Los ging es mit einem Symbol des US-Kapitalismus. Im Herbst 1991, kurz nachdem Bomben auf Zagreb gefallen waren, gründete Emil Tedeschi eine Großhandelsfirma, die aus dem Ausland importierte, was im Inland nicht zu bekommen war. Kroatien befand sich im Krieg, aber Kaugummi wollten auch die Kroaten kauen. Also stellte Tedeschi, damals 24, Wrigley-Wimpel und Wrigley-Spearmint-Plakate in kroatische Kioske und Geschäfte. Heute kontrolliert er 95 Prozent des kroatischen Kaugummi-Markts.

Er kontrolliert auch die Verteilung von Duracell-Batterien, Johnson & Johnson-Puder, Ferrero-Pralinees, Nestlé-Tierfutter und ein paar Dutzend anderer Markenprodukte. Außerdem ist Tedeschis Firma Atlantic-Grupa im Sandwich-, Vitamindrink- und Körperpflegegeschäft aktiv. Damals, 1991, sei er "ein grüner Junge in einer gerade geborenen Nation" gewesen, sagt der groß gewachsene, smarte Mann im dunkelgrauen Nadelstreifenanzug. Inzwischen steht er einem Unternehmen mit 185 Millionen Euro Umsatz vor, einem der zehn größten in Kroatien.

Wie sein Land sind Tedeschi und seine Firma den Kriegswirren und der politischen Eiszeit der neunziger Jahre entwachsen, und wie sein Land hat sich Tedeschi längst auf den Weg nach Europa gemacht. Markenprodukte aus der Neuen Welt spielen im Sortiment der Atlantic-Grupa noch immer eine bedeutende Rolle - aber das Wachstum bringen die Märkte in der Alten. Tedeschi hat Büros und Lagerhäuser in Serbien und Montenegro, in Bosnien-Herzegowina, in Slowenien und in Italien. Dass er im Sommer, etwa zur gleichen Zeit als Kroatien die letzten Hürden für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union überwand, auch in Hamburg ein Unternehmen übernahm, war nur Zufall. Symbolisch war es gleichwohl. Die Atlantic Grupa kaufte den Fitnessprodukte-Hersteller Haleko, eine Firma mit 275 Angestellten und 60 Millionen Euro Jahresumsatz. "Ein Riesenerfolg", sagt Tedeschi. Einen "Riesenerfolg" nennt er auch Kroatiens Aufnahme in die Reihe der EU-Kandidaten.

Dort, und als Teil Europas, sieht sich das Land schon lange. Kroatien mit dem Balkan in Verbindung zu bringen gilt in Zagreb als Beleidigung. Aber das von Gewalt und Vertreibung geprägte Schicksal des Balkans hat auch den 4,4 Millionen Kroaten lange das Tor nach Europa versperrt. Während Polen oder Ungarn schon in den frühen Neunzigern begannen, sich politisch und ökonomisch nach Brüsseler Muster umzustellen, stand Kroatien im Krieg - und nach dessen Ende 1995 kamen fast fünf Jahre autoritärer Herrschaft des Ultranationalisten Franjo Tudjman. "Ein verlorenes" sei das vergangene Jahrzehnt gewesen, sagt der Zagreber Politologe Damir Grubisa.

Der Aufbruch begann mit der Machtübernahme der Opposition im Jahr 2000. Erst 2004 erreichte Kroatiens Wirtschaftsleistung wieder die von 1989. Erst im laufenden Jahr nahmen an den 1000 Kilometer Küste des Landes erneut so viele Touristen Quartier wie während der letzten Urlaubssaison vor dem Zerfall Jugoslawiens. Und erst im Spätsommer - nachdem Kroatien eine bessere Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag garantiert hatte - war auch die EU-Kommission überzeugt davon, dass das Land seinen Kandidatenstatus politisch verdient. 2009 oder 2010 soll Kroatien EU-Mitglied sein.

"Es werden harte und schmerzhafte Jahre werden", sagt Emil Tedeschi. Warum das so ist, erschließt sich beim Besuch Zagrebs oder beim Blättern in kroatischen Wirtschaftsstatistiken erst auf den zweiten Blick. Die Stadt, mitteleuropäisch wie Graz oder Klagenfurt, ist voll neuer Autos und voll gut gekleideter Menschen. Es wird gebaut. Die Wirtschaft ist stabil und wächst, zuletzt mit Jahresraten von etwa vier Prozent, die Inflation ist weit niedriger als in den meisten Staaten Ost- und Zentraleuropas. Dem Pro-Kopf-Einkommen nach sind die Kroaten doppelt so reich wie die Bewohner der beiden anderen Kandidatenländer, Rumänien und Bulgarien. Echte Armut ist selten, zumindest in Zagreb.

Aber Zagreb ist nicht Kroatien. Über die Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung wird in der Hauptstadt und ihrer engeren Umgebung geschaffen - von wenig mehr als einem Viertel der Bevölkerung. An den Regionen des Südostens und des Südens ist das Wachstum dagegen weitgehend vorübergegangen. Die Spuren des Krieges sind dort noch immer sichtbar; die Arbeitslosigkeit, so Sandra Svaljek vom Zagreber Wirtschaftsinstitut EIZ, liegt örtlich über 35 Prozent, die Einkommen liegen 40 Prozent unter dem Durchschnitt des Landes.