Ganz schön chaotisch

Politiker schmollen, schmeißen hin, hauen ab: In der Hauptstadt regiert das Durcheinander. Ein echter Fortschritt!

Ich weiß nicht mehr, wann und wo genau ich zum ersten Mal stolz darauf war, Deutscher zu sein. Ich war noch ein Kind. Wir machten Urlaub, Italien oder Spanien, mit dem Opel Rekord. Meine Eltern sprachen über den Süden. Der Süden war schön. Aber er war auch das Chaos. Betrügerische Geschäftemacher, hupende Autofahrer, dauernd Regierungskrisen, Bestechung. Deutschland war ordentlich. Deutschland funktionierte tadellos. Niemand hupte oder betrog ohne Grund. Eigentlich hatte die Generation meiner Eltern ein relativ gut funktionierendes Nationalbewusstsein, trotz der unerfreulichen Ereignisse der vorangegangenen Jahrzehnte. Dieses Nationalbewusstsein bezog einen großen Teil seiner Betriebsenergie aus der Tatsache, dass Deutschland das Land ohne Chaos war. Irgendwie hatte das Chaos Angst vor uns. Das Chaos dachte wahrscheinlich: »Sobald ich deutschen Boden betrete, erheben sich Feldmarschall Rommels Panzerarmeen aus ihren Gräbern und eröffnen ohne Warnung das Feuer.«

Nun ist das Chaos da. Ich finde das weder rundum gut noch rundum schlecht, nur anders. Das Chaos ist eigentlich ein netter Kerl, unterhaltsam, witzig, kreativ, nur halt ein bisschen anstrengend. Eine Karrierebremse für das jeweilige Land ist das Chaos natürlich auch. Aber Karriere ist nicht das Einzige, was zählt.

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In den letzten Jahren habe ich häufig gelesen, dass Deutschland ein weniger wohlhabendes Land wird, nein, werden muss. Wende zum Weniger, neue Bescheidenheit. In weniger wohlhabenden Ländern fühlt das Chaos sich aber seit jeher viel wohler. Das scheint eine naturgesetzliche Wechselwirkung zu sein. An das Chaos hatten die Leitartikler nicht gedacht, als sie schrieben: »Wir brauchen einen Mentalitätswechsel.«

Auch von der »Berliner Republik« ist in den letzten Jahren viel die Rede gewesen. Man wusste nicht genau, was das sein könnte, Berliner Republik, aber man hatte das sichere Gefühl, dass Deutschland anders geworden sein muss, vereinigt, Hauptstadt Berlin, offiziell beendete Nachkriegszeit, das waren doch historische Einschnitte. Würde die Berliner Republik östlicher und protestantischer sein, wilhelminisch, hedonistisch, multikulturell, voll deutsch, Absteiger, Magnet für den Osten? Es gab tausend Theorien, an jeder ist ein bisschen was dran. Ich glaube, dass man es erst jetzt etwas genauer sehen kann. Also, ein paar Eigenschaften der Berliner Republik:

1.Das Chaos ist da. Schon vor dem gegenwärtigen Regierungsbildungs-Trouble hat bei uns eigentlich nichts mehr so richtig geklappt, man erinnere sich an die Regierung Schröder, an das Maut-Debakel, an das Hartz-IV-Debakel, an das Schulden-Debakel. Das Chaos in der Politik spiegelt aber lediglich das Chaos des deutschen Alltags. Versuchen Sie, in Deutschland etwas reparieren zu lassen, ein Auto oder einen Boiler zum Beispiel, zählen Sie mal, wie oft nachgebessert werden muss. Es ist wie bei der Einführung der Maut.

2.Das Private ist politisch geworden. Politiker laufen schon bei mittelgroßen Problemen davon. Woher kommt uns das bloß bekannt vor? Genau: Es entspricht dem modernen Paarungsverhalten der Großstädter. Ich erlaube mir den Hinweis, dass ein Mensch, der in seiner privaten Existenz den Werten Frustrationstoleranz und Fluchtvermeidung nachweislich einen sehr geringen Stellenwert zuweist, überfordert sein dürfte, wenn er all diese Eigenschaften plötzlich im Ministerbüro vorführen soll. Diese Person hat darin keine Übung. Das Verhaltensmodell der Problembewältigung durch Flucht, jahrzehntelang erfolgreich erprobt durch Tausende von DDR-Bürgern, hat in Deutschland sowieso ein besseres Image als anderswo. Inzwischen ist es gesellschaftlich so verankert, dass auch Beziehungstraditionalisten von ihm Gebrauch machen.

3.Berlin färbt ab. In Berlin klappt noch weniger als auf der Bundesebene. In Berlin versucht man zum Beispiel seit Jahren, einen Großflughafen zu errichten, die Schulen zu verbessern, das Wannseebad zu renovieren, einen Tunnel zu bauen oder auch nur ein Riesenrad oder auf dem Teufelsberg ein Hotel, all diese Dinge wollen und wollen einfach nicht gelingen, obwohl sie politisch nahezu unumstritten sind. Die Politiker der Berliner Republik bewegen sich in einer Stadt, in der ihnen jeder Stein zuruft: »Seit Jahren geht hier nichts mehr. Aber schaut her, die Stadt ist immer noch geil und knorke.«

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