interview: »Ich bin eine amerikanische Frau«Seite 7/7
ZEIT: Sie haben einmal gesagt, dass Interviews ein gutes Kommunikationsmittel sind. Der Bayreuther Festivalchef Wolfgang Wagner las in einem Interview, dass Sie gerne den Ring seines Großvaters inszenieren würden. Aus einem Nicole-Kidman-Interview haben Sie erfahren, dass sie gerne mit Ihnen arbeiten wollte. Welche Nachricht würden Sie dem Papst zukommen lassen?
von Trier: Hier ist die Botschaft: Ich glaube, es ist sehr schwer, so wie der vorhergehende Papst zu sterben. Nämlich mit dem Bewusstsein, dass man für den Tod so vieler Menschen verantwortlich ist. Ich weiß, dass man vom Papst sagt, er habe einen guten Draht zu Gott. Aber ich sage dem Papst: Es ist nicht Gottes Wille, dass wegen eines blöden Papstes Millionen Menschen auf der ganzen Welt an Aids sterben.
ZEIT: Sie sind also doch ein Moralist.
von Trier: Ja, vielleicht. Oder besser nicht.
ZEIT: Vor den letzten dänischen Wahlen haben Sie Zeitungsanzeigen gekauft, in denen Sie zum Boykott der rassistischen rechtsradikalen Partei aufgerufen haben. Das zeugt von Engagement und Moral.
von Trier: Aber wahrscheinlich hat es gar nichts geholfen. Wahrscheinlich hat es den Rechtsradikalen einfach nur mehr Aufmerksamkeit eingebracht. Eine Menge Leute dachte sich, dass eine Partei, die von diesem Spinner Lars von Trier bekämpft wird, sicher Qualitäten hat. Ja, ich bin ein Moralist. Aber ich will nicht, dass meine Filme moralisch wirken. Ich will auch nicht, dass Sie mich für einen Moralisten halten. Ich will, dass Sie mich für grausam, hart und männlich halten.
Die Fragen stellte Katja Nicodemus




Ein tolles Interview mit einem tollen Künstler!
Ein gutes Interview! Wäre übrigens auch interessant zu wissen, wieviel Schere benutzt wurde.
Lars von Trier ist ein Genie.
Das beweist er nicht nur durch seine Filme oder dieses Interview, sondern auch dadurch, daß er eine alte These Lügen straft.
Nämlich der, daß innovative Künstler nur in virulenten Gesellschaften mit inhärent starken sozialen Gegensätzen gedeihen können (der Künstler als Seismograph -> dt. Literatur der 20er u. 30er; amerikanische Literatur und Filme des späten 20 Jhrhdt.)
Ein Genie setzt sich über solche Regeln locker hinweg, braucht den vor der Haustür liegenden Kontrast nicht als Humus für die eigene Kreativität.
Wie Münchhausen sich am Schopfe zieht, so lebt und schafft er weitgehend aus sich selbst heraus.
Es muss Riesenspaß machen, sich mit Herrn Lars von Trier zu unterhalten, ich hätte da so viele Frage, die für offene Antworten gut wären....
Ich halte Lars von Trier vor allen Dingen für einen genialen, fast schon sokratischen Spötter, der es sich erlauben kann, seinen eigenen Wahrheiten wirklich nahe zu kommen - und das offenbar auch immer wieder schafft.
Ich empfehle allen, die mehr über ihn und seine Arbeitsweisen erfahren wollen sich den Dokumentarfilm mit dem ironisch gemeinten Titel "Die Gedemütigten" auf der DVD "Idioten" anzusehen. Ist beeindruckend in jeder Hinsicht.
Ich denke, wir haben gute Aussichten auf viele weitere Lars-von-Trier-Filme. Wenn es stimmt, dass innere Widersprüche einen Menschen vorantreiben, dann besteht kein Zweifel: dieser Kerl wird so bald nicht zu stoppen sein. Nicht durch gute und nicht durch schlechte Kritiken.
Ganz offensichtlich ist er nicht sehr zufrieden mit seiner Entdeckung, dass es das absolut Gute ebenso wenig gibt, wie das absolut Böse. Vor allem irritiert es ihn, dass die Extreme unglaublich rasch ineinander umschlagen können. Und es macht ihm Angst, dass niemand so recht zu sagen vermag, wer von uns das nächte Monster, der nächste Heilige sein wird. Möglich, dass er auch in sich selbst ernsthaft nach dem Schlüssel zu dieser verwirrenden Erkenntnis sucht. Sehr wahrscheinlich allerdings ist es nicht.
Der Kinofilm als Lars-Von-Trier-Versuchslabor. Wie jeder andere moderne, clevere und tüchtige Wissenschaftler auch ist von Trier im Stande, seinen Forschungen die materielle Basis zu sichern. Er tut, was ihm Spaß macht und die Welt erweist sich dankbar. Wenn man mag, kann man sich ein Leben lang befassen mit den Gipfeln, Ebenen und Abgründen menschlicher Moral. Wenigstens genau so lange können einen ästhetische Experimente beschäftigen. Allein schon, weil immer neues Publikum nachwächst. Die meisten Leute hören irgendwann einmal damit auf. Lars von Trir wird vermutlich weitermachen.
om mani padme hum
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren