interview"Ich bin eine amerikanische Frau"

Der dänische Filmemacher Lars von Trier im Gespräch über sexuelle Fantasien, den Papst, die Sklaverei in den USA und seinen neuen Film "Manderlay" von K.nicodemus

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DIE ZEIT: Lars von Trier, wer, glauben Sie, hat bei einem Interview die Macht, der Fragende oder der Antwortende?

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Lars von Trier: Ich könnte versuchen, auf einer symbolischen Macht zu beharren. Ich könnte die Regel aufstellen, dass Sie mich während dieses Gesprächs nur mit König Lars anreden dürfen. Ich könnte damit drohen, dass ich sonst aufstehe und den Raum verlasse. Aber das würde nichts daran ändern, dass bei einem Interview die gleichen Regeln wie im Kino herrschen. Egal was während der Dreharbeiten passiert. Macht hat, wer den Schnitt hat. Sie haben die Schere in der Hand, also haben Sie die absolute Macht.

ZEIT: Überhaupt scheinen Sie fasziniert von Machtverhältnissen. Mit den Dogma-Regeln haben Sie ein ästhetisches Kinomanifest formuliert, auch Ihre letzten beiden Filme Dogville und Manderlay funktionieren nach einem strengen formalen Prinzip. Was interessiert Sie so an Vorgaben und Gesetzen?

von Trier: Ich komme aus einer Familie kommunistischer Nudisten. Ich durfte tun und lassen, was ich wollte. Ob ich zur Schule ging oder mich mit Weißwein betrank, hat meine Eltern nicht interessiert. Nach einer solchen Kindheit sucht man im eigenen Leben nach Einschränkungen.

ZEIT: Dabei haben Kommunisten eigentlich sehr strenge Regeln.

von Trier: Das stimmt, aber da fängt es schon an, sehr kompliziert zu werden. Ich habe mich mein ganzes Leben lang für die Diskrepanz zwischen Philosophie und Wirklichkeit interessiert. Zwischen Überzeugungen und ihrer Umsetzung. Gemeinhin nimmt man an, dass alle Menschen in der Lage sind, auf einigermaßen vergleichbare Weise zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Aber warum sieht dann die Welt so aus, wie sie aussieht? Warum haben all die guten Absichten meiner Eltern nichts gebracht? Und warum führen meine eigenen guten Absichten zu nichts?

ZEIT: Vielleicht, weil Sie mehr daran interessiert sind, Regeln über den Haufen zu werfen, indem Sie neue Regelsysteme erfinden.

von Trier: Ich suche nach Begrenzungen, die meinen Handlungsspielraum und meine ästhetische Freiheit einschränken. In diesem kleinen Raum kann ich all meine Energie konzentrieren. Es ist ganz einfach: Wenn Sie in einer Gefängniszelle sitzen, können Sie besser über die Freiheit nachdenken.

ZEIT: In Ihrem neuen Film Manderlay versucht die die junge weiße Idealistin Grace, eine Gruppe von Sklaven zur Freiheit und damit zur Demokratie zu erziehen. Sie scheitert. Weil sie versucht, ihre Ideen gewaltsam durchzusetzen?

Leserkommentare
  1. Ein tolles Interview mit einem tollen Künstler!

  2. 2. \N

    Ein gutes Interview! Wäre übrigens auch interessant zu wissen, wieviel Schere benutzt wurde.

    • ThomasL
    • 11. November 2005 23:03 Uhr
    3. Genial

    Lars von Trier ist ein Genie.

    Das beweist er nicht nur durch seine Filme oder dieses Interview, sondern auch dadurch, daß er eine alte These Lügen straft.
    Nämlich der, daß innovative Künstler nur in virulenten Gesellschaften mit inhärent starken sozialen Gegensätzen gedeihen können (der Künstler als Seismograph -> dt. Literatur der 20er u. 30er; amerikanische Literatur und Filme des späten 20 Jhrhdt.)

    Ein Genie setzt sich über solche Regeln locker hinweg, braucht den vor der Haustür liegenden Kontrast nicht als Humus für die eigene Kreativität.
    Wie Münchhausen sich am Schopfe zieht, so lebt und schafft er weitgehend aus sich selbst heraus.

    • mangoes
    • 25. August 2006 13:28 Uhr

    Es muss Riesenspaß machen, sich mit Herrn Lars von Trier zu unterhalten, ich hätte da so viele Frage, die für offene Antworten gut wären....
    Ich halte Lars von Trier vor allen Dingen für einen genialen, fast schon sokratischen Spötter, der es sich erlauben kann, seinen eigenen Wahrheiten wirklich nahe zu kommen - und das offenbar auch immer wieder schafft.
    Ich empfehle allen, die mehr über ihn und seine Arbeitsweisen erfahren wollen sich den Dokumentarfilm mit dem ironisch gemeinten Titel "Die Gedemütigten" auf der DVD "Idioten" anzusehen. Ist beeindruckend in jeder Hinsicht.

  3. Ich denke, wir haben gute Aussichten auf viele weitere Lars-von-Trier-Filme. Wenn es stimmt, dass innere Widersprüche einen Menschen vorantreiben, dann besteht kein Zweifel: dieser Kerl wird so bald nicht zu stoppen sein. Nicht durch gute und nicht durch schlechte Kritiken.

    Ganz offensichtlich ist er nicht sehr zufrieden mit seiner Entdeckung, dass es das absolut Gute ebenso wenig gibt, wie das absolut Böse. Vor allem irritiert es ihn, dass die Extreme unglaublich rasch ineinander umschlagen können. Und es macht ihm Angst, dass niemand so recht zu sagen vermag, wer von uns das nächte Monster, der nächste Heilige sein wird. Möglich, dass er auch in sich selbst ernsthaft nach dem Schlüssel zu dieser verwirrenden Erkenntnis sucht. Sehr wahrscheinlich allerdings ist es nicht.

    Der Kinofilm als Lars-Von-Trier-Versuchslabor. Wie jeder andere moderne, clevere und tüchtige Wissenschaftler auch ist von Trier im Stande, seinen Forschungen die materielle Basis zu sichern. Er tut, was ihm Spaß macht und die Welt erweist sich dankbar. Wenn man mag, kann man sich ein Leben lang befassen mit den Gipfeln, Ebenen und Abgründen menschlicher Moral. Wenigstens genau so lange können einen ästhetische Experimente beschäftigen. Allein schon, weil immer neues Publikum nachwächst. Die meisten Leute hören irgendwann einmal damit auf. Lars von Trir wird vermutlich weitermachen.

    • iceman
    • 13. Mai 2007 20:51 Uhr

    om mani padme hum

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