Ich habe einen Traum
»Ich träume nur von Dingen, die realistisch sind, die auch Wirklichkeit werden können – also nicht von einer besseren, friedlichen Welt, in der es nur tanzende Kinder gibt, die Blumenkränze auf dem Kopf tragen. So ein Quatsch! Für wen halten Sie mich?«
Es muss kurz nach dem Tod meiner Mutter gewesen sein. Ich war ein kleiner Junge und lebte bei meiner Großmutter in Queens, als ich anfing, von Autos zu träumen. Ich hatte damals nur ein bunt bemaltes BMX-Rad, mit dem ich durch die Nachbarschaft geheizt bin, und als es mir geklaut wurde, hatte ich gar nichts mehr und musste laufen. Wenn ich »Autos« sage, meine ich nicht irgendwelche Karren, sondern BMWs, Lamborghinis, Ferraris, Bentleys, Mercedesse, Porsches. Mir war schon als kleiner Junge klar: Leute, die diese Autos fahren, die Schmuck tragen und andere sündhaft teure Sachen, die müssen etwas richtig gemacht haben im Leben. Die haben es zu was gebracht, und die sehen auch noch gut dabei aus. Ich wollte unbedingt so sein wie diese Leute, aber mein Leben in Queens sah anders aus.
Ein großes Auto sagt: Erfolg, Erfolg, Erfolg; es ist die Lösung fast aller Probleme. Mit meinem unfassbaren Erfolg, nach der Veröffentlichung des Albums Get rich or die tryin’, habe ich zuerst meiner Großmutter eine schwarze Mercedes-Limousine gekauft. Ihr erstes richtiges Auto, darauf hat sie 70 Jahre lang gewartet! Und dann habe ich alle anderen Wagen für mich selbst gekauft. Endlich. Mir wurde klar: Träume können in Erfüllung gehen, wenn man hart dafür arbeitet und Glück hat.
Aber hey, 50 Cent gibt sich nicht mit ein paar lausigen Autos zufrieden! Er träumt noch weiter! Ich will nämlich den Black-Music-Markt beherrschen und 50 Cent von jedem Dollar verdienen, den die HipHop-Industrie einbringt. Ich will unbedingt Chef eines Mega-Imperiums sein, meines Mega-Imperiums. Ich werde nur die Besten der besten Mitarbeiter einstellen und muss selbst nur noch die wichtigsten, wegweisenden Entscheidungen treffen. Ich sehe mich, wie ich an einem riesigen, glänzenden Schreibtisch sitze! Meine Jungs werden ganz vorne mitspielen, das verspreche ich Ihnen! Schließlich will ich den Nachwuchs fördern, ich habe es dank Eminems Hilfe doch auch weit gebracht – vom Jungen ohne BMX-Rad zum Mann mit vielen, vielen Autos. Meine G-Unit und ich, wir werden das Musikgeschäft revolutionieren. Ihr werdet euch noch umschauen!
Einen großen Teil des Geldes, das ich einnehme, werde ich in Filme investieren, damit ich eines Tages bei der Oscar-Verleihung in der ersten Reihe sitzen kann. Weil ich so reich und mächtig bin, werde ich nur die interessantesten Schauspieler verpflichten: Leonardo di Caprio, Tom Hanks, Angelina Jolie, Brad Pitt, und von mir aus kann auch Paris Hilton mitmachen. Mein Regisseur wird der unübertreffliche Steven Spielberg, klar, wer auch sonst? Ich bin mir sicher: So ein Film verkauft sich von ganz allein, der wird garantiert ein Selbstläufer – ich habe ein gutes Gespür fürs Geschäft. Ich werde einen Oscar nach dem anderen abräumen.
Ach ja, die Story. Die geht ungefähr so: Ein schwarzer Mann fliegt in seinem luxuriösen Privatjet zusammen mit vielen schönen, halbnackten Frauen um die Welt. An Bord geht es total zur Sache, sodass später im Kino nur eine dunkle Leinwand zu sehen sein wird – aber ich glaube, bei Ihnen hier in Europa wird nicht so scharf zensiert wie in den USA, richtig? Na ja, jedenfalls werden die meisten Zuschauer wohl nur die Geräusche hören, in etwa so: »Mhh … yeah … oh my God … 50’s magic stick…« Die Zuschauer werden sich ganz schön ärgern, dass sie nichts sehen können.
Dann fällt die Elektronik aus, die Maschine fängt Feuer, es wird richtig heiß, und das Flugzeug stürzt ab, mitten über dem Meer, überall sind Wrackteile. Alle ertrinken, auch die Besatzung und der Pilot, nur der eine schwarze Mann überlebt. Er kann sich im letzten Moment auf eine unbewohnte, wunderschöne Insel retten.
Auf der Insel herrscht immer gutes Wetter, es gibt Kokospalmen und einen paradiesischen Strand. Weil er Glück im Unglück hat, findet der Gestrandete einen Fußball. Dem malt er ein Gesicht auf und unterhält sich mit ihm, wenn ihm langweilig wird. Manchmal spielt er auch mit dem Ball. Den ganzen Tag mit einem Fußball alleine sein in so einem Flitterwochen-Setting, das findet er letztlich etwas öde. Er wünscht sich dringend etwas Gesellschaft.
- Datum 19.10.2007 - 12:58 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 10.11.2005 Nr.46
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren