bilanz Was bleibt von Schröder?
Innenpolitisch hat der scheidende Bundeskanzler Wichtiges angepackt, vor allem die Reform des Sozialstaats. Seine Außenpolitik dagegen war voller Fehler
Im Jahr 2009 erscheint, wie man hört, zum 70. Geburtstag der Bundesrepublik eine Festschrift, für die ein Zeithistoriker die »Ära Schröder« behandeln soll. Was könnte er, nachdem sich die Pulverschwaden um die Konflikte der Zeit zwischen 1989 und 2005 längst verzogen haben, mit der gebührenden Distanz über diesen Kanzler festhalten?
In der Innenpolitik gelang es Schröder, nach der bleiernen Stagnation der letzten Kohl-Jahre auf drei Handlungsfeldern langwierige Debatten mit einem Erfolg abzuschließen. Endlich wurde in einem neuen Staatsbürgerschaftsgesetz der seit 1913 sakrosankte Grundsatz des jus sanguinis durch das in allen westlichen Staaten vorherrschende Prinzip des jus solis ersetzt (also Anerkennung als Staatsbürger kraft Geburt in diesem Land oder des Bekenntnisses zu ihm anstelle der ethnischen Herkunft). Zugleich trug das damit verbundene Regelwerk der Tatsache Rechnung, dass die Bundesrepublik – zwischen 1950 und 2000 der Staat mit der weltweit höchsten relativen Zuwanderungsrate! – längst ein Einwanderungsland geworden war und fortab wie die meisten Einwanderungsländer auf Zulassungsquoten gemäß seiner eigenen Interessenlage bestand. Endlich wurde auch der deprimierende Streit über eine materielle Entschädigung der Zwangsarbeiter des »Dritten Reiches« abgeschlossen. Mit fünfzigjähriger Verspätung erhielten die Überlebenden eine Zahlung, die zumindest symbolisch, wenn auch nicht finanziell adäquat ihre Sklavenarbeit anerkannte.
Von verlorener Zeit, wie die Kritik sie nannte, wird man daher mit Blick auf diese Erfolge in den ersten fünf Schröder-Jahren so pauschal nicht sprechen können. Sehr wohl aber war es vertane Zeit angesichts der Herausforderungen; die inneren Fehlentwicklungen und die Globalisierung machten Reformen des Sozialstaats, des Arbeitsmarkts, des Gesundheitssystems unabwendbar. Geblendet von einem Wachstumsfetischismus, der im Wirtschaftswunderland wilde Blüten getrieben hat, ist die eigentliche Bürde ein Mangel an Flexibilität. Als Schröder, fünf Jahre zu spät, diese Reformen dann doch mit dem Ziel der Machterhaltung in Angriff nahm, beging er während seiner durchaus imponierenden Kraftanstrengung einen erstaunlichen Fehler. Als Franklin Roosevelt von 1933 an den Amerikanern mit seinem New Deal den Übergang zum Sozialstaat zumutete, erklärte er regelmäßig in den berühmten »Radioansprachen vorm Kamin« die Notwendigkeit dieses Kurswechsels. Sein Nimbus, der ihm seither noch dreimal das Präsidentenamt verschaffte, beruhte nicht zuletzt auf diesem geduldigen Werben um die Zustimmung der Wählerschaft. Nichts davon bei Schröder! Anstatt das noch wirksamere Medium Fernsehen jede Woche in den öffentlichen und privaten Sendern entschlossen zu nutzen, anstatt den tief skeptischen, erfolgsverwöhnten Bürgern, nicht zuletzt in seiner eigenen Partei, die Unvermeidbarkeit tiefer Einschnitte in menschenfreundlicher Prosa unermüdlich zu erklären, beschränkte er sich auf eher beiläufige Erläuterungen des Reformpakets. Für diese schwer erklärbare Zurückhaltung des »Medienkanzlers« musste er einen schmerzhaften Preis zahlen: die mürrische, ja empörte Abwehrhaltung in weiten Kreisen der Bevölkerung, die rapide Erosion der SPD als Volkspartei, die sich nicht »mitgenommen« fühlte, etwas später auch noch den Aufstieg der Linkspartei. Trotzdem bleibt als bedeutendste politische Leistung Schröders bestehen, dass er das Reformwerk in Angriff genommen und damit eine Konstellation geschaffen hat, die den Weg zu seiner Fortsetzung bahnt. Wer mit Max Weber Politik für das Bohren dicker Bretter mit Augenmaß und Leidenschaft hält, wird anerkennen, dass Schröder Hartholz mit unleugbarem Erfolg angebohrt hat.
Zwiespältig ist dagegen der Eindruck, den seine Außenpolitik hinterlässt. Im Kosovo und in Afghanistan setzte Schröder gegen traditionelle Bedenken durch, dass Deutschland wie eine »normale« Mittelmacht agierte – angesichts der pazifistischen Unterströmung in der SPD und bei den Grünen kein Kinderspiel. Andererseits gab es kein durchschlagendes Argument für eine deutsche Teilnahme am Irak-Krieg von Bush junior. Sich fern zu halten musste allerdings im Verhältnis zur Hegemonialmacht gravierende Probleme aufwerfen.
In dieser Situation ohne sorgfältige Absprache in der Regierung und mit den Verbündeten allein unter dem Primat der Wahlentscheidung den Alleingang eines schroffen Neins zu riskieren, das verletzte die Regeln der politischen Klugheit. Geboten war kein auf Wählerresonanz fixierter, ziemlich spontan eingeschlagener und erst später als souveräne Strategie ausgegebener deutscher Sonderweg, sondern eine koordinierte Aktion europäischer Staaten unter der Führung Frankreichs mit dem Ziel, eine breiter fundierte Ablehnung durchzufechten. Die bizarre Allianz mit Russland und China war dafür denkbar ungeeignet. Zwar haben die Skeptiker aus der Zeit vor dem Kriegsausbruch bisher weithin Recht behalten. Doch das Verhältnis Berlins zu den amerikanischen Funktionseliten besitzt, unabhängig von ihrer Parteipräferenz, seither wegen Schröders Stil manche Bruchstelle mit Langzeitwirkung.
In der Europapolitik gehört Schröder zu den Schwächsten
In der Europapolitik gehört auch Schröder zu den Schwächsten, die seit Schumann und Adenauer am Projekt der europäischen Einheit tätig gewesen sind. In seiner Zeit konnte zwar der Beitritt von zehn neuen EU-Mitgliedern vollendet werden, doch fehlt es weiterhin an den institutionellen und finanziellen Voraussetzungen für die Funktionstüchtigkeit der EU insgesamt.
- Datum 17.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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Man kann den eigenartigen Gedankengängen des Professors nicht recht folgen. Was für quere Ansichten doch in unserem
Land vorkommen!
Rekordarbeitslosigkeit, die Wirtschaft am Boden, seit Jahren (und auf Jahre) kein den EU-Stabilitätskriterien entsprechendes Budget (sondern ein verfassungswidriges)... Gott behüte uns vor einem derartigen "innenpolitisch erfolgreichen" Kanzler! Aber das zeigt uns wenigstens, wo Rot-Grün ein Land hinführt.
Professor Hans-Ulrich Wehler ist einer der deutschen Historiker, der, wenn er publiziert, stets von nationalkonservativen Kreisen heftigen und auch überschäumenden Beifall erhält. Das ist u.a. darauf zurück zu führen, weil Ulrich in seinem Werk 'Deutscher Gesellschaftsgeschichte' besonders mit den 'Linken' scharf ins Gericht gegangen ist und die Entwicklung Deutschlands zum verbrecherischen NS-Staat allein an der Person Adolf Hitlers 'festmacht'. Wehlers Lebensgeschichte läßt erkennen, daß er stets auch Kontakt und Nähe zu den 'braunen Wurzeln' der Bundesrepublik hatte.
1931 geboren, ist er stets seinem 'Lehrer' Theodor Schieder eng verbunden geblieben, dessen Rolle in der Zeit der verbrecherischen Nazi-Diktatur wenig 'ruhmreich' und vorbildlich war. Mitgliedschaft in der HJ, Ausbildung in einem Lager der SS und Nazi-Lehrer in der neuen Repubik gehören, ohne ihm dieses vorwerfen zu wollen, zu Wehlers Vita.
In der 'türkischen Frage' hat Wehler klar Position bezogen. Sie ist kämpferisch. Er ist sehr entschieden gegen einen Beitritt zur EU in vielen Jahren. Die Position der USA wird dabei nicht angemessen gewürdigt. Gleichzeitig steht Wehler aber auch für einen Kampf gegen den Islam. Wehler scheut sich dabei nicht, an 'niedrige Motive' in der deutschen Bürgerschaft zu appelieren.
Wehler ist eine Person der Vergangenheit. Seine Kritik an der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder nicht von Bedeutung. Wenn Schröder und Fischer in den Irak-Krieg der Bush-Administration eingetreten wären, dann hätte Wehler sich vielleicht nicht genötigt gesehen seinen Artikel gegen Schröder zu schreiben. Auf jeden Fall wäre er wohl kürzer ausgefallen. Aus seiner Sicht wäre wohl, im Fall der Beteiligung Deutschlands an dem Irak-Krieg, dann auch 'was von Schröder geblieben'.
Fehler sind Fehler. Positionen sind Positionen. Demokratie läßt zu, sich zu entscheiden. Gegen den Irak-Krieg oder dafür. Gegen den Türkei-Beitritt zur EU oder dafür. Wer darin Fehler erkennt, der hat die Grundprinzipien der Demokratie nicht verstanden. Wehlers unangemessene Kritik weist nicht in die Zukunft.
Ja, es tönt ja schon seit Jahren. Aber es nun noch mal so zu äußern: Nach den peinlichen Rechtfertigungsversuchen der US-Regierung für den Irak-Krieg: Eine Schande. Der Autor mag es gut finden, Völkerrecht für Staatsraison zu opfern, oder auch: Menschenleben für bessere Stimmung.
Vielleicht will er auch gerne in Irak kämpfen: Er ist dazu nur zu ermutigen, an die Front mit Ihm! Anderer Leute Köpfe opfern sich leicht, insbesondere, wenn es um Abermilliarden geht.
Was für eine Anmaßung eine persönliche Meinung so schamlos als historische Tatsache zu deklarieren! Herr Wehlers Distanz zur "Ära Schröder" geht gegen null. Die gesamte Außenpolitik der rot-grünen Bundesregierung als einen vollen Fehler zu empfinden hat mit der seriösen Arbeit eines Historikers nichts zu tun. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dies einem renommiertem Professor erklären muss.
Clemens Frank
Schüler, 19 Jahre
Wenn 2009 die Feiern zum sechzigjährigen Bestehen der Bundesrepublik abgehalten werden, dann geschieht dies vielleicht im Bewußtsein, dass während der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder der Grundstein auch für ehrliches aussenpolitisches Handeln gelegt wurde.
Schröder's entschiedenes Eintreten gegen eine rein anglo-amerikanische Globalisierung hat die Weichen für eine Weltpolitik gestellt, die in der Regel zwar noch als sehr problematisch betrachtet wird, da der Wunsch nach Führung durch die stärksten Mächte fortlebt, dass diese uns aber nie selbstlos mit Sicherheit versorgten, sondern nur wegen des kalten Krieges, wird immer noch übersehen. Hätte der Autor die aktuellen Aussagen von Robert Kagan gekannt, hätte er vielleicht etwas objektiver über die Achsenbildung zwischen Paris, Berlin, Moskau und Peking geschrieben.
Dass die Große Koalition den "alten Freund" Amerika völlig unkritisch wieder wird herzen können, scheint angesichts des ungebrochenen Eigeninteresses der Vereinigten Staaten recht unplausibel.
so wie der erste Absatz dieses Artikels!
streiche 70, setze 60
streiche 1989, setze 1998
Gruss
zeitstrafe
Eigentlich keine schlechte Idee, das Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland in das Jahr 1939 zu verlegen, dann wäre der Welt ein Krieg erspart geblieben, aber das war wohl nicht der geistige Hintergrund des Satzes "Im Jahr 2009 erscheint, wie man hört, zum 70. Geburtstag der Bundesrepublik eine Festschrift..."?
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