Brennende Autos kennen wir jetzt auch bei uns. Vereinzelte Vorfälle in Bremen und Berlin legen die Frage nahe, ob wir ähnliche Unruhen wie in Frankreich zu befürchten haben. Wieviel Konfliktpotenzial liegt in deutschen Vorstädten? Die Stadt Paris hat ihre sozialen Probleme exportiert und am Rande der Stadt abgeladen. In den Hochhausgebirgen mit ihrer zynischen Architektur wohnen Arbeits- und Hoffnungslosigkeit, stauen sich Hass und Aggression. Doch während sich in Frankreich das soziale Draußen mit dem räumlichen Draußen verbindet, ist diese Konstellation in Deutschland nicht die Regel. Bei uns sind die Großsiedlungen an den Stadträndern keineswegs immer Orte der sozialen Exklusion – aber sie sind es immer öfter, und ihre Perspektiven wirken bedrohlich.

Ebenso wie die französischen Großsiedlungen sind die deutschen ein Produkt des technokratischen Sozialstaates: Unter staatlicher Regie entstanden in den 1960er und 1970er Jahren – in Ost wie West – Wohnmaschinen für ein vorgefertigtes Leben. In Frankreich konnte man 1968 das Graffito Metro, boulot, dodo lesen: Pendeln, Malochen, Pennen. Darin erschöpfte sich das von Stadtplanern definierte "moderne" Leben. Heiner Müller charakterisierte die ostdeutschen Plattenbauwohnungen mit der Formel: "Fickzellen mit Fernheizung".

Der öffentlich geförderte Wohnungsbau zielte in Frankreich wie in Deutschland auf die Aufsteiger aus dem Proletariat. Den kleinen Angestellten und den qualifizierten Arbeitern sollten Wohnmöglichkeiten geboten werden, die den Anschluss an die modernen Konsumstandards ermöglichten. Raus aus den verfallenden Altbauvierteln! Sozialstation und Supermarkt inklusive. Doch mit steigenden Einkommen verließ das einheimische Kleinbürgertum die hoch verdichteten Siedlungen und wanderte weiter in monotone Einfamilienhausgebiete. In den ungeliebten Hochhäusern am Stadtrand war nun Platz für die Zuwanderer, die die einheimischen Arbeiter auch an den Fließbändern der Fabriken ersetzten.

So wurden deutsche Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus durch die Regelungen zur Wohnberechtigung und durch die städtische Belegungspolitik zu "Problemsiedlungen". Wessen Einkommen eine bestimmte Grenze überschritt, der musste eine "Fehlbelegungsabgabe" zahlen, wodurch die Miethöhe sich dem freien Wohnungsmarkt annäherte und diejenigen zum Auszug motivierte, denen das soziale Niveau ihrer Nachbarn missfiel. Lag die Einkommensgrenze für die Zuweisung subventionierten Wohnraums sehr niedrig, waren nur noch einkommensschwache Haushalte bezugsberechtigt, die aber die relativ hohen Sozialmieten oft nicht zahlen konnten oder wollten. Dann wurden leere Wohnungen vom Sozialamt belegt, mit armen Familien und mit Zuwanderern. Durch solche Umzugsketten veränderte sich das Klima im Haus, die Bewohnerschaft wurde sozial homogener, aber ethnisch heterogener. Konflikte nahmen zu. Wer die Möglichkeit hatte, zog woandershin. Zurück blieben die Verlierer des ökonomischen und sozialen Wandels, die in eine unfreiwillige Nachbarschaft mit Fremden gezwungen wurden.

Was als symbolischer Ort für den sozialen Aufstieg, als wohnungspolitisches Instrument für die gesellschaftliche Integration geplant war, wurde nun zum Ort von Desintegration, Diskriminierung und Ausgrenzung. Siedlungen, die für Vollzeit-Erwerbstätige gebaut worden waren und wegen ihrer strikten Funktionalität auch Schlafstädte genannt wurden, bildeten nun die Kulisse für Bewohner, die häufig keinen Anlass mehr hatten, tagsüber ihre Siedlung zu verlassen – insbesondere für Jugendliche eine trostlose Situation.

Wenn sich heute soziale Problemfälle in den Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus konzentrieren, dann ist das auch das Ergebnis politischer Entscheidungen: Im Jahre 1980 gab es in der Bundesrepublik etwa 4 Millionen Sozialwohnungen und 1 Million Arbeitslose, im Jahr 2005 gibt es nur noch 1 Million Sozialwohnungen, aber mehr als 4 Millionen Arbeitslose – und davon sind 1,8 Millionen Dauerarbeitslose, die nie wieder auf ein Erwerbseinkommen hoffen können, das es ihnen erlaubt, eine Marktmiete für eine anständige Wohnung zu zahlen. Diese Zahlen sollen nur einen Eindruck von der Verschiebung der Relationen geben und eine Ahnung von den Konflikten vermitteln, die wir zu erwarten haben, wenn die Hartz-IV-Empfänger tatsächlich aus ihren angeblichen Komfortwohnungen gewiesen werden.

Die Arbeitslosenzahl zu senken ist der Politik nicht gelungen, wohl aber die Zahl der öffentlich geförderten Wohnungen. Die Bundesregierung hat seit den 1980er Jahren die Förderung des Neubaus von Sozialwohnungen nach und nach auslaufen lassen; die Bestände werden rasch geringer, weil die Sozialbindungen mit der Rückzahlung der Kredite auslaufen.

Die Armut wohnt bei uns meistens sauber und ordentlich