Vom ehemaligen Bremer Bürgermeister Henning Scherf weiß man, dass er gern Leute umarmt und Fahrrad fährt und statt Kaffee heißes Wasser trinkt. Doch sein deutlichstes Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Landesvätern und hochrangigen Staatsrepräsentanten ist, dass er seit vielen Jahren zusammen mit Freunden unter einem Dach wohnt. Jetzt ist der 66-Jährige zurückgetreten. Aus Altersgründen. Und kann sich nicht retten vor Interviewanfragen von Beckmann , Christiansen , Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung und s tern . Scherfs Leben in der Alten-WG war der taz sogar eine Kolumne auf Seite 1 wert. Der Mann ist Deutschlands derzeit bekanntester Kommunarde. Doch was ist so interessant an der Frage, wie ein älterer Herr in Bremen seinen Ruhestand organisiert?

Alter ist nicht nur demografisch der Megatrend, auch für die Medien wird das Leben jenseits seiner Mitte immer interessanter. Insbesondere Berichte über neue und alternative Wohn- und Lebensformen, über »Rentnerkommunen« und greise Kommunarden bringen Quote, Alten-WGs werden in Talkshows diskutiert (Fliege), bei arte lief Anfang des Jahres eine Doku-Soap mit fünf Frauen um die 70, die zwei Monate lang zusammen leben mussten und vom Fernsehen begleitet wurden. Die Silver Girls diskutierten und stritten, hatten grundverschiedene Interessen, die eine ging gern auf Demos, die andere hörte lieber Opern. Der Versuch war nervenaufreibend, doch die WG-Idee fanden alle gut.

Solche Versuche gibt es auch im wirklichen Leben. Der Imker Joachim Brümmer aus Volkmarst, einem Dorf bei Bremen, war 57, allein und dachte über sein Alter nach. Da hatte er ein Idee: Es besaß ein großes, leeres Haus. Es böte Platz für zehn bis zwölf Leute. Wie wäre es mit einer Alten-WG? Vorstellungen hatte Brümmer auch: 60 bis 70 Jahre alt sollten sie sein, die künftigen Mitbewohner, ein bisschen öko, ein bisschen sportlich und nicht gleich gebrechlich. Etwas Geld müsste da sein, um finanziell in die Immobilie einsteigen zu können. Brümmer schwebte ein großer zentraler Raum mit rundem Tisch vor, gemeinsames Speisen, Reden. Er schaltete Anzeigen im Bremer Weserkurier und in einem Anzeigenblatt. Hundert Antworten! Zahllose Telefonate. Und großer Frust, denn nicht ein Interessent entsprach Brümmers Erwartungen. »Die redeten nur von Rente. Endlich mal nichts tun. Die erwarteten nichts mehr vom Leben.« Ein geplantes Treffen sagte Brümmer ab. »Die Menschen, die passen würden, müssen erst noch gebacken werden.«

Scheint nicht ganz so einfach zu sein, der Schritt von der guten Idee zur guten Praxis. Gut funktionierende Altengemeinschaften sind so rar, wie der Wunsch danach groß ist. In einem erstaunlichen Missverhältnis zum öffentlichen Interesse steht die Zahl tatsächlich realisierter Wohngemeinschaften: Die Zahl der Alten, die bundesweit in Projekten gemeinschaftlichen Wohnens leben – dazu gehören Wohn-, Haus- und Hofgemeinschaften – ist mit 8000 geradezu vernachlässigbar gering. Und unter 50, wenn sich die Menschen noch für unsterblich halten und die Augen verdrehen, sobald der Begriff Alten-WG fällt, findet man diese Idee ja auch noch meist degoutant bis verrückt. Man hat sich doch prima eingerichtet, was sollte einen davon abhalten, immer so weiterzuleben?

Doch kaum beginnt mit »50 plus« die zweite Pubertät, der unaufhaltsame und beängstigende Übergang vom wahren Leben zum Alter, sind die Leute wie elektrisiert, wenn der Begriff Alten-WG fällt. Zumal jene, die in ihrer Jugend WG-Erfahrungen sammeln konnten. Spricht nicht alles dafür, nach der Kleinfamilienphase, nach einem hektischen Berufsleben, zu einem Zeitpunkt, da die Kinder aus dem Haus sind und der Partner möglicherweise über alle Berge ist, das Alter wieder kollektiv zu organisieren? Vieles spricht dafür. Wer heutzutage mit 30 Jahren Rentnerdasein rechnen kann, fragt sich plötzlich, wie er im Alter eigentlich leben will.

Wie sie nicht leben wollen, wissen die meisten schon: nicht allein und nicht im Heim. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) hat gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung Mitte des Jahres die Studie Leben und Wohnen im Alter vorgelegt, die belegt, wie groß das Interesse der Alten an einer Alternative zum Allein-daheim-Altern und zur Heimunterbringung ist: 65 Prozent der Altershaushalte sind prinzipiell umzugsbereit, wenn eine alternative Wohnform sie anspricht. Selbst als Pflegefall können sich Alte heute eine stationäre Unterbringung nicht mehr vorstellen: 80 Prozent der pflegebedürftigen Alten wollen nicht ins Heim.