von Trier: Es fängt schon damit an, dass sie eine sehr genaue Vorstellung von der Demokratie hat. Und dass sie genau zu wissen glaubt, wie die Menschen darin leben sollen. Sie versucht aber nicht, sich die Demokratie aus der Sicht eines ehemaligen Sklaven vorzustellen. Es geht um die politische und moralische Erziehung, die diesen Menschen fehlt. Die Parallele zum Irak drängt sich geradezu auf. Ich bin davon überzeugt, dass es auch im Irak des Saddam Hussein eine Art Moral gab. Natürlich tötete diese Moral eine Menge Menschen oder brachte sie ins Gefängnis. Aber man kann nicht die alten Regeln abschaffen, einfach neue aufstellen und glauben, dass das funktioniert. Moralische Traditionen müssen sich aus der Gesellschaft entwickeln. Und ich finde es immer noch erstaunlich, dass wir denken, die Art und Weise, mit der wir unsere Gesellschaften organisieren, sei die einzig richtige.

ZEIT: Stellen Sie sich vor, sie wären wirklich König Lars…

von Trier: Eine sehr einfache Vorstellung.

ZEIT: …und Sie hätten jetzt Gelegenheit, die Gesetze und Verordnungen aufzustellen, nach denen alle Menschen leben sollen.

von Trier: Es gibt da diesen einen tollen Leitsatz: Hinterlassen Sie die Toilette stets so, wie Sie sie vorgefunden haben. Vielleicht lautet sie auch: Behandeln Sie den anderen Menschen nur so, wie Sie selbst behandelt werden möchten. Kant hatte schon recht. Nur leider ist sein Imperativ auch ein wenig unspezifisch. Aber er ist immer noch eine der besten Richtlinien menschlichen Zusammenlebens. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass eine Gesellschaft ihre schwächeren Mitglieder gut behandeln sollte. Und das ist nicht, was die da drüben, in Amerika machen.

ZEIT: In Manderlay werfen Sie den Gedanken auf, dass die Sklaverei in den USA noch lange nach ihrer Abschaffung weiterlebt.

von Trier: Deshalb hat mich das, was in New Orleans geschehen ist, überhaupt nicht überrascht. Es sah so aus, als hätte dieser Sturm kommen müssen, um den Amerikanern die Augen zu öffnen. Um ihnen zu zeigen, in was für Verhältnissen die schwarze Bevölkerung lebt.

ZEIT: In Manderlay spielt Danny Glover einen alten Sklaven. Er sagt, dass es selbst nach der Abschaffung der Sklaverei ehrlicher ist, weiter in einer simulierten Sklaverei zu leben, als in einer Freiheit, die keine ist. Ist das auch Ihre Meinung?

von Trier: Als ich Manderlay schrieb, dachte ich Folgendes: Angenommen, wir streichen das Wort "Freiheit" aus unserem Vokabular. Schließlich lässt sich Freiheit auch nicht exakt definieren. Wenn man allein auf einer verlassenen Insel ist, kann man wahrscheinlich ziemlich frei sein. Leider muss man essen und trinken, und das beschränkt die Freiheit schon wieder. Wenn man aber nun den Romantizismus, der das Wort Freiheit umgibt, wegnimmt, dann geht es darum, die angenehmste und beste Lebensform zu finden. Und wenn man diese Lebensform dann Sklaverei nennt, ist es auch in Ordnung. Vielleicht hat ein Sklave, der einem Mann mit einer Peitsche unterworfen ist, sogar mehr Würde als ein Sklave, der von wirtschaftlichen Zwängen in Schach gehalten wird. In der wirtschaftlichen Welt geht man nämlich davon aus, dass der kluge, fleißige Mensch es schon hinkriegen wird, seine Familie zu ernähren oder sogar richtig reich zu werden. In dieser Welt ist es dein eigener Fehler, wenn du schwarz und arm bist. Denn du bist ja frei. Oder das, was sie frei nennen. Man kann das Szenario von Manderlay für verrückt halten. Aber meine Filme sind zugleich meine Fantasie und mein Argument.