WIENFurchtlos in den Abend

Der österreichische Kriminalsoziologe Gerhard Hanak hat die Ängste von Stadtbewohnern in Europa erforscht. Seine Bilanz: Wiener fühlen sich am wohlsten von Florian Klenk

DIE ZEIT: Sie haben die Ängste der Bürger in fünf europäischen Städten untersucht. Muss man in Wien weniger Angst haben?

Gerhard Hanak: Wir haben in Hamburg, Amsterdam, Krakau, Budapest und Wien jeweils tausend Menschen in Substandard-Altbaugebieten und in Stadtrandsiedlungen interviewt. Wir fragten, ob die Leute noch nach Einbruch der Dunkelheit ausgehen. In Wien wagen sich nur rund fünf Prozent der Menschen abends nicht mehr raus. In Hamburg, Stadtteil Wilhelmsburg, bleibt indes ein Fünftel der Bevölkerung zu Hause. In Krakau traut sich ein Viertel der Bevölkerung nicht mehr auf die Straße. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, abends ein Opfer von Kriminalität zu werden, in allen fünf Städten ähnlich groß.

Anzeige

ZEIT: Wie erklären Sie die Unterschiede?

Hanak: Das Unsicherheitsgefühl hat viel mit der Zusammensetzung der Wohnbevölkerung zu tun – und diese kann von einer Stadt in gewissem Ausmaß gesteuert werden. Ältere Hamburger fürchten sich vor allem vor jungen, fremden Zuwanderern. Angst wird aber auch ganz entscheidend durch "städtische Unordnung" geprägt. Je heruntergekommener ein Stadtteil wirkt, desto mehr fürchten sich die Bewohner. Auf die Kriminalitätsrate kommt es nicht an. In Wien wird wenig soziale oder physische Unordnung wahrgenommen. Das ist kein Zufall, die Stadt wird bewusst sauber gehalten, und es ist einiges getan worden, um Verslumungstendenzen entgegenzuwirken.

ZEIT: Ist die Müllabfuhr für das Sicherheitsgefühl fast so wichtig wie die Polizei?

Hanak: So kann man es sehen. Die Stadt hat hier massiv investiert. Und in Wien gibt es auch keine Abwanderung aus sanierten innerstädtischen Vierteln. Die ärmeren Schichten werden nicht abgedrängt, der Bevölkerungsaustausch ist moderat. Auch in den so genannten bürgerlichen Wohngegenden gibt es kommunale Wohnsiedlungen. Die arbeitslose Bevölkerung ist in Wien – anders als in vielen europäischen Städten – ziemlich gleichmäßig verteilt. Die Stadt hat erkannt: Wenn es erst einmal zu einer Konzentration armer Bevölkerungsschichten kommt, dann folgen Abwärtsspiralen, es wird weniger investiert, die Infrastruktur leidet, und es herrscht mehr Unsicherheit.

ZEIT: Ein Erfolg des oft beschworenen "Roten Wiens"?

Hanak: Schon zu Zeiten der Monarchie, unter dem christlich-sozialen Bürgermeister Karl Lueger, investierte die Stadt in kommunale Einrichtungen. Es gibt in Wien eine über hundert Jahre alte Tradition der städtischen Integration, die dazu geführt hat, dass in den meisten Stadtteilen die sozialen Gruppen relativ gut durchmischt sind. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden von der Stadtverwaltung das Gesundheitswesen und der Wohnungsbau forciert. In Wien gab es zu jener Zeit keinen funktionierenden privaten Immobilienmarkt, die Stadt wurde durch den massiven kommunalen Wohnungsbau geprägt. Lange Zeit ist kein privates Kapital in den Wohnungsbau geflossen, die Stadt ist als Bauherr eingesprungen.

ZEIT: Wien als gutes Beispiel für den Wohlfahrtsstaat?

Service