koalition Jetzt mal im Ernst

In Berlin kann wieder regiert werden – ohne die Eitlen und die Effekthascher

Endlich eine gute Nachricht: Vom nächsten Mittwoch an um neun wird wieder richtig regiert in Deutschland. Dann ist Angela Merkel gewählt, und die neue Regierung macht sich an die Arbeit. 250 Tage verwaltete Anarchie werden dann vergangen sein, seit Heide Simonis von einem Abgeordneten der SPD nicht gewählt wurde. Mit dem Kieler Fiasko ging der rot-grüne Machtverfall vom Trab in den Galopp über.

Was in den darauf folgenden 250 Tagen geschah, kann gelesen werden als eine unglaubliche Zumutung der Politik für die Bürger: permanenter Wahlkampf, erbitterte Machtkämpfe, ruckartige Kurswechsel, Vertrauensfrage, Rücktritte von Ämtern, auch von solchen, die man noch gar nicht innehatte, der Überfall des Radikalreformers Kirchhof, der Ausfall Schröders am Wahlabend, neue Rücktritte und eine geschlagene Kandidatin, die doch noch Kanzlerin wird, schließlich ein Koalitionsvertrag, der, weil er muss, mehr Versprechen bricht als hält. So etwas haben die Bürger noch nie erlebt.

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Die Politiker aber auch nicht. Die 250 Tage können ebenso gelesen werden als ein Purgatorium für die politische Klasse. Es gab lagerübergreifend Enttäuschungen, Niederlagen, Verletzungen, Dauerstress. Politik war so intensiv wie zuletzt zur Zeit der deutschen Einheit. Nur nicht so schön. Um das, was Schröder, Müntefering, Merkel und Stoiber da durchgemacht haben, wird sie keiner beneiden. Stoiber, das Glaskinn, der Sensibelste von allen, hat es auf den Punkt gebracht: »Ich leide wie ein Hund.«

Das taten die anderen auch. Soll man Mitleid haben? Das vielleicht nicht. Aber die interessanten Fragen, auch für die Zukunft, lauten doch: Was hat diese Vorhölle angeheizt, wie hat sich die Politik in dieser Zeit verändert, wo steht sie jetzt?

Die Probleme dieses Landes haben sich so sehr aufgeschaukelt, dass sie mit den herkömmlichen Mitteln bundesdeutscher Politik nicht mehr zu bewältigen sind. Gerhard Schröder hat versucht, die, wie er sagte, »Gesetze der politischen Physik« zu ändern, er hat Macht abgegeben und Wahlniederlagen in Kauf genommen. Angela Merkel versuchte ihrerseits, wider alle Konvention mit Steuererhöhungen Wahlkampf zu machen. Beides geschah in der Absicht, die Kluft zwischen der deutschen Wirklichkeit und den Wünschen der Wähler zu überbrücken. Beide sind damit zunächst gescheitert, SPD und Union in einer Großen Koalition gelandet, die vor denselben Haushaltslöchern steht wie Rot-Grün.

Es ist jedoch noch etwas anderes passiert in diesen 250 Tagen. Die Brutalität der Ereignisse hat diejenigen Politiker aussortiert, die den neuen Anforderungen einer Politik in Zeiten der Knappheit nicht gewachsen sind, weil es ihnen an Disziplin und Ernsthaftigkeit fehlt, weil sie zu viel Aufmerksamkeit erregten für zu wenig Effekt.

Leser-Kommentare
  1. Die Politik hat uns drastisch und überlange die minimal
    erkennbaren Höhen und großen und radikalen Tiefen des
    Parteienlebens vorgeführt; nannte ihre Darstellungskünste
    entweder "Regieren", oder "Opponieren". Um die verursachten
    Kosten hat sich keiner mehr gekümmert. Anschreiben, bitte!

    Die politische Garde hat sich erneuert? Auswechselspieler,
    würden die Fußballer sagen.

    Der Koalitionsvertrag liest sich wie eine Verordnung;
    viel Geschriebenes soll planvolles Nachdenken als
    Überschrift erhalten?

    Das Kleingedruckte - und noch mehr - die unverhandelten und
    noch ungeschriebenen Fußnoten werden bald ihr gemeines
    Gesicht zeigen.

    Die Tabu-Liste der führenden Klasse ist - sehr viel feiner
    durchdacht - vorhanden, auch wenn sie nicht öffentlich
    geschrieben steht.

    Parteiorder und Kapital- und Klasseninteressen lassen für
    das Volk nur den Bolzplatz frei.

    Eine lädierte Presse müht sich in Dreschflegelkritik.
    Besinnung-wann? Die Wirtschaftsbosse lassen in ihrem Sinne
    flegeln und stöhnen dem Volk weiter die zu geringen
    Gewinnmargen vor.

    Das politische Mieder der Koalition ist schon von den
    Sachzwängen auf Stufe "Luftnot" geschnürt. Da fehlt nur
    noch ein richtiger Hustenanfall bis ein Luftflügel
    kollabiert.

    Man darf nicht vergessen, die Spieler haben schon
    etliche "englische Wochen" hinter sich!
    Einige Heimspiele stehen auch noch ins Haus.

    Deutschland ist ein Hochdruckkochtopf ohne
    Sicherheitsventil geworden.

    Übrigens, die Eitlen und Effekthascher sind uns erhalten
    geblieben, nur die Namen haben sich geändert.

  2. Sehr geehrter Herr Ulrich,
    wieder einmal ein Kommentar von Ihnen, der uns voll aus dem Herzen spricht !
    Wie mutig und deshalb heute wie selten halten Sie auch bei Ihrer Zunft mit Kritik nicht zurück. Bravo !
    Mit freundlichen Grüßen
    Anne und Axel Böttcher

    • rawe64
    • 17.11.2005 um 10:46 Uhr

    Besser kann man die aktuelle politische Situation und die Akteure kaum beschreiben:

    "Die Brutalität der Ereignisse hat diejenigen Politiker aussortiert, die den neuen Anforderungen einer Politik in Zeiten der Knappheit nicht gewachsen sind, weil es ihnen an Disziplin und Ernsthaftigkeit fehlt, weil sie zu viel Aufmerksamkeit erregten für zu wenig Effekt."

  3. Ein Storry, leicht und locker lesbar. Keine fundierte politische Analyse eines Hauptstadt-Journalisten. Niedriger Grad an Fakten-Orientierung. Teilweise Konstruiert. llustrierten-Niveau. Schade.

  4. Der Mensch ist der Geschichten erzählende Affe, Pan narrans. Diesem Gedanken folgend sollte man auch die Diskussion betrachten, zu der Herr Ulrich hier seinen Beitrag leistet. Da kommen ein paar Leute und sagen: Ihr seid schlecht, ihr könnt es nicht, ihr seid langsam, ihr hindert uns am raschen Gelderwerb. Da gibt es einen Herrn Westerwelle, den man erfinden müsste, hätte er nicht schon bildhaften Namen: niemand bisher versuchte krampfhafter auf dem zu surfen, was ihm als Zeitgeist verkauft wurde, als er. Einmal war da ein Kanzler, der keine Ahnung hatte, was er nun mit all der Macht anfangen sollte, die er doch so angestrebt hatte. Eine andere Partei, die so genannte Opposition, war zu der Zeit mächtig beschäftigt mit der Überwältigung ihres pfälzisch selbstgefälligen Erbes. Und weil niemand im Stande oder willens war zu widersprechen, tönte umso lauter und eindringlicher die Stimme derer, die riefen: Ihr müsst reformieren! Ihr könnt es nicht! Wir gehen alle unter, wenn wir, die euch das sagen, nicht endlich grenzenlos verdienen können!

    Und jetzt? "Die Staatsverschuldung!" rufen die Geschichtenerzähler, und "Niemand wird gerettet, wenn wir nicht alle verzichten!" Wovor errettet eigentlich? Vor der Macht der Deutschen Bank? Vor der Speisekarte des IWF? Neulich erst haben die "reichen" Nationen einen großzügigen Schuldenerlass für die dritte Welt beschlossen. Was hindert uns eigentlich daran, zu sagen: "Hört mal, ihr Banken: F****t euch alle mal ins Knie mit euren Forderungen. Wir zahlen nicht mehr. Und nachdem Ihr auch nur juristische Personen seid: was wollt ihr tun?"

    Aber das wäre eine andere Geschichte, und es ist - seltsam, seltsam - nicht opportun, sie zu erzählen.

  5. So wie der Autor es sagt, es kann einfach nicht angehen, wenn die deutsche Politik ihre Maßstäbe bricht.

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