DIE ZEIT: Herr Heitmeyer, bewältigt Deutschland die Integrationsprobleme besser als Frankreich?

Wilhelm Heitmeyer: Bei allen Defiziten steht Deutschland integrationspolitisch im Vergleich mit Frankreich, Großbritannien oder den Niederlanden zurzeit gar nicht so schlecht da. Das heißt nicht, dass sich das nicht plötzlich ändern kann. Ein solcher Gewaltausbruch kündigt sich nicht an.

ZEIT: Gibt es keine Indikatoren zur Frühwarnung vor solchen Ausbrüchen der Gewalt?

Heitmeyer: Es muss einiges zusammenkommen. Bedrohlich wird es dann, wenn zu Armut und Ausgrenzung noch eine latente Konfliktstimmung zwischen Minderheitengruppen und staatlicher Macht oder auch zwischen ethnischen Gruppen hinzukommt - dazu ein klares Feindbild auf beiden Seiten, was in Frankreich viel schärfer ist als bei uns - außerdem Mobilisierungsfaktoren bei den etablierten Eliten, zum Beispiel durch entwürdigende Äußerungen wie beim französischen Innenminister, ebenso die Mobilisierung der Eliten in den Subkulturen, mit denen man, weil man sie nicht kennt, auch nicht verhandeln kann. Dazu gehört auch die Erfahrung, dass man dank kollektiver Macht plötzlich beachtet wird, dank des Verstärkereffekts durch die Medien. Kommen noch moralisch ausbeutbare Ereignisse hinzu, die hohe Signalwirkung im eigenen Milieu haben wie der tragische Tod der beiden Jugendlichen in Paris - angeblich auf der Flucht vor der Polizei -, dann sind alle Voraussetzungen für eine Explosion gegeben. Das ist dann unkalkulierbar. Auch bei uns.

ZEIT: Kann man vorbeugen?

Heitmeyer: Auf keinen Fall kann man einen Abbau an sozialer Sicherung und den Verlust von Lebenschancen durch den Aufbau von mehr öffentlicher Sicherheit kompensieren. Durch undifferenzierte Sparmaßnahmen in Sozialhaushalten entstehen besonders in den Städten neue Probleme. Die Folgen dieser Entwicklung kann man nicht mit härterem Polizeieinsatz bewältigen.

ZEIT: Mit mehr Sozialarbeit?