Wer sich heillos in Alltagssorgen verstrickt hat, der schwingt sich gern in lichte Höhen hinauf. Denn wer die Welt von oben betrachtet, dem sind reißende Flüsse dünne Adern und speiende Vulkane nur winzige Lagerfeuer. Aus der Vogelperspektive geht es sogar der SPD ganz prächtig. Es ist die Perspektive von Franz Walter.

Selbst wer die Entwicklung der SPD nur beiläufig verfolgt, stößt unweigerlich auf den 49-jährigen Professor für Parteienforschung aus Göttingen. Walter ist ständiger Begleiter der SPD, tritt auf Parteitagen und in zahlreichen Ortsvereinen auf, schreibt mit hoher Frequenz Analysen zum Seelenzustand der Partei, veröffentlicht sie auf Spiegel online , in allen überregionalen Tageszeitungen, auch in der ZEIT. Walter, selbst SPD-Mitglied, schreibt häufiger als mancher Vollzeitredakteur. Mit Verve klagt er die programmatische Leere seiner Partei an, erklärt die feinen Verästelungen ihrer Strömungen, oder aber er versucht die Zukunft der SPD zu erkunden, deren Heil er abwechselnd in einem Bündnis mit der Linkspartei oder in einer Großen Koalition sieht. Walters Medienpräsenz, seine Parteinähe und seine bisweilen einander widersprechenden Analysen sind nicht unumstritten. Die »eloquent vorgetragenen Befunde spiegeln mehr das Auf und Ab in der seelischen Verfassung des Autors als das der SPD«, schrieb kürzlich die FAZ.

Zumindest vor der letzten Bundestagswahl war die seelische Verfassung Walters dem Zustand der SPD sehr nah. Als im Juli CDU und FDP laut Umfragen bei 52 Prozent lagen, da prognostizierte er, dass Schwarz-Gelb keine Mehrheit erlangen würde. Die Unterschichten würden nur kurzfristig mit der Union liebäugeln, aber am Wahlabend in stattlicher Zahl zur SPD und zur Linkspartei überlaufen. Politische Leitkommentare gaben der SPD keine Chance. Walters Analyse aber war präziser als jede Demoskopie.

Als wir uns zum ersten Mal in seinem Dienstzimmer in der Göttinger Universität treffen, bereiten Stoiber und Müntefering die Große Koalition vor. Ruhe scheint in Berlin eingekehrt, Zeit für die Waltersche Vogelperspektive. Franz Walter sieht kräftiger aus als auf dem einen bekannten Pressefoto. Die grauen Haare sind heillos zerzaust, er sitzt versunken im Sessel, ein wenig wie ein Sozialkundelehrer in den Achtzigern. Walter trägt ein blaues TShirt. Er trage immer nur T-Shirt, sagt er, oder Pullover, wenn es kalt ist. In Anzügen fühle er sich unwohl. Seine Kinder, Walter hat zwei erwachsene Töchter und einen Sohn, fänden das manchmal etwas pubertär.

Eine Kaffeemaschine gluckst, Walter reicht Schokoladenplätzchen und erklärt, wie die Zukunft aussehen wird – sehr sozialdemokratisch. Linkssein, sagt Walter, sei immer mit einer aufbegehrenden Jugend assoziiert worden. Das sei natürlich vorbei. Die alternde Gesellschaft werde künftig immer stärker von Wählern dominiert, die zwischen 1940 und 1970 geboren wurden; Geburtenjahrgänge, die ganz erstaunlich konstant SPD, Linkspartei oder Grün wählten. Walter nennt diese Kohorten »die jungen Alten«. »Paradoxerweise leidet die CDU am meisten an der Alterung der Gesellschaft«, sagt Walter, er habe das genau ausgerechnet: »Alle 31 Sekunden stirbt ein CDU-Wähler.« Lachend spricht er, der parteiische Parteienforscher, vom »Absterben eines großen Schwunges von CDU-Stammwählern«.

Um zu dieser Sicht zu gelangen, muss Walter von jener dauerhaften Wählerbindung ausgehen, die auch ihn an die SPD kettet. Entgegen der weitläufigen Einschätzung, dass der Stammwähler einer aussterbenden Gattung angehört und die Milieus verschwimmen, glaubt Walter an zwei große politische Lager, die sich auch in Zukunft gegenüberstehen werden – zumal bei den gegenwärtigen Veränderungen.