klassik Der lange Marsch zu Beethoven

Liegt die Zukunft der klassischen Musik in China? Auf Asientournee mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern

Wenn ein Berliner Philharmoniker die Haustür hinter sich zuzieht und auf große Orchestertournee geht, verwandelt er sich in ein rohes Ei. Das rohe Ei wird zum Flughafen gebracht, behutsam in einen Flugzeug gesetzt und auf dem kürzesten Weg ans andere Ende der Welt transportiert. Es wird schonend in einen Bus umgebettet und ins beste Hotel der Stadt gefahren. Dort verwandelt es sich wieder in einen Musiker zurück. Die Berliner Philharmoniker reisen komfortabel. Auf langen Strecken sitzen die 128 Musiker in einem Jumbojet, der extra für sie gechartert wurde. Sie haben nicht nur ihre Instrumente dabei, sondern auch eine vielköpfige Entourage aus Orchesterwarten, Büroangestellten, Agenturmanagern, einem Arzt und einer Reiseleitung, die die komplette Tour-Route zuvor schon zweimal abgeflogen hat. Kein Philharmoniker, so könnte man unken, muss in den von Palmen gesäumten Hotel-Swimmingpool steigen, ohne dass vorher jemand sorgfältig die Wassertemperatur geprüft hat. Der Aufwand ist nicht außergewöhnlich, wenn Weltspitzenorchester auf Reisen gehen, denn am Ende dient alles bloß der Kunst: Dann müssen die Musiker die hohen Ansprüche, die sie stellen, selbst einlösen.

Die Berliner Philharmoniker haben in diesem Jahr ihre große Asientournee in Peking begonnen, denn China ist die Zukunft der klassischen Musik. Das behauptet neuerdings jeder. Seitdem das Land die jungen Pianisten-Superstars Lang Lang und Yundi Li hervorgebracht hat. Seitdem immer mehr hervorragende chinesische Musikstudenten an die europäischen und amerikanischen Hochschulen drängen. Seitdem genauso vage wie abenteuerliche Zahlen kursieren, nach denen 15 Millionen oder 35 Millionen oder 50 Millionen Chinesenkinder Klavier lernen, die alle nur ein Ziel haben – so gut und so berühmt zu werden wie Lang Lang. »Die Zukunft der klassischen Musik liegt in China.« Das hat auch Simon Rattle, der Chef der Philharmoniker, gleich am Tag der Ankunft auf einer Pressekonferenz erklärt. Aber während der Satz andernorts mit einem leisen Gruseln vor einer asiatischen Musikerinvasion ausgesprochen wird, klingt er bei Rattle rundheraus fröhlich und optimistisch. »Wahrscheinlich ist Lang Lang tatsächlich nur die Spitze eines Eisbergs, der auf uns zukommt«, sagt er, »aber für die Entwicklung der westlichen klassischen Musik kann das nur gut sein. Jeder neue Einfluss hält die Kunst lebendig.«

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Man muss sich nur Herrn Long Yu angucken, um zu spüren, wie frisch und dynamisch die klassische Musik in China nach vorn drängt. Long Yu ist Dirigent und der künstlerische Leiter des Beijing-Festivals, bei dem die Philharmoniker gastierten. Der Chinese wirkt nicht wie ein verträumter Schöngeist, der einer altmodischen Kunstform aus dem fernen Europa verfallen ist, sondern er tritt auf wie der schneidige, erfolgreiche Geschäftsmann, der ganz heiße Ware im Angebot hat. Er trägt Nadelstreifenanzug, ölig nach hinten gegeltes Haar und lange, spitz rasierte Koteletten. Als Kind hat er erlebt, wie die Roten Garden während der Kulturrevolution in die Häuser der Musiker eindrangen und alle Instrumente, Schallplatten und Noten zerstörten. Heute ist er der Impresario eines Aufbaubooms, very well connected mit höchsten Politikerkreisen, die die Beschäftigung mit Mozart, Beethoven und Brahms längst als Bestandteil eines sich modern gebenden Chinas akzeptieren. Und Long Yu zieht die Fäden, damit zwischen Peking, Hongkong und Shanghai eine Infrastruktur für die klassische Musik entsteht, damit weitere neue, große Konzerthallen eröffnet werden, wie jüngst in Shanghai, und ein internationaler Gastspielbetrieb in Gang kommt.

Der Besuch von Rattle und seinem Orchester hat dabei maximalen Prestigewert. Das Philharmonikergastspiel mag für die Veranstalter sündhaft teuer sein, aber es ist auch Beweis dafür, dass Peking bald nicht mehr wegzudenken ist von der Weltkarte der Kulturmetropolen. Wahrhaft rekordverdächtige 484 Euro kostete die teuerste Karte für eines der beiden Rattle-Konzerte im (mäßig klingenden) Mehrzweck-Kulturzentrum Poly-Theatre. Der äußere Rahmen des Philharmonikerauftritts ähnelte der Eröffnung eines Showrooms für Nobelkarossen: Drinnen flaniert die unauffällig gekleidete Pekinger Business- und Politikelite, alle anderen müssen sich die Nase an der Scheibe platt drücken.

In der Piano City von Herrn Jiangjie üben 10000 Schüler

Die Berliner Philharmoniker waren nur einmal zuvor in Peking, 1979, drei Jahre nach Maos Tod, mit Herbert von Karajan. Eine Staatsaktion voller Pannen. Karajan, der Technikfetischist, wollte mit seinem Orchester unbedingt an Bord des ersten Großflugzeuges in Peking einschweben, aber die Chinesen hatten keine passende Gangway. Die provisorische Treppe sackte weg, zwei Musiker stürzten in die Tiefe, mussten mit Knochenbrüchen ins Krankenhaus gebracht werden, und die chinesische Empfangsdelegation wartete vergeblich im Ankunftssaal. Die Konzerte fanden in einer akustisch miserablen Sporthalle statt. Karajan haderte mit den Bedingungen und drohte bei der Generalprobe sogar damit, die Halle räumen zu lassen, weil die Chinesen fröhlich schwatzten, aßen und umherliefen, während die Musik erklang.

So etwas würde dem hohen Orchesterbesuch heute natürlich nicht mehr widerfahren. Mit Schrifttafeln, Lautsprecherdurchsagen im Foyer, die wie Feueralarm klingen, und eingeblendeten Übertiteln während des Konzerts schwört man die Besucher auf die Rituale westlichen Musikhörens ein. Mit Erfolg: Mucksmäuschenstill ist der Saal, wenn der Dirigent die Bühne betritt. Keiner wagt es, zwischen den Sätzen zu klatschen. Und die Zugabe wird mit dem sozialistischen Klatschmarsch eingefordert. Aber wirkt das nicht alles ein bisschen überehrgeizig? Hat diese jugendfrisch entflammte Liebe der Chinesen zur klassischen Musik nicht auch etwas Getriebenes und Verkrampftes?

Beethoven zu mögen, so wird einem überall versichert, sei in den chinesischen Großstädten modern und Ausdruck eines erstrebenswerten westlichen Lebensstils. Einen kleinen Beethoven-Interpreten in der eigenen Familie zu haben ist jedoch noch viel erstrebenswerter. Herr Jiangjie hat das schon lange erkannt. Ein Ziehharmonikaspieler ist er eigentlich, aber vor 15 Jahren hat er angefangen, Klaviere zu verkaufen und Musikunterricht für Kinder anzubieten. Inzwischen hat die Jiangjie Piano City mit ihrem angeschlossenen Culture and Arts Center 13 Zweigstellen in Peking und betreut über 10000 Schüler. In den langen, schmalen Verkaufsräumen sind in der Mitte die Klaviere zusammengeschoben, und links und rechts reihen sich in einer endlosen Flucht die Unterrichtsräume: vier Quadratmeter große, schallgedämmte Zellen, die allesamt identisch ausgestattet sind mit einem Klavier, zwei Stühlen, Neonlicht, einer altrosa gemusterten Tapete und einem Garderobenständer. Durch ein Fenster kann man die Kleinen beim Klavierunterricht beobachten und durch die Tür mithören, wie sie sich an einfachen Volksliedern in C-Dur mühen, an Etüden von Czerny, Leichtem von Bach oder Mozarts alla turca.

Neben jeder Tür hängt ein Steckbrief des Lehrers mit Passbild, Angaben zur Person und – ganz wichtig! – dem Abschlussgrad seines Studiums, denn nach den Zeugnisnoten des Lehrers richten sich die Unterrichtspreise. Es sind auf dem langen Flur fast nur A-Absolventen tätig und die AAA-Topabsolventin (aus Russland!) unterrichtet in einem speziellen Business-Class-Bereich mit zwei Flügeln und einer Ledercouch im Zimmer.

Wie ein Hort der kreativen Fantasie erscheint die Piano-City von Herrn Jiangjie nicht, da können die gelben Entenfüße an den Plastikpapierkörben noch so lustig leuchten. Eher schon sieht die lange Flucht der Zellen aus wie ein Kinderknast im offenen Vollzug. Obwohl die jungen Lehrer mit ihren Thermoskannen voll grünem Tee ganz geduldig und entspannt mit den Schülern sprechen. Nirgendwo ist der Angstschweiß des Drills zu riechen. Wenn nur die vielen Mütter nicht wären: Mütter, die während des Unterrichts mit gereckten Hälsen im Rücken der Kinder sitzen und sich Notizen machen. Mütter, die anschließend auf den Fluren die Köpfe zusammenstecken und auf Anschlagzetteln aufgefordert werden, zu Hause das tägliche Übungspensum der Kinder streng zu kontrollieren. Ehrgeizige, opferbereite Mütter, so scheint es, die in der chinesischen Einzelkindergesellschaft alles daransetzen, dass es ihre Sprösslinge im Leben, in der Schule, in der Kunst zu etwas bringen.

In der Klavierausbildung herrscht deshalb ein Leistungsdenken wie beim Kunstturnen. Das musikalische Können wird regelmäßig geprüft, in Fähigkeitskennzahlen gefasst und in Wettbewerben und Vorspielen mit der Konkurrenz abgeglichen. Am schulfreien Samstag summt und brummt es in den Waben der Musikschule am emsigsten. Wie Bienenarbeiterinnen kommen einem dann die Mütter vor, die ihre Kleinen mit Bildungs-Zuckerwasser (und Peitsche?) päppeln, auf dass am Ende ein neuer Lang Lang schlüpfe. Neben dem Haupteingang zu seiner Piano-City hat Herr Jiangjie übrigens ein großes Aquarium ins Schaufenster bauen lassen. Darin drehen Baby-Haifische ihre Runden.

Zu Gast beim sanften Professor Zhao, dem Lehrer von Lang Lang

Sightseeing mit den Philharmonikern. Die Fahrt im Bus geht zur Chinesischen Mauer. Die Sonne und der leichte Herbstnebel tauchen die Landschaft in ein diffus goldenes Licht, und wie ein Pinselstrich aus schwerem Stein zieht sich die große Mauer in kunstvollen Zacken die schroffen Berganstiege hinauf. Die Musiker zücken ihre Digicams, schultern den Videorekorder, schießen Erinnerungsfotos und filmen, auch mit dazu gesprochenem Text: »Wir sind mit der Seilbahn hochgefahren. Es ist ein wunderschöner Tag. Hier sieht man die berühmte Chinesische Mauer.« Weltwunder unter sich. Was für ein kurios und widersprüchlich schillerndes Kaleidoskop würde wohl entstehen, wenn man alle Freizeitfilme der Jahr für Jahr globetrottenden Philharmoniker aneinander schnitte?

In einem normalen Orchester, hat Simon Rattle einmal gesagt, gebe es fünf oder sechs unverwechselbare Typen, Charakterköpfe vom Schlag eines John Malkovich. Aber bei den Berliner Philharmonikern sei jeder auf seine Weise ein Malkovich. Und jeden Abend im Konzert verwandelt sich dieser sehr ausgeprägte Individualismus auf wundersame Weise in ein erzenes Kollektivbewusstsein wie bei Haydns Symphonie D-Dur Nr. 8, die bei den Pekinger Auftritten den stärksten Eindruck hinterließ. Da erwächst aus Rattles Ehrgeiz, jeder Note, jeder rhythmischen Punktierung und auch noch dem letzten subito piano eine Pointe abzuringen, ein neuer, frischer Blick auf den Komponisten. Haydn, die Temperamentsrakete. Haydn, der schlagfertige Ironiker.

Kann man eigentlich Haydn und Mozart spielen, wenn man hinter der Chinesischen Mauer lebt und Wien, Österreich, Europa nie gesehen hat? Kann man ohne die jahrhundertelange Tradition im Rücken, die bei den Berliner Philharmonikern in jedem Klang unüberhörbar mitschwingt, überhaupt die Tiefen der klassischen Musik ausloten? Und woraus erwächst der emotionale Zugang in einem Land, in dem vor vierzig Jahren noch jeder, der Mozart spielte, fürchten musste, dass ihm von Maos Kulturrevolutionären die Finger gebrochen wurden? Das sind die Fragen, die Professor Zhao von Westbesuchern gern gestellt bekommt. Er könnte eine ganz einfache Antwort geben. Sie heißt: Lang Lang. Zhao Ping Guo ist nämlich der Lehrer, der den 22-jährigen chinesischen Klavier-Superstar entdeckt hat und ihn unter seine Fittiche nahm. Mit neun Jahren kam Lang Lang aus Shenyang ans Pekinger Musikkonservatorium. Der Vater stellte sein Leben ausschließlich in den Dienst des Wunderkinds und zog mit ihm in ein winziges Zimmer in Peking, damit der Sohn bei Professor Zhao Unterricht nehmen konnte. Und der merkte ziemlich schnell, dass sich bei einem wie Lang Lang alle Fragen nach dem westlichen Musikverständnis der Chinesen erübrigen.

Professor Zhao empfängt uns in seiner Privatwohnung, die in einem Nebengebäude auf dem Konservatoriumsgelände liegt. Eine verwinkelte Dreizimmerwohnung, in die in Wien oder Berlin ein Klavierprofessor, der zu den berühmtesten des Landes gehört, allenfalls seine Studenten einziehen lassen würde. Die Zimmer sind voll gestopft mit Büchern, Noten, Erinnerungsgegenständen und mehreren Klavieren, und der 71-Jährige kommt in karierten Hauspantoffeln und einem Strickpullover über dem schwarzen Rolli aus seinem Arbeitszimmer, in dem zwischen Klaviatur und gegenüberliegender Schrankwand gerade noch ein Klavierschemel passt.

Die westlichen Vorstellungen vom großen Klassikfieber, das in China ausgebrochen ist, möchte Professor Zhao korrgieren. Das Land habe doch eine viel längere Tradition im Umgang mit der westlichen Kunstmusik. Die Grundlagen dafür seien schon in den dreißiger Jahren gelegt worden. Das Pekinger Konservatorium wurde 1950 gegründet, er selbst sei einer der ersten Klavierstudenten dort gewesen. Die besten Musiker hätten die Möglichkeit erhalten, sich in Budapest und Moskau fortzubilden. Von der russischen Schule sei die chinesische Klavierpädagogik bis heute stark beeinflusst. Und die Kulturrevolution habe diese Aufbauarbeit, nach seiner Meinung, nicht zerstört, sondern nur unterbrochen. Er sehe einen großen Bogen der musikalischen Entwicklung in China. Hoch begabte Musiker wie Lang Lang oder Yundi Li oder der Komponist Tan Dun seien keineswegs einfach so vom Himmel gefallen.

Mit im Schoß gefalteten Händen und einer Gelassenheit, die sich im ganzen Raum ausbreitet, spricht Zhao, und man würde gern herausfinden, ob die Professorenmilde einem strengen Zuchtmeisterton weicht, wenn seine Meisterschüler neben ihm sitzen. Aber vom Schleifertum in der chinesischen Musikerausbildung, über das so viel gemunkelt wird, will er nichts wissen. Nicht an diesem Vormittag. Nein, er halte es für keine gute Idee, wenn Studenten neun Stunden am Tag üben, und natürlich gebe es viel zu viele Wettbewerbe, bei denen nur ein geistlos technisches Klavierspiel gefördert würde. Die Eltern seien in der Tat sehr ehrgeizig mit ihren Kindern, alle würden nur von einer solistischen Laufbahn träumen. Das gemeinsame Musizieren, die Kammermusik, komme noch viel zu kurz in China. Aber die Dinge seien doch alles in allem auf einem guten Weg.

Beim Hinausgehen zeigt er uns noch Fotos von seinen beiden Kindern. Beide sind Pianisten, sie leben mit ihren Familien in München und in Paris. Dort will die chinesische Musikjugend irgendwann ankommen – in den Konzertsälen Europas. Gibt es eigentlich noch viele unentdeckte Lang Langs in China? Es werden bestimmt noch einige kommen, sagt Professor Zhao, und sein wissendes Lächeln deutet an, dass er da aus Höflichkeit wohl eher untertreibt.

 
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