Arbeitsleben Alle unter KontrolleSeite 4/4
Sieben Etagen höher hat der Patriarch seinen persönlichen Konferenzraum eingerichtet. Dicker hellgrüner Teppichboden dämpft jedes Geräusch, Wände und Decke sind mit dunkelbraunem Holz vertäfelt, die Vorhänge zugezogen. Blickdicht, auch nach draußen. Schlecker ist 60 Jahre alt, er wirkt jünger. Ein kleiner Mann, sehr schlank, sehr schwarz gekleidet und mit sehr kurzen, rotblonden Haaren. Er redet mit leicht schwäbelndem Tonfall, die Stimme ist sanft, der Händedruck hart.
Das also ist der geheimnisvolle Drogeriekönig, der es vom Sohn eines Metzgers zum Unternehmer mit schätzungsweise 900 Millionen Euro Vermögen brachte. Der Lidl-Chef Dieter Schwarz seinen Duzfreund nennt und ihm einst mit 150 Millionen Mark die Expansion finanzierte. Der wegen seiner Personalpolitik die Prädikate »harter Hund« (Handelsblatt) und »nicht zimperlich« (Wirtschaftswoche) erhalten hat und als »einer der übelsten Arbeitgeber des Landes« (Welt am Sonntag) gilt.
Schlecker, der Bösewicht? »Ich komme mit jedem gut aus und spiele diese Rolle nicht. Wenn Medien diesen Vorwurf tausendmal wiederholen, dann muss ich damit leben«, sagt Schlecker entspannt. »Und ich kann damit auch leben.« Er kennt die Vorwürfe, aber sie rühren ihn nicht. Dass er die eigenen Mitarbeiter überwachen lässt oder sie durch die dünne Personaldecke zur Selbstausbeutung treibt. Stimmt es, dass Kranke schon mal einen Brief mit ihren Fehlzeiten nach Hause bekommen oder dass Bezirksleiter bei ihren Kontrollbesuchen so lange in der Filiale stöbern, bis sie einen Grund für eine Abmahnung finden? Schlecker sagt, er könne nicht garantieren, dass nicht einer seiner 500 Bezirksleiter über die Stränge schlage, aber keinesfalls gäbe es entsprechende Anweisungen von oben. Doch auch die Regionalmanager stehen natürlich unter enormem Leistungsdruck.
Schleckers Vertrauen in die eigenen Leute hat Grenzen. »Man muss mit Nachdruck schauen, dass die Spielregeln eingehalten werden. Sonst erreicht man gar nichts«, sagt er. Zu den Spielregeln gehört, Inventurdifferenzen zu vermeiden. Soll heißen: Nicht nur Kunden klauen – sondern auch Mitarbeiter. Ein bis zwei Prozent des Umsatzes gehen durch Diebstahl verloren, das wären knapp 100 Millionen Euro im Jahr.
Was er von Betriebsräten halte? »Das geht schon in die Kosten«, sagt er. »Die Zeit, die sie auf Fortbildungen verbringen, auf Schulungen und bei all dem, was die Gewerkschaft so anbietet. Außerdem muss man alles in Gremien verhandeln, längere Öffnungszeiten zum Beispiel. Oft habe ich gedacht, das kann doch gar nicht wahr sein.« Auch wenn er es nicht ausspricht, lässt er deutlich spüren, dass er jede Form von Nebenregierung ablehnt. »Meine Kontakte zu ver.di sind keiner persönlichen Art«, sagt er. »Wir müssen mit der Gewerkschaft leben.«
Mit dem leben müssen, was man nicht ändern kann – Anton Schlecker ist in den vergangenen 30 Jahren zu der Erkenntnis gelangt, dass jeder sich in seine Rolle fügen sollte: Manche räumen Regale ein, manche sind Chef. Er ist Chef. Und er will keine Hilfe von Leuten, die er nicht um Rat gefragt hat. Dazu gehören Gewerkschaften und Betriebsräte, aber auch Verbandsfunktionäre und Politiker. Schlecker ist kein politischer Mensch und stolz darauf, Standort-Bashing betreibt er nicht. »Die Diskussion um den Kündigungsschutz ist überzogen. Entscheidend ist lediglich, dass für alle die gleichen Spielregeln gelten«, sagt er. »Nur Verbände und manche Mittelständler leben davon, die Debatte immer wieder anzutreiben.« Damit soll man ihn in Ruhe lassen.
Schlecker fürchtet, dass sein Lebenswerk eines Tages wieder verschwinden könnte – aus seiner Sicht wohl nicht zuletzt durch Gewerkschaften und Betriebsräte. In die Zukunft können sein Unternehmen nur wenige führen: Seine Frau und seine beiden Kinder arbeiten in der Leitung, dazu ein enger Stab von Vertrauten. Schlecker kramt einen Zettel von 1973 hervor, er zeigt die Rangliste der damals größten Handelsunternehmen in Deutschland. Die meisten Namen sind mit blauem Filzstift übermalt. »Sehen Sie hier, die durchgestrichenen Firmen gibt es heute alle nicht mehr. Sie kennen doch den Spruch: Willst du den sicheren Ruin eines Unternehmens, gib ihm 30 Jahre Erfolg«, sagt er. »Lachen Sie nicht, das ist so. Ich habe auch immer gedacht, das geschieht mir nicht. Aber letztes Jahr haben wir unsere Kosten durchgecheckt – und da ist noch immer massiv zu tun.«
* Namen sind auf Wunsch der Betroffenen geändert
- Datum 17.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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Immer wieder drüber reden, ansonsten nur noch eines tun:
Boykottieren, boykottieren, boykottieren, boykottieren ...
... und zwar für den Rest aller Tage, auch wenn Du rückwärts auf den Händen 10 km zum nächsten "normalen" Laden laufen mußt.
Nicht mehr aus reiner Bequemlichkeit "halt doch ausnahmsweise" in den Ausbeuterladen springen (die Namen sind ja bekannt).
Es gab Zeiten, da galten zumindest die Arbeitsstellen bei Aldi als ganz ordentlich bezahlt. Die Zeiten haben sich geändert. Auch für die Kunden. Aus König Kunde wurde der kostenlose Mitarbeiter im Discount-Bereich.
Die Konzerne haben über die Einführung der Scannerkasse die Fließbandarbeit in den Einzelhandel eingeführt. Die Kassierer und Kassiererinnen geben den Takt vor und die Kunden hetzen hinterher. Eigentlich, mit Abstand betrachtet, die gelebte Realsatire.
Am Aktionstag schieben überarbeitete Arbeitskräfte die Paletten in einen großen Raum. Die Kunden übernehmen die Sortierung, den Transport, helfen beim Kassieren und machen willig jedes Spielchen mit. Insbesondere Aldi hat mit der Verkürzung des Kassenbereiches eine geniale Einbindung der Käufer in den Ablauf erreicht. Hinter der Kasse gibt es keine Ablage mehr. Die Kunden müssen zwangsläufig dem Tempo der Kasse folgen, sonst blockieren sie den Betrieb. Der Kunde wird zum Hindernis. Insofern ist der Taylorismus bei Aldi & Co. noch nicht ausgereift. Denn ob im Straßenverkehr oder am Fließband bringt nur der stetige Fluß den effizientesten Betrieb hervor. Korfstroem fordert deshalb die Einführung einer kostenpflichtigen Kundenausbildung zum Lagerarbeiter mit Erstehilfeschein. Der Gabelstaplerfahrer im Zentrallager braucht schließlich auch einen Führerschein.
Rechnen wir nach: Bei voller Berücksichtigung der erforderlichen Mitarbeit der Käufer sind die Discounter plötzlich nicht mehr billig sondern teuer! Aber welcher Kunde bewertet seine eigene Mitarbeit? Welcher Kunde unterwirft sich nicht willig dem Diktat des Arbeitstaktes?
Welcher Kunde wartet nicht geduldig auf die Abfertigung am Warenausgang und läßt sich nicht von der Disponentin an der Kasse zur Eile treiben, weil sie nach der "Erholung" an der Kasse schleunigst zurück ins Lager muß, um eine neue Palette herbeizuzerren?
Auch vor den älteren Generationen kennt der Arbeitstakt kein Erbarmen. Aldi und Co haben nicht nur die Kundenarbeit sondern auch die Rentnerarbeit erfolgreich eingeführt. Wieder ein genialer Streich! Denn zumindest die Discounterkette Lidl wird wöchentlich in großen Anzeigen um junge Mitarbeiter, die nicht älter als 35 Jahre sein dürfen.
Wenn nur alle Arbeitslosen über 35 Jahre und alle ältern Mitbürger, Hilfsbedürftige, Behinderte, Rentner und Pensionäre für zwei Wochen den Frondienst verweigen würden, wäre dem Spuk ein schnelles Ende gesetzt. Aber alle machen mit. Zum Schaden der Mitarbeiter. Zum Schaden des Einkaufsklimas. Zum Schaden des Wettbewerbs. Zum Schaden ihrer selbst. Die Kunden sind die dümmsten Kälber. Sie wählen sich ihren Discounter selber.
Kühe gehen vom vollautomatisierten Stall in die Melkstraße. Hühner fressen was vom Fließband kommt und legen ihre Eier in die Legebatterie. Die Kunden des Einzelhandels sind inzwischen mit Plastikkäse und Plastikwurst zufrieden und erfreuen sich an Dosenfutter.
korfstroem
http://korfstroem.blogg.de
Die Konsequenz, die man aus einem solchen Artikel ziehen sollte, kann nur lauten: Boykott der Discounter! Vor allem, weil es einem bei der Qualität der angebotenen Artikel nicht wirklich weh tut.
... vor allem, es einem bei dem Preis der anderso angebotenen Artikel nicht wirklich weh tut ...
man soll schon von fällen ausserhalb der lebensmittel-branche gehört haben, dass es dort ganz ähnlich zugehen soll....?
Danke für Ihren Artikel. Ich werde weder bei Lidl noch bei Aldi, noch bei Schlecker jemals wieder einkaufen und werde dies auch allen meinen Bekannten empfehlen. Das Essen schmeckt nicht, wenn es nur durch Mitarbeiterausbeutung preiswert wird.
P. Merscher
Das Beispiel von Aldi, Lidl und Co zeigt einmal mehr, dass der Mensch zunehmends nur noch als 'Produktionsfaktor' gesehen wird. Und den muss man, das lernt schon jeder BWL-Student im ersten Semester, möglichst "effizient" nutzen. Billig einkaufen und möglichst lange nutzen. Wenn er zu teuer ist, wird er durch einen billigeren ersetzt. Wenn er nicht mehr funktioniert, wird er 'ausgemustert'.
Nur - wo bleibt der Mensch? Gehören Begriffe wie'soziale Verantwortung von Unternehmern' nur noch ins Repertoire von 'Sozialromantikern'?
Ich selbst arbeite bei einem größeren Maschinenbauer in der Verwaltung, laut Vertrag nur 35 Stunden pro Woche, de facto aber komme ich der goldenen 50 schon ziemlich nahe. Und von Freizeitausgleich und Abgeltung kann ich nur träumen.
schöne neue Welt.
\N
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