macbeth = Don Corleone. Don Corleone = Heinz Mustermann. So demonstriert der Regisseur seine Verfügungsmacht über den Stoff. Analogien stehen nur dem Großdurchschauer zu Gebote: Er stellt sich über die Welten, die er vergleicht. Er verweigert jede Zeitgenossenschaft, indem er alle Epochen angewidert "kurzschließt". Das "="-Zeichen, das er zwischen alle Zeiten und alle Menschen setzt und das ihm stets als Brücke dient, ist der Mord: Den gab es immer, und es wird ihn immer geben. Es ist dieses "="-Zeichen, welches das aktuelle Theater so leer, so tautologisch macht.