dossier Wien bliebt nicht Wien

Kaum Armut, viel Bemühen um Integration – Österreichs Hauptstadt hat sich von einem verwittertem k.u.k. Museum in eine multikulturelle Metropole verwandelt

Omar Al-Rawi atmet schwer und kräuselt die Stirn. Seine beiden Mobiltelefone lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Er organisiert, erteilt Auskunft, ist immer zuständig für Fragen, die sich mit der islamischen Gemeinde in Wien beschäftigen. Mal vermittelt er eine Arabisch-Übersetzung, dann kümmert er sich um einen Schwimmnachmittag für muslimische Frauen, die endlich Gelegenheit erhalten sollen, sich im Badeanzug zu zeigen. Auch der neue islamische Friedhof kommt in den Telefonaten zur Sprache, das 34000 Quadratmeter große Gelände am Stadtrand stellt die Gemeinde Wien zur Verfügung. »Das ist ein wichtiges Zeichen für alle Muslime in der Welt«, sagt der umtriebige Mann.

Natürlich verweigerte die rechtspopulistische FPÖ im Gemeinderat ihre Zustimmung, als über das Projekt diskutiert wurde. Doch nach der lautstarken Debatte nutzten einige der oppositionellen Abgeordneten eine Verhandlungspause, um sich bei ihrem Kollegen Al-Rawi zu entschuldigen. »Das war ihnen richtig peinlich«, erinnert sich der heute 46-jährige sozialdemokratische Gemeinderat und Bauingenieur, der mit 17 Jahren Bagdad verlassen hatte, um in Wien zu studieren.

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Der gerade zu Ende gegangene Wiener Wahlkampf steckt ihm noch in den Knochen. Wochenlang war die Stadt mit Hetzplakaten übersät, auf denen Parolen wie »Deutsch statt nix verstehn« oder »Pummerin statt Muezzin« (Pummerin heißt die große Glocke des Stephansdoms) mit einigem Erfolg die Ressentiments der Bevölkerung schürten. Al-Rawi vermisste klare Antworten auf die rechten Provokationen. »Es hätte einen Aufschrei geben müssen«, meint er. »Führte man in gleichem Ton eine Kampagne gegen Juden, gäbe es eine weltweite Aufregung. Aber die Sensibilität dafür, dass auch Islam-Feindlichkeit schlicht empörend ist, ist leider in Wien nicht sonderlich ausgeprägt.«

Mitunter denkt Al-Rawi, dass Muslime in Wien viel zu kleinlaut aufträten und sich einschüchtern ließen. 121000 Mitglieder, knapp acht Prozent der Stadtbevölkerung, hat die islamische Glaubensgemeinschaft in Wien, und sie alle befinden sich in einer ambivalenten Situation. Einerseits müssen sie stets mit argwöhnischen Blicken und abfälligen Kommentaren rechnen. Anderseits kommt es nur selten zu offener Anfeindung. Vielmehr stoßen sie, selbst wenn sie aufgrund ihrer Kleidung auf den ersten Blick als Muslime erkennbar sind, auf eine merkwürdige Form missmutiger Toleranz, bei der sich Gleichgültigkeit mit Verständnislosigkeit mischt. Muslimische Frauen verhüllen mit großer Selbstverständlichkeit ihren Kopf, und die Wiener haben sich an den Anblick gewöhnt.

»Ich gebe den jungen Leuten immer den Rat, sich an dieser neuen Heimat zu orientieren«, sagt Al-Rawi, dem es mitunter Mühe bereitet, zwischen seinen Rollen als Politiker und als Funktionär der Islamischen Glaubensgemeinschaft zu trennen. Viele seiner Schützlinge beherzigen offensichtlich die Empfehlung. Als zu Jahresbeginn eine Gruppe 150 junger Muslime nach Mekka pilgerte, machten sich die frommen Wallfahrer wie Schlachtenbummler mit wehenden österreichischen Flaggen auf die Reise zu den heiligen Stätten in Saudi-Arabien. »Das war sogar mir ein bisschen dick aufgetragen«, lacht Al-Rawi.

Doch in diesem austroislamischen Patriotismus glaubt der Integrationspolitiker letztlich einen Beleg dafür zu entdecken, dass der österreichische Weg, das friedvolle Zusammenleben unterschiedlicher ethnischer Bevölkerungsgruppen zu organisieren, auf lange Sicht zum Ziel führt: »Wir setzen aktiv auf Dialog und auf eine möglichst enge Vernetzung unserer Einrichtungen mit der Stadt und ihren Bewohnern, ohne dass wir dabei unsere Identität verleugnen.« In Wien sorgen sowohl die Stadtverwaltung als auch eine große Zahl von Integrationsinitiativen für eine enge Verflechtung auf allen Ebenen. So soll verhindert werden, dass ein auch hier bestehendes Konfliktpotenzial eskaliert.

Seit Jahren lädt der Bürgermeister zu Beginn des Ramadans islamische Honoratioren zu einem Empfang in den Festsaal des neogotischen Rathauses. Die rund 50 Wiener Moscheen und islamischen Bethäuser veranstalten regelmäßig Tage der offenen Tür, zu denen sich auch die politische Prominenz des jeweiligen Viertels einfindet. Und sollten Mädchen aus frommem Haus moralische Bedenken haben, am obligatorischen Schwimmunterricht ihrer Schule teilzunehmen, dann stellt ihnen ihre Glaubensgemeinschaft einen »islamischen Badeanzug« zur Verfügung, der selbst die Vorbehalte sittenstrenger Religionshüter halbwegs zu besänftigen weiß. So zeigt die noch junge Strategie, soziale Alltagskontakte zu fördern, langsam Wirkung: Gerade in jenen Bezirken, in denen der Ausländeranteil bis zu dreißig Prozent beträgt, stieß die fremdenfeindliche Polemik der Rechten bei den Gemeindewahlen Ende Oktober auf die geringste Resonanz.

Als Erbe der Monarchie – damals annektierten die Habsburger Bosnien-Herzegowina – ist der Islam in Österreich seit 1912 eine anerkannte Religionsgemeinschaft, rechtlich mit allen anderen Konfessionsgruppen gleichgestellt und dadurch auch in das gesellschaftliche Leben eingebunden. Der Religionsunterricht, der in vielen Städten das Abdriften frommer Studenten in eine islamische Parallelgesellschaft begünstigt, wird in Wien seit 25 Jahren in deutscher Sprache und nach einem einheitlichen Lehrplan abgehalten. Das Unterrichtspersonal wird dafür an einer eigenen Religionsakademie in Wien ausgebildet, der Staat bezahlt den Lehrkörper. Das Vorhaben, mit dem sich Al-Rawi derzeit am liebsten beschäftigt, soll ein Leitprojekt der »Integrationsstadt Wien« werden.

Leser-Kommentare
  1. Österreich in DER ZEIT ist eine gute Idee. DIE ZEIT hat gleichgezogen; diese gibt es in Österreich schon viel länger. Wir Österreicher lesen DIE ZEIT gern, regelmäßig. Vieles spricht dafür, dass das rotpatinierte Sanktionendenken nunmehr endgültig Vergangenheit sein wird; z. B. Ihr neues Österreich-Dossier. Gut aufbereitet, gut recherchiert; Wäre da nicht eine Kleinigkeit:
    Der Islam ist seit 1874 [!] in Österreich gesetzlich anerkannte Religion. 1912 wurde die Anerkennung durch das "Islamgesetz" bekräftigt und erweitert, nachdem sich durch die Annexion von Bosnien-Herzegowina 1908 [!] die Anzahl der Muslime in Österreich um zirka 1 Million erhöht hatte. Auf der Basis dieser beiden Gesetze wurde bereits 1979 die Genehmigung erteilt, die Erste Wiener Islamische Glaubensgemeinschaft zu begründen.

  2. Von einem ZEIT-Artikel erwarte ich mir neue Erkenntnisse. Es mag ja sein, daß das Wien-Dossier dieser Ausgabe für Deutsche solche enthielt, aber wenn die Zielgruppe der Österreich-Seiten Österreicher/innen sein sollen, dann wüßte ich nicht, welche Erkenntnisse man aus dieser Aufzählung bekannter Tatsachen und Gemeinplätze hätte gewinnen sollen.

    Entweder bewegt sich die Österreich-Berichterstattung der ZEIT auf dem üblichen ZEIT-Niveau, oder aber man läßt es bleiben! Eine wöchentliche größerformatige Wiederholung dessen, was am Tagesgeschehen interessierte Österreicher/innen - und das sind ZEIT-Leser/innen wohl eher - eh schon wissen, wäre nur Papierverschwendung.

    Joachim Riedl kann bekanntermaßen mehr als nur Abschreiben, und das soll er doch bitte in Zukunft auch wieder zeigen. Ich erwarte mir über Österreich gut recherchierte Artikel, die Neues vermitteln. ZEIT-Niveau eben.

  3. Ich sag nur typisch Piefke Saga.
    Überhaupt keine Ahnung was bei uns im schönen Österreich ab geht. Warum sind dann so viele deutsche Gastarbeiter hier bei uns?
    Oder sind das die, die hier bei uns recherchieren und dann "Werbung" machen?
    Die sind alle nur bei uns um zu recherchieren!!!!
    Liebe Grüße aus Wien

    • dschun
    • 11.11.2005 um 19:25 Uhr

    Von meinem Schreibtisch kann ich die Donau sehen. Ja, sie fließt bei mir vorbei. Nicht blau, nicht braun, nicht grün. Von allem ein bisschen. Und damit sind wir auch schon bei der Seele des Wieners angekommen. Von allem ein bisschen - aber eben nichts Ganzes.

    In der(noch nicht veröffentlichten)Theaternovelle "Azadeh oder die 13 Tage des Leutnant Johann Gottfried von Märwald", die im Wien der Jahrhundertwende (1899) spielt, spazieren der alte Graf von Popovic und der junge Leutnant von Märwald durch die Wiener Innenstadt und kommen (freilich, freilich) zum Stephansplatz.

    [Popovic:] "Ich wundere mich immer wieder, Märwald, wie man diese große Kirche mögen kann, mit ihrem halben zweiten Turm. Sie ist ein steinerner Krüppel, unfertig, nichts Ganzes. Hier, auf einem Platz, wo keiner ist, zwischen kleinen Gassen und Straßen, in Mitten des stinkenden Pferdemists, hat man ihn eingepfercht, ragt er hervor und auch wieder nicht. Andere, sogar kleinere Städte haben imposantere, beeindruckendere Dome! Aber bevor ich mich in hässliche Worte versteige, muss ich gestehen, dass er mir ans Herz gewachsen ist, in seiner so wehleidigen, melancholischen Art. Er entspricht dem Wiener Gemüt vortrefflich, das sich so mächtig und besonders glaubt, bis man über die Unzulänglichkeiten, zuweilen großen Schwächen befindet, sie aufdeckt. Was bleibt? Wehmut! Aber mit ein oder zwei Glaserln Wein sehen die innere Befindlichkeit und der Steffl wieder besser aus. Und wisst Ihr warum? Weil er uns zu verstehen gibt, dass man es nicht zu einer begnadeten Vollendung bringen muss, um berühmt und sagenumwoben zu werden!"

    richard k. breuer
    www.1668.cc

  4. Der Artikel Wien bleibt nicht Wien mag in manchen Betrachtungsweisen nicht die Zustimmung aller Leser finden, jedoch ist die Behauptung von Herrn Böhm unrichtig, dass der Islam 1874 erstmals als gesetzlich anerkannte Religionsgemeinschaft per Gesetz Rechte zugesprochen bekommen hat. Der Makel am Islamgesetz 1912 lag in der Beschränkung auf die Rechtsschule des hanefitischen Ritus. Eine Beschränkung, die durch ein Erkenntnis des VGHs am 10. 12. 1987 aufgehoben wurde. Aufhebungsgrund war eine Verletzung des Staatsgrundgesetzes Art. 15. Korrekterweise müsste man erst ab diesem Zeitpunkt von einer uneingeschränkten Anerkennung des gesamten Islam in Österreich sprechen. Die Diskriminierung im Islamgesetz 1912 war nicht einmal der Wille des damaligen Gesetzgebers,
    sondern die Juristen und Fachgutachter fanden in Bosnien-Herzegowina nur Muslime vor, bei denen die hanefitische Rechtsschule vorherrschte. Außerdem griff man auf die Erfahrungen seit der Okkupation 1878 zurück. Österreich-Ungarn hatte 30 Jahre lang bis zu Annexion 1908 ein internationales Mandat über Bosnien-Herzegowina, das formal zwischen 1878 und 1908 noch immer zum Osmanischen Reich gehörte. In diesen 30 Jahren ist es der österreichisch-ungarischen Verwaltung gelungen, eine westlich orientierte Verwaltungsstruktur in Religionsangelegenheiten erfolgreich mit der vorgefundenen osmanischen Verwaltungsstruktur zu verknüpfen.
    Die Behauptung mit dem Anerkennungsgesetz 1874 sei es einer Anerkennung des Islam innerhalb Österreich-Ungarns gekommen ist schlichtweg falsch, und die Recherche des Autors richtig. Die Anerkennung von Kirchen und Religionsgemeinschaften setzt nämlich einen Anerkennungsakt voraus. Ob das durch Bescheid oder Verordnung zu erfolgen hat, scheidet bis heute die juristische Lehre. Erstmals anerkannt wurde durch Verordnung die Altkatholische Kirche 1877. Für die Anerkennung seitens der Republik Österreich um als Kirche oder Religionsgemeinschaft völlig autonom agieren bzw. die Stellung einer Körperschaft öffentlichen Rechtes genießen zu können, gilt: für die Evangelische Kirche A. und H. B. das Protestantengesetz 1961, für die griechisch-orientalischen Kirchen das Orthodoxengesetz 1967, für die syrisch-orthodoxe Kirche das orientalisch-orthodoxe Kirchengesetz 2003 und genauer gesagt für die Islamischen Glaubensgemeinschaften das Islamgesetz 1912 in der geltenden Fassung. Also für Hanefiten und Nicht-Hanefiten.
    Alle anderen Religionsgemeinschaften wurden per Verordnung anerkannt, wobei gleich unmissverständlich gesagt werden muss: Nach dem Bekenntnisgesetz 1998 erfolgt keine Anerkennung, sondern eine staatliche Eintragung einer Bekenntnisgemeinschaft bei der politisch zuständigen Behörde.
    Sollte dies alles so befremdlich sein, auch die katholische Kirche in Österreich kennt staatskirchenrechtlich, also in ihren äußeren Rechtsverhältnissen, sowie innerkirchlich 3 verschiedene Riten.

  5. nebst dem negativum schauerlicher fünfzehn prozent für die ewiggestrigen und harmonieverweigerer wären durchaus auch die tatsache der stimmenmehrheit für die grünen in einem zweiten wiener gemeindebezirk und die klare bestätigung des amtierenden gleichfarbigen "regierenden" im 7. distrikt durch ausbau der mehrheit eine erwähnung wert gewesen; schliesslich sollte man, wenn schon, dann alle seiten beleuchten, und die hier aufgeführte macht mich, in dieser stadt lebenden, wieder ein wenig optimistsicher;

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