Eine verbotene Tür gibt es in fast jeder Schlecker-Filiale. Meist ist sie so grau wie die Wand daneben. Fremde dürfen die Tür nicht öffnen und hindurchgehen – wer es trotzdem wagt, betritt die geheime Welt hinter der Billigpreisfassade.

Es ist Nachmittag. Das kleine Fenster lässt wenig Licht in den Lagerraum. Mannshoch stapeln sich gefaltete Pappkartons neben Getränkekisten mit leeren Fanta-Flaschen. An der Wand hängt ein Farbfoto von Firmenchef Anton Schlecker und seiner Frau Christa, die Angestellten sollen wohl nicht vergessen, wer ihr Gehalt zahlt. Damit sie sich auch daran erinnern, wofür sie bezahlt werden, liegt das blaue Pflichtenheft Arbeitsanweisungen auf dem Tisch, eine Art Klassenbuch für Erwachsene. Der Bezirksleiter trägt hier nach jedem Kontrollbesuch penibel seine Rügen ein: Fußboden schlecht gewischt, zu viel Ware im Lager, falsches Plakat im Fenster. Nächstes Mal besser machen! Hinterher gibt’s eine Schulnote: "sehr gut", "gut", "nicht gut" oder "schlecht". Bei zu vielen schlechten Noten droht eine Abmahnung, bei zu vielen Abmahnungen die Kündigung. Das nennt man straffe Führung .

Verkäuferin Regina Klöttke* (20 Stunden pro Woche, knapp über 1000 Euro brutto im Monat) sitzt in der Ecke des Lagers auf einem blauen Plastikstuhl. Heute früh wurde sie überfallen, und immer noch klingt sie aufgeregt. "Ich habe morgens den Laden aufgesperrt und wollte kurz ins Lager. Da war auf einmal ein Mann, und als der mich gesehen hat, ist er auf mich los und hat mich ins Regal gestoßen", sagt die 44-Jährige. "Alles ist umgefallen, und dann ist er weggerannt." Da lag sie nun allein zwischen Katzenstreu und Persil-Kartons, der rechte Arm schmerzte vom Aufprall. Als sie sich aufgerappelt hatte, rief sie die Polizei und ihren Vorgesetzten an, den Bezirksleiter. Sie wäre so gern nach Hause gegangen, "aber der hat gesagt, dass ich mir dann selber eine Vertretung suchen müsste". Von jetzt auf gleich? Das nennt man wohl Eigenverantwortung.

Die Filiale liegt im Wohngebiet einer deutschen Großstadt. Sie ist das einzige Geschäft weit und breit, und Regina Klöttke ist meistens die einzige Mitarbeiterin im Laden. Angeblich wird jeden Tag eine Schlecker-Filiale überfallen, weil Angestellte oft allein dort stehen, die meisten sind Frauen. Zwar gibt es inzwischen überall ein Telefon, manchmal sogar Videokameras und eine Notrufleitung zum privaten Sicherheitsdienst. Aber der kommt ja auch nur, nachdem etwas passiert ist.

Klöttke suchte erst gar nicht nach einer Vertretung. Sie blieb. Die Angst blieb bei ihr.

Vielleicht, überlegt sie nun kurz, war es sogar gut so. Als sie vor gut einem Jahr schon einmal überfallen wurde, ließ sie sich krankschreiben. "Damals habe ich in den Lauf einer Pistole geblickt und musste eine Zeit lang in psychologische Behandlung." Nach einigen Tagen habe Schlecker ihr einen Zettel geschickt, eine Auflistung ihrer Fehlzeiten in der Vergangenheit. Erst war Klöttke verschüchtert, dann wütend: "Die meinten wohl, ich wäre der Arbeit nicht gewachsen und soll freiwillig gehen!"

Aber wohin? Klöttke hat Schuhverkäuferin gelernt und arbeitet jetzt halbtags bei Schlecker. Ihr Mann weiß heute schon, dass er Ende Januar seinen befristeten Job verlieren wird. Soll sie da kündigen und sich etwas anderes suchen? In der Stadt ist jeder Zehnte arbeitslos. "Es ist alles eine Frage der Alternativen", sagt Klöttke. "Habe ich eine?"

Die deutschen Billighändler sind bekannt für ihr Patriarchat, das freilich ein hartes ist. Die Vorreiter sind die Brüder Karl und Theo Albrecht. Als Gründer von Aldi haben sie es an die Spitze der Rangliste der reichsten Deutschen gebracht. Anton Schlecker und Dieter Schwarz von Lidl führen mit ihren Imperien die nächste Generation an. Während die Albrechts, beide mittlerweile über 80 Jahre alt, das Tagesgeschäft ihren sechs Geschäftsführern überlassen, halten Schlecker und Schwarz den Geist des Discounters persönlich am Leben: Billige Waren für den Kunden, harte Zeiten für das Personal.

Den Eigentümern der großen Billigheimer sitzen weder auf Rendite fixierte Finanzinvestoren noch gierige Aktionäre im Nacken. Während sie ihre Mitarbeiter streng kontrollieren, entziehen sie durch geschickte Firmenkonstruktionen ihre Unternehmen der öffentlichen Kontrolle. Nichts bringt sie schneller in Rage als der Versuch, ihnen in ihre Geschäftspraxis hineinzureden. Schreckensberichte aus dem Einkaufsparadies füllen Hunderte von Gerichtsakten, Zeitungsartikeln und Internet-Foren. Manche führen ihr Personal nach dem Motto: "Kontrolle ist gut, Druck ist besser."

•In einigen Filialen von Lidl kontrolliert bereits der Kassencomputer die Kassiererinnen. Pro Minute müssen sie mindestens 40 Artikel über den Scanner ziehen; Neulinge haben vier Monate Zeit, um die hohe Schlagzahl zu erreichen. Erzeugt wird eine Atmosphäre der Angst: Eine Verkäuferin aus Bremen berichtet, aus Furcht vor Kündigung mit hohem Fieber so lange im Laden gestanden zu haben, bis sie zusammenbrach. Lidl will sich zu einzelnen Vorwürfen nicht äußern.

•Bei Schlecker tönen und flackern Werbeclips per Endlosschleife über die Fernseher in den Filialen: Mundwasser, Filtertüten, Volksmusik, kaufen, kaufen, kaufen, den ganzen Tag lang, alle halbe Stunde von vorn. Leiser stellen oder abschalten ist verboten. Die Kunden bekommen das nur fünf Minuten lang mit, die Angestellten werden zwei Wochen lang dauerberieselt – dann gibt es ein neues Programm. Einige schaffen es, das Gedudel auszublenden, andere träumen davon.

•Der US-Handelsgigant Wal-Mart wollte seinen hiesigen Angestellten sogar ins Liebesleben hineinregieren und verbot ihnen Anfang des Jahres "private Beziehungen/Liebesbeziehungen" untereinander. Am Montag erklärte das Landesarbeitsgericht Düsseldorf diesen Teil der "Unternehmensethik"-Richtlinie für rechtswidrig. Wal-Mart betonte, man habe nur Abhängigkeitsverhältnisse verhindern wollen.

•Wehe, die Arbeitnehmer wollen sich organisieren. Im vergangenen Jahr versuchten Mitarbeiter einiger Münchner Filialen von Aldi Süd erstmals in der Firmengeschichte, einen Betriebsrat zu gründen. Der Plan scheiterte in letzter Minute. Zwar erschienen 50 von 54 Mitarbeitern wie geplant zur Betriebsversammlung, "aber vorher mussten alle zum Einzelgespräch beim Chef antanzen", berichtet eine Betroffene. Plötzlich stimmten nur noch drei für die Ernennung eines Wahlvorstandes. Aldi Süd möchte sich zu einzelnen Vorwürfen nicht äußern. Die rund 1500 Filialen von Aldi Süd bleiben eine betriebsratsfreie Zone.

•Widerstand gegen organisierte Arbeitnehmer ist kein Einzelfall im Handel: Der Geschäftsleiter eines Obi-Baumarktes im bayerischen Stephanskirchen soll seine Mitarbeiter zusammengetrommelt und vor die Wahl gestellt haben: Raus aus der Gewerkschaft – oder raus aus dem Job! Ein an ver.di adressiertes Blanko-Austrittsformular ("Widerruf meiner Mitgliedschaft", datiert auf den 6. Mai 2005) liegt der ZEIT vor. Obi weist den Vorwurf zurück.

•Unbezahlte Mehrarbeit ist quer durch die Branche verbreitet. Die Gewerkschaft ver.di schätzt, dass im Handel etwa jede dritte Überstunde weder finanziell noch durch Freizeit ausgeglichen werde. "Bezahlt wird oft nur bis zum Ladenschluss", bestätigt die Verkäuferin eines Discounters aus Frankfurt. "Die Kasse rechne ich dann in meiner Freizeit ab, und manchmal muss ja auch noch geputzt werden." Auf diese Weise arbeitet sie rund eineinhalb Wochen im Jahr zusätzlich. Im Gegenzug spendiert der Chef ihr kostenlose Plastiktüten. "Die dürfen wir mitnehmen, normalerweise kostet eine fünf Cent", sagt sie. Bei Tüten aus Papier hört die Großzügigkeit allerdings auf – zu wertvoll.

Zärtlich war man nie zueinander, wo Arbeit mit den Händen erledigt wird: auf dem Bau, bei Wachdiensten, Kurieren – und auch nicht hinter den Fassaden des Einzelhandels, mit dem wir fast alle täglich zu tun haben. Jetzt aber, in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit, können die Arbeitgeber eine besondere Macht ausspielen. Regina Klöttke von Schlecker kann das bezeugen: Trotz der miserablen Arbeitsbedingungen stapeln sich die Bewerbungen, wenn für eine der Filialen in ihrer Stadt eine Stelle ausgeschrieben wird.