dossier Dinkelsbühl greift an
Ran an die Globalisierung! Wie ein Oberbürgermeister und sein Verwaltungschef in die weite Welt ziehen, um ihrer mittelalterlichen Stadt den Weg in eine rosige Zukunft zu bahnen
Draußen ist es noch dunkel, als Christoph Hammer aus seinem Bett steigt, in die Küche geht und Kaffee aufsetzt, sehr leise, seine Frau und sein Sohn sollen nicht aufwachen. Fünf Uhr, kein Licht in den Häusern ringsum. Noch ist Dinkelsbühl, die kleine Stadt an der Romantischen Straße, nicht erwacht. Nur bei Christoph Hammer, dem Oberbürgermeister, flammt der Fernseher auf, fast jeden Morgen geht das so. Blaues Nachrichtenlicht durchzuckt das Reihenhaus am Rande der nachtschwarzen Stadt, Hammer zündet sich eine Zigarette an und setzt sich auf die Couch.
Bei Phoenix wiederholen sie politische Debatten, Merkel, Müntefering, Mehrwertsteuer, Große Koalition. In Berlin wird die Zukunft Deutschlands verhandelt, die Wirtschaftsinstitute sorgen sich. Neue Nachrichten sind meist schlechte Nachrichten, auch in Dinkelsbühl. Der Wohlstand droht zu zerfließen, und Hammer weiß, wohin: nach Osten. Die Chinesen arbeiten schon wieder, seit Stunden. Indien ist aufgestanden, Osteuropa erwacht. Christoph Hammer ist sich sicher: Die Globalisierung ist da.
Und bestimmt schläft Kiesel noch.
Ein Gefühl ist in die Provinz gelangt, nach 91550 Dinkelsbühl, Mittelfranken. Lange Zeit war dieses Gefühl hier nur ein Wort. Globalisierung. Sehr fern, eine Erfindung der Großstadtmenschen. Nun hat es diesen jungen Bürgermeister erfasst, in seinem Kopf ist die Stadt mit ihren 11.800 Einwohnern umstellt von China, Polen, Tschechien. Er sagt: »Ich sehe die Regenwolken nicht mehr am Horizont, sie sind schon über uns.« Muss er jetzt nicht handeln, er, Christoph Hammer von der CSU, 43 Jahre alt? Ein Parteifreund, der als Anwalt Unternehmen berät, ist jetzt dauernd in China. Ein Dinkelsbühler Traditionsbetrieb spricht plötzlich von Entlassungen. Eine andere Firma, die vor den Toren der Stadt elektronische Bauteile fertigen lässt, verlangt von ihren Mitarbeitern 42-Stunden-Wochen ohne Lohnausgleich, »um den Exodus aus Deutschland zu stoppen«. Was aber kann Hammer tun?
Es ist kurz vor sieben, als der Oberbürgermeister in seinen silbergrauen Dienst-Mercedes steigt und zum Rathaus fährt. Sein Weg führt ihn durchs Stadttor, vorbei an der efeuberankten Stadtmauer, dahinter beginnt das Kopfsteinpflaster unter den Rädern zu rumpeln, Tempo 10, Mittelalter, Häuser in Pastell. Der Ort ist bunt wie eine Schale voller Bonbons. Dinkelsbühl, »die tausendjährige Stadt«, liegt da, als ob es keine Probleme gäbe.
Sehr langsam geht es bergab, vielleicht so langsam, dass das nur merkt, wer in größeren Abständen misst und genau hinsieht. Dabei hilft eine gewisse Entfernung, denkt Hammer. Er, der aus Nürnberg zugezogene Bürgermeister, hat etwas gemerkt. Seine Stadt hat 1818 Euro Schulden pro Kopf, das Dreifache des bayerischen Landesdurchschnitts. Die amerikanischen Touristen, auf die so lange Verlass war, fahren jetzt lieber nach Budapest und Prag. Sogar den Tourismus hat es erwischt. Arbeit fließt ab. Etwas bricht weg, ein ganz normaler deutscher Vorgang, an den sich Hammer nicht gewöhnen kann.
Um Punkt sieben schlagen die Turmglocken, Hammer schließt seinen Wagen ab und läuft hinüber zum Rathaus. Mit langen Schritten nimmt er die Treppe, Eichendielen knarzen, sonst ist es still. Auch hier ist Hammer der Erste. Er zündet sich wieder eine Zigarette an und wartet, bis Kiesel kommt.
Manfred Kiesel belegt die oberste Taste auf Hammers Diensttelefon. Kiesel, 57 Jahre alt, wurde in Dinkelsbühl geboren und arbeitet seit 40 Jahren im Rathaus. Es ist seine Stadt, die er an diesem Morgen mit dem Fahrrad durchquert. Halb acht, die schönste Zeit. Noch ist Dinkelsbühl für sich und trägt Schminke auf für die Touristen, die die »intakte Altstadt« sehen wollen. Geranien, Türmchen, gusseiserne Gewissheit. Kiesel radelt am Zeitungsladen vorbei, am Bäcker und über den Kirchplatz, wirft ein »Grüß Gott!« nach links und ein »Grüß Gott!« nach rechts, das Wohlsein im Gesicht versammelt. Er kennt hier jeden, jeder kennt ihn.
Als Kiesel am 1. August 1965 im Rathaus seinen Dienst antrat – er hat das Datum parat, als sei es sein Geburtstag –, da waren Deutschland und die Zukunft verheiratet, eine Zugewinngemeinschaft. Kiesel, jung und schlank, saß im Einwohneramt und sang: »Auf Zimmer 10 bin ich König, die weite Welt lockt mich wenig.« Kiesel wurde Standesbeamter, übernahm das Ordnungsamt, hat die Gewerbesteuerbescheide verschickt. Jetzt leitet er das Hauptamt, ist Personalchef seiner Stadt. Der Musiklehrer, die Bibliothekarin, der Förster, die Altenpflegerinnen, der Jugendpfleger, die Bademeister, die Elektriker der Stadtwerke, der Abwassermeister des Klärwerks, die Hausmeister in den Schulen, die Damen im Fremdenverkehrsamt, der Intendant des Theaters – alles Kiesels Leute. Kiesel hält das soziale Netz der Stadt in seinen Händen. Und wenn Kiesel auf dem Weg ins Rathaus sieht, dass die Turmuhren falsch gehen, lässt er sie richtig stellen. Sein Leben ist ein Lob der Regelmäßigkeit.
Nun aber steht morgens der neue OB in der Tür, die Versagensangst des ganzen Landes in den Augen, und konfrontiert ihn mit seinen Ideen, mit allem, was ihm eingefallen ist angesichts der globalen Nachrichtenlage zwischen fünf und sieben in der Früh. Neulich stand Hammer da und rief: »Innovativring!« Könnten sie die neue Straße im Gewerbegebiet nicht Innovativring nennen, weil das ein Signal des Aufbruchs sei? Es klingt immer ein bisschen verzweifelt, wenn Hammer seinen Innovativring preist. Er weiß ja schon: Es geht dann wieder Stirnrunzeln durchs Rathaus, in dem die Bremser und Bedenkenträger sitzen wie im ganzen Land.
Kiesel fährt jetzt die Segringer Straße hinauf. Fremdenverkehrsamt, Hotel Goldene Kanne, Tchibo im Glanz der Morgensonne. Übertreibt Hammer? Oder hat er Recht? Gala, die Kerzenfabrik nahe der Stadt, hat gerade ein neues Werk gebaut, in China. Die Aroma-Teelichter hier bei Tchibo, 20 Stück für 2,99 Euro, kommen schon von dort. Zwei, dreimal in der Woche stehen Familienväter in Kiesels Büro und betteln um Arbeit. »Denen steht die blanke Not in den Augen«, sagt Kiesel. Als er vor einem Jahr einen Job ausschrieb, Hilfsarbeiter in der Grünpflege – Rasenmähen und Straßenkehren für 1667 Euro brutto –, bekam er 90 Bewerbungen. Aus dem ersten Stock des Rathauses, wo Kiesel früher sang, hört er jetzt manchmal das Wutgeschrei der Arbeitslosen. Die Kollegen im Sozialamt haben inzwischen Reizgas in ihren Schubladen.
Es stimmt etwas nicht mehr mit den farbenfroh getünchten Fassaden in der Stadt. Das Leben hinter ihnen verdunkelt sich, aber man muss Kiesels Blick haben, um das zu bemerken.
- Datum 17.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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Das Zeitdossier zu Dinkelsbühl und dem Umgang (kann man sagen Kampf?) mit der Globalisierung ist genial geschrieben. Was bleibt aber als Konsequenz? Greift Dinkelsbühl wirklich an? Hat nicht Dr. Hammer (der OB) letztendlich resigniert aufgegeben? Muss der OB nicht erkennen, dass er keine Chance hat gegen die Globalisierung anzugehen?
Die Tafel Dinkelsbühl ist eine sehr ehrenvolle Einrichtung und eine große Aufgabe. Glückwunsch nach Dinkelsbühl. Aber löst das unsere Probleme insgesamt?
Was fehlt in Deutschland? Es fehlt an einer Idee, wie diese Gesellschaft weiter leben kann. Ich bin fast versucht zu schreiben, wie diess Gesellschaft gar überleben kann.
Mir selbst geht es etwas wie dem Dr. Hammer, daher habe ich das Dossier auch mit großer innerer Bewegung geradezu verschlungen. Ich bin kein OB einer Stadt, sondern betreibe ein Steuerberatungsbüro in Stuttgart. In dieser Funktion sehe ich auch die Auswirkungen der Globalisierung an allen Ecken und Enden. Deutschland sitzt, wie ganz Europa, in der Globalisierungsfalle. Dessen bin ich mir sehr sicher. Der Artikel bestärkt mich insoweit ein weiteres mal.
Wo sind die Utopien? Wo sind die Vordenker? Wo sind die Räume um solche Utopien zu diskutieren? Unsere Politiker können dieses nicht. Das erscheint mir als sicher.
Ich habe ähnlich wie prominente Menschen (Merz, Prof. Kirchhoff und andere) auch ein Konzept verfasst zur Gesundung der Staatsfinanzen und zum "Aufbruch Deutschland".
Vielleicht ist hier ein Forum zum Anstoss dieser Diskussionen. Wer mein Konzept lesen will, kurze email an meinsteuerberater@gmx.de. Ich schicke es dann zu.
Hammer ist entlarvt, nicht zuletzt durch diesen subtilen und ausgezeichnet recherchierten Artikel. Respekt. Mehr dazu unter: www.dinkelsbuehl.blogspot...
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