klassik Der lange Marsch zu BeethovenSeite 3/3
Kann man eigentlich Haydn und Mozart spielen, wenn man hinter der Chinesischen Mauer lebt und Wien, Österreich, Europa nie gesehen hat? Kann man ohne die jahrhundertelange Tradition im Rücken, die bei den Berliner Philharmonikern in jedem Klang unüberhörbar mitschwingt, überhaupt die Tiefen der klassischen Musik ausloten? Und woraus erwächst der emotionale Zugang in einem Land, in dem vor vierzig Jahren noch jeder, der Mozart spielte, fürchten musste, dass ihm von Maos Kulturrevolutionären die Finger gebrochen wurden? Das sind die Fragen, die Professor Zhao von Westbesuchern gern gestellt bekommt. Er könnte eine ganz einfache Antwort geben. Sie heißt: Lang Lang. Zhao Ping Guo ist nämlich der Lehrer, der den 22-jährigen chinesischen Klavier-Superstar entdeckt hat und ihn unter seine Fittiche nahm. Mit neun Jahren kam Lang Lang aus Shenyang ans Pekinger Musikkonservatorium. Der Vater stellte sein Leben ausschließlich in den Dienst des Wunderkinds und zog mit ihm in ein winziges Zimmer in Peking, damit der Sohn bei Professor Zhao Unterricht nehmen konnte. Und der merkte ziemlich schnell, dass sich bei einem wie Lang Lang alle Fragen nach dem westlichen Musikverständnis der Chinesen erübrigen.
Professor Zhao empfängt uns in seiner Privatwohnung, die in einem Nebengebäude auf dem Konservatoriumsgelände liegt. Eine verwinkelte Dreizimmerwohnung, in die in Wien oder Berlin ein Klavierprofessor, der zu den berühmtesten des Landes gehört, allenfalls seine Studenten einziehen lassen würde. Die Zimmer sind voll gestopft mit Büchern, Noten, Erinnerungsgegenständen und mehreren Klavieren, und der 71-Jährige kommt in karierten Hauspantoffeln und einem Strickpullover über dem schwarzen Rolli aus seinem Arbeitszimmer, in dem zwischen Klaviatur und gegenüberliegender Schrankwand gerade noch ein Klavierschemel passt.
Die westlichen Vorstellungen vom großen Klassikfieber, das in China ausgebrochen ist, möchte Professor Zhao korrgieren. Das Land habe doch eine viel längere Tradition im Umgang mit der westlichen Kunstmusik. Die Grundlagen dafür seien schon in den dreißiger Jahren gelegt worden. Das Pekinger Konservatorium wurde 1950 gegründet, er selbst sei einer der ersten Klavierstudenten dort gewesen. Die besten Musiker hätten die Möglichkeit erhalten, sich in Budapest und Moskau fortzubilden. Von der russischen Schule sei die chinesische Klavierpädagogik bis heute stark beeinflusst. Und die Kulturrevolution habe diese Aufbauarbeit, nach seiner Meinung, nicht zerstört, sondern nur unterbrochen. Er sehe einen großen Bogen der musikalischen Entwicklung in China. Hoch begabte Musiker wie Lang Lang oder Yundi Li oder der Komponist Tan Dun seien keineswegs einfach so vom Himmel gefallen.
Mit im Schoß gefalteten Händen und einer Gelassenheit, die sich im ganzen Raum ausbreitet, spricht Zhao, und man würde gern herausfinden, ob die Professorenmilde einem strengen Zuchtmeisterton weicht, wenn seine Meisterschüler neben ihm sitzen. Aber vom Schleifertum in der chinesischen Musikerausbildung, über das so viel gemunkelt wird, will er nichts wissen. Nicht an diesem Vormittag. Nein, er halte es für keine gute Idee, wenn Studenten neun Stunden am Tag üben, und natürlich gebe es viel zu viele Wettbewerbe, bei denen nur ein geistlos technisches Klavierspiel gefördert würde. Die Eltern seien in der Tat sehr ehrgeizig mit ihren Kindern, alle würden nur von einer solistischen Laufbahn träumen. Das gemeinsame Musizieren, die Kammermusik, komme noch viel zu kurz in China. Aber die Dinge seien doch alles in allem auf einem guten Weg.
Beim Hinausgehen zeigt er uns noch Fotos von seinen beiden Kindern. Beide sind Pianisten, sie leben mit ihren Familien in München und in Paris. Dort will die chinesische Musikjugend irgendwann ankommen – in den Konzertsälen Europas. Gibt es eigentlich noch viele unentdeckte Lang Langs in China? Es werden bestimmt noch einige kommen, sagt Professor Zhao, und sein wissendes Lächeln deutet an, dass er da aus Höflichkeit wohl eher untertreibt.
- Datum 17.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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