Berlin-Wedding. Hamburg-Wilhelmsburg. Bremen-Tenever. Duisburg-Marxlohe. Deutschlands Banlieues liegen nicht immer am Stadtrand – am Rand der Gesellschaft liegen sie allemal. Mehrere Millionen Menschen leben in diesen "Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf", wie ein Programm der scheidenden Bundesregierung die Sorgenviertel des Landes so korrekt wie harmlos nennt. Arbeitslosigkeit, Immigration, Sozialhilfe als Lebensziel, Drogen, Kriminalität und Bildungsferne, hier konzentriert sich, was Deutschland an schwierigen Entwicklungen bereithält. Und während in den französischen Vorstädten Autos und Supermärkte brennen, blickt Deutschland voller Bangen auf seine als Türken- oder Russenghettos verschrieenen Problemzonen. Demnächst auch bei uns? BILD

Schon fordert Bayerns Innenminister Günther Beckstein mit Blick auf die allabendlichen Bilder aus Frankreich die deutschen Einwanderer auf, sich in Zukunft gefälligst besser einzugliedern. Schon ruft der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdog˘an seine Landsleute im Ausland vorbeugend zur Ordnung: "Brennen und Zerstören darf kein Mittel sein, Rechte einzufordern."

Fragt sich, womit Deutschlands Einwanderer diese Ermahnungen verdient haben? Sicher, in Berlin-Moabit zündeten Unbekannte, welcher Nationalität auch immer, in der vergangenen Woche fünf Autos an. Sicher, in Berlin-Kreuzberg ist die traditionelle Mai-Randale der Autonomen inzwischen eine wenn nicht multikulturelle, dann doch zumindest deutsch-türkische Veranstaltung. Sicher, im Türken-Rap wird Militanz zumindest angedeutet. "Schon wieder ein junger Türke tot", heißt es in einem Stück von Cartel. "Sie haben scheinbar noch nicht genug, in jeder Hinsicht sind wir bereit, uns zu verteidigen." Aber das Lied ist zehn Jahre alt, entstanden nach den Morden in Solingen und Mölln. Und beim Kreuzberger Maifest verteidigte in diesem Jahr eine ehrenamtliche Ordnerinitiative aus türkischen, albanischen, arabischen und deutschen Jugendlichen, ausgebildet von deutschen Polizisten und türkischen Kampfsportlern, die Innere Sicherheit des Stadtteils.

Nicht dass die Deutschen mit ihren Zuwanderern keine Probleme hätten. Kriminalität gehört durchaus dazu. An sechs von zehn Gewalttaten in deutschen Großstädten sind inzwischen Angehörige ethnischer Minderheiten beteiligt. Und in den deutschen Jugendgefängnissen haben Sozialarbeiter und Psychologen längst eine Skala der Brutalität ausgemacht: Am schlimmsten schlügen russische Straftäter zu, dann die Albaner, dann die Türken. Doch einen Aufstand, wie Frankreich ihn erlebt, oder gar Gewaltausbrüche zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen kennt Deutschland bislang nicht – sieht man von den Pogromen der neunziger Jahre ab, in denen die Immigranten freilich nicht Täter, sondern Opfer waren.

Der hiesigen Integrationspolitik, so viel lässt sich sagen, verdankt sich die Ruhe in den deutschen Multikulti-Stadtteilen nicht. Eine Integrationspolitik, die diese Bezeichnung verdient, gibt es in Deutschland nur auf kommunaler Ebene. Und wo es sie gibt, da existiert sie zumeist erst seit wenigen Jahren. Erst seit Anfang 2005 bietet Deutschland türkischen Immigranten Deutschkurse an, wie es sie für Zuwanderer aus Russland selbstverständlich schon immer gab.

Nein, wer den kalten Frieden zwischen Türken und Deutschen verstehen will, der muss sich der viel gescholtenen türkischen Parallelgesellschaft zuwenden. So unerfreulich diese in vieler Hinsicht ist, manches funktioniert nicht schlecht. Sie hat eine Parallelökonomie mit Zehntausenden von Unternehmen und mehreren hunderttausend Jobs hervorgebracht und damit Aufstiegschancen für die eigenen Leute geschaffen. Wer in deutschen Großstädten Immobilienanzeigen liest, wird dort auf Inserate in türkischer Sprache stoßen. Deren Adressaten mögen nicht in jeder Hinsicht gut integriert sein; den sozialen Aufstieg hat ihre Herkunft nicht verhindert.

Die Parallelgesellschaft hat jedoch auch ihre eigenen Normen. Auch die haben ihre Schattenseiten, vor allem für die Frauen. Sie sind Gegenstand eines heftigen Kulturkampfes unter den deutschen Türken, von dem die Mehrheitsgesellschaft allenfalls dann erfährt, wenn wieder irgendwo ein junger Mann einen "Ehrenmord" an einer Verwandten begangen hat, deren Lebensstil er missbilligte. Aber diese eigenen Normen der Parallelgesellschaft verbieten es auch, die Autos und Läden der Nachbarn anzuzünden.

Und in Frankreich? Welches sind die Normen der Banlieue? "In manchen Siedlungen entwickelt sich der Drogenhandel zum regelrechten Wirtschaftszweig. Eine Quelle von Gewalt und allgegenwärtiger Kriminalität", warnten schon vor elf Jahren die französischen Soziologen François Dubet und Didier Lapeyronnie in ihrem Buch Aus den Vorstädten. Diese Umstände sind der Bewahrung traditioneller Werte so wenig förderlich wie der Übernahme neuer – zumal das Versprechen von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" angesichts einer dauerhaften sozialen Abseitsstellung wenig glaubwürdig wirkte. Die Geschichte der brutalen französischen Kolonialkriege mag das ihre dazu beigetragen haben, dass es bis heute eine Kultur des Vorbehalts gegen den französischen Staat gibt. "Aus Hass und Kriminalität entsteht eine explosive Mischung, die sich in unmotiviert heftigen Gewaltausbrüchen entlädt", schrieben die beiden Autoren damals prophetisch. "Der kleinste Zwischenfall kann in einen regelrechten ›Krieg‹ gegen die ›Bullen‹ ausarten."