Frankreich wird in diesen Tagen brutal aus dem Schlaf gerissen. Es erkennt, dass seine menschliche Landschaft nicht schneeweiß ist. Es erkennt, dass die Franzosen nicht nur ein bunter Haufen sind, sondern zu großen Teilen arm und vernachlässigt. Und doch: Die schwierigen Lebensbedingungen, die Arbeits- und Perspektivlosigkeit allein können den Aufstand von Clichy-sous-Bois, der längst auf andere Vororte und Städte übergegriffen hat, nicht erklären.

Diese zornige Jugend kommt von weit her, und das Problem ihrer Identität wiegt schwerer als das ihrer Armut. Diese Jugendlichen sind nicht einmal hin- und hergerissen zwischen zwei Ländern, zum Beispiel Algerien und Frankreich. Nein, sie können sich weder mit dem einen noch mit dem anderen identifizieren. Frankreich ist ihre Heimat, doch das Land erkennt sie nicht an und lässt sie nicht mit am Tisch sitzen. Sie fühlen sich ausgeschlossen und abgelehnt. Nun halten sie ihrer Heimat einen Spiegel vor, aber Frankreich will sich darin nicht wiedererkennen. Tatsächlich hat das Land nie eine ernst zu nehmende Einwanderungspolitik gehabt. Vor allem aber hat die französische Öffentlichkeit sich nie vor Augen geführt, dass Einwanderer Kinder auf die Welt bringen und dass diese Kinder keine Einwanderer, sondern waschechte Franzosen sind.

Das Missverständnis ist total. Es drängen Probleme, die ihre Wurzeln in der jüngeren Geschichte haben und die nun von den Jugendlichen mit Gewalt ausgetragen werden. Ein Funke reicht, um den Aufstand in andere Wohngebiete zu tragen. Bereits im April gab es in Aubervilliers gewaltsame Aufstände und Kämpfe zwischen rivalisierenden Banden. Die Stimmung ist verseucht, und das schon seit langem. Egal, ob in Frankreich die Linke oder die Rechte an der Macht ist.

Beim geringsten Anlass rebellieren die Jugendlichen, verbrennen Autos, zerstören Einkaufszentren und zünden Mülleimer an. Dennoch sind sie keine "ziellosen Rebellen", keine rebels without a cause. Sie wissen, was sie tun, denn sie reagieren auf eine Tragödie, auf ein offensichtliches Unrecht, wie in Clichy am 27. Oktober, als zwei Minderjährige von der Polizei verfolgt wurden und in einem Transformatorenhäuschen starben. Es war ein Unfall, sicher, doch er wäre nicht geschehen, hätten die Sicherheitskräfte die beiden nicht verfolgt.

Die Revolte, die dieser Vorfall auslöste, speist sich aus einer älteren Geschichte, die Frankreich weder wahrhaben noch anerkennen will: der zutiefst ambivalenten Beziehung zu Algerien. Doch heute haben die politischen und sozialen Spannungen, die aus dieser Geschichte erwuchsen, eine andere, gewaltsamere Dimension angenommen. Das heißt, dass Frankreich seine Arbeit nicht getan und sich nicht um jene Bevölkerungsteile geschert hat, die eigentlich nur eines wollen: in Würde und Frieden arbeiten und leben. Den Bürgerinitiativen und Vereinen, die mit jenen Jugendlichen arbeiteten, wurde das Geld gestrichen; auch die Kommunen haben immer weniger Geld für soziale und kulturelle Maßnahmen. Die Eltern sind zumeist macht- und hilflos. Ihre Kinder hören nicht mehr auf sie, und so müssen sie verzweifelt mit ansehen, wie ihre Söhne die Autos der Nachbarn anzünden.

Im Jahre 1983 organisierten Jugendliche aus Einwandererfamilien, die man auch beurs nennt, einen Marsch durch Frankreich, um Staat und Öffentlichkeit auf ihre Lebensbedingungen aufmerksam zu machen. Die Aktion wurde von SOS Racisme und Bürgerinitiativen unterstützt. Für die sozialistische Regierung war sie Ausdruck des Willens zur Integration. Einige Vertreter wurden von Ministern empfangen, es gab vollmundige Versprechungen. Die Jugendlichen kehrten in ihre Vororte zurück. Es änderte sich nichts. Die beurs erlebten eine Enttäuschung nach der anderen. Manche, die sich verlassen und ungerecht behandelt fühlten, erlagen der Versuchung des schnellen Geldes. Sie drifteten ab – an die Ränder der Gesellschaft. Ob in Vénissieux, Straßburg oder den Pariser Vororten, ein Teil dieser in der Schule gescheiterten Jugendlichen ging den Weg der Gewalt: abgebrannte Autos, Drogenhandel, Straßenschlachten mit der Polizei.

All dies hätte man wissen können. Ende der achtziger Jahre gründeten junge französische Soziologen verschiedener Herkunft die Vereinigung Banlieuscopie mit dem Ziel, die Vororte zu beobachten und zu analysieren, um den Behörden Vorschläge zur Lösung der Probleme zu machen. Doch für die Regierung stellte sich das Ganze nur als Sicherheitsproblem dar, als Störung der öffentlichen Ordnung. Ihre Antwort war und ist – Repression.