Genosse Forscher
Je turbulenter es bei der SPD in den letzten Wochen zuging, desto prominenter wurde der Parteienforscher Franz Walter. Er glaubt, dass die Partei ihre beste Zeit noch vor sich hat
Wer sich heillos in Alltagssorgen verstrickt hat, der schwingt sich gern in lichte Höhen hinauf. Denn wer die Welt von oben betrachtet, dem sind reißende Flüsse dünne Adern und speiende Vulkane nur winzige Lagerfeuer. Aus der Vogelperspektive geht es sogar der SPD ganz prächtig. Es ist die Perspektive von Franz Walter.
Selbst wer die Entwicklung der SPD nur beiläufig verfolgt, stößt unweigerlich auf den 49-jährigen Professor für Parteienforschung aus Göttingen. Walter ist ständiger Begleiter der SPD, tritt auf Parteitagen und in zahlreichen Ortsvereinen auf, schreibt mit hoher Frequenz Analysen zum Seelenzustand der Partei, veröffentlicht sie auf Spiegel online , in allen überregionalen Tageszeitungen, auch in der ZEIT. Walter, selbst SPD-Mitglied, schreibt häufiger als mancher Vollzeitredakteur. Mit Verve klagt er die programmatische Leere seiner Partei an, erklärt die feinen Verästelungen ihrer Strömungen, oder aber er versucht die Zukunft der SPD zu erkunden, deren Heil er abwechselnd in einem Bündnis mit der Linkspartei oder in einer Großen Koalition sieht. Walters Medienpräsenz, seine Parteinähe und seine bisweilen einander widersprechenden Analysen sind nicht unumstritten. Die »eloquent vorgetragenen Befunde spiegeln mehr das Auf und Ab in der seelischen Verfassung des Autors als das der SPD«, schrieb kürzlich die FAZ.
Zumindest vor der letzten Bundestagswahl war die seelische Verfassung Walters dem Zustand der SPD sehr nah. Als im Juli CDU und FDP laut Umfragen bei 52 Prozent lagen, da prognostizierte er, dass Schwarz-Gelb keine Mehrheit erlangen würde. Die Unterschichten würden nur kurzfristig mit der Union liebäugeln, aber am Wahlabend in stattlicher Zahl zur SPD und zur Linkspartei überlaufen. Politische Leitkommentare gaben der SPD keine Chance. Walters Analyse aber war präziser als jede Demoskopie.
Als wir uns zum ersten Mal in seinem Dienstzimmer in der Göttinger Universität treffen, bereiten Stoiber und Müntefering die Große Koalition vor. Ruhe scheint in Berlin eingekehrt, Zeit für die Waltersche Vogelperspektive. Franz Walter sieht kräftiger aus als auf dem einen bekannten Pressefoto. Die grauen Haare sind heillos zerzaust, er sitzt versunken im Sessel, ein wenig wie ein Sozialkundelehrer in den Achtzigern. Walter trägt ein blaues TShirt. Er trage immer nur T-Shirt, sagt er, oder Pullover, wenn es kalt ist. In Anzügen fühle er sich unwohl. Seine Kinder, Walter hat zwei erwachsene Töchter und einen Sohn, fänden das manchmal etwas pubertär.
Eine Kaffeemaschine gluckst, Walter reicht Schokoladenplätzchen und erklärt, wie die Zukunft aussehen wird – sehr sozialdemokratisch. Linkssein, sagt Walter, sei immer mit einer aufbegehrenden Jugend assoziiert worden. Das sei natürlich vorbei. Die alternde Gesellschaft werde künftig immer stärker von Wählern dominiert, die zwischen 1940 und 1970 geboren wurden; Geburtenjahrgänge, die ganz erstaunlich konstant SPD, Linkspartei oder Grün wählten. Walter nennt diese Kohorten »die jungen Alten«. »Paradoxerweise leidet die CDU am meisten an der Alterung der Gesellschaft«, sagt Walter, er habe das genau ausgerechnet: »Alle 31 Sekunden stirbt ein CDU-Wähler.« Lachend spricht er, der parteiische Parteienforscher, vom »Absterben eines großen Schwunges von CDU-Stammwählern«.
Um zu dieser Sicht zu gelangen, muss Walter von jener dauerhaften Wählerbindung ausgehen, die auch ihn an die SPD kettet. Entgegen der weitläufigen Einschätzung, dass der Stammwähler einer aussterbenden Gattung angehört und die Milieus verschwimmen, glaubt Walter an zwei große politische Lager, die sich auch in Zukunft gegenüberstehen werden – zumal bei den gegenwärtigen Veränderungen.
Manche legen das eigene Milieu eben doch nicht ab wie einen alten Mantel, sondern es bleibt haften wie eine Narbe. Walter erzählt, wie ihn einst Christian Wulff besucht habe. Wegen Walters abstehender Haare habe Wulff gesagt: »Sie als Grüner, Sie denken dies und das.« Dabei sei er doch seit 1972 SPD-Mitglied, und die Grünen seien ihm »fast genauso verhasst« wie die FDP. Sie seien zu elitär, zu pastoral: »Die predigen Wasser und trinken dann doch den teuren Wein. Dazu dieser moralische Anspruch mit erhobenem Zeigefinger.« Dann noch »das intellektuelle Getue«. »Die Grünen sind letztlich mit der FDP und dem christdemokratischen Bürgertum verbrüdert.« Da sei ihm die SPD doch lieber, des Stallgeruchs, des Arbeiterschweißes wegen.
Aufgewachsen ist Walter in der katholischen Kleinstadt Steinheim in Westfalen. Die Mutter aus einer zentrumsnahen, konservativen Familie. Der väterliche Strang: eine Generationenkette aus SPD-Mitgliedern mit Ballonmützen. Walters Vater war noch, in der Weimarer Republik, Tischler, später Hilfsarbeiter auf einem kleinen Schlachthof. Als dieser dichtgemacht wurde und der Vater in einer Fabrik mit mehreren hundert Kollegen arbeitete, kam er abends nach Hause und sah aus »wie ein Protagonist aus einem Klischeefilm über Arbeitslosigkeit«, sagt Walter. Gebrütet habe der, nichts mehr gesagt.
Er ist der Sohn eines Tischlers und gibt mit Freude den Underdog
Von 1966 an besuchte Franz Walter das Gymnasium in Bad Pyrmont: »Jedes Jahr gab es ein Kind, das aus unserem Ort dahin geschickt wurde. Meistens ein reicher Bauerssohn.« Allein in seiner Klasse habe es »mindestens sieben Ärztetöchter« gegeben, erinnert sich Walter. Als sprachlos habe er seine Schulzeit empfunden, seine Mitschüler hätten es regelrecht gerochen, dass er aus dem armen Umland kam: sein Dialekt, seine Klamotten, sein ungehobelter Gang. Er blieb sitzen, in der zehnten Klasse. »Wegen Deutsch!«, ruft Walter in seinem Dienstzimmer aus.
Vor versammelter Klasse habe der Lehrer höhnisch aus einem seiner Aufsätze vorgelesen, notorisch waren Akkusativ und Genitiv vertauscht. Daran müsse er immer denken, wenn die Leute sagen, seine Artikel seien stilistisch so ausgefeilt. Und an das Lachen der Mitschüler; das habe sich ihm eingeprägt. Jedenfalls habe er seine Karriere sozialstaatlicher Bildungspolitik zu verdanken, das Bafög habe ihm sein Sozialwissenschaften-Studium ermöglicht und sei Voraussetzung seiner universitären Karriere in Göttingen gewesen. Den Sozialstaat habe er daher nie als Hängematte empfunden, sagt Walter. Er habe ihm »schlicht ermöglicht, Leistung zu zeigen«.
Walter gibt den Underdog im steifen Uni-Betrieb und den Kumpel auf der politischen Bühne. Sigmar Gabriel, der künftige Umweltminister, schätzt an Walter, dass der, anders als zahlreiche seiner Kollegen, nicht nur zu Parteitagen, sondern auch zu Vorträgen an die Parteibasis fahre: »Der Walter ist in der Lage, auch mit Ortsvereinsvorsitzenden so zu sprechen, dass er verstanden wird.« Walter sagt, er sei unter seinen Kollegen eben fast der Einzige, der aus kleinen Verhältnissen komme. Leider neigten ja Aufsteiger häufig zur Überkompensation, gerierten sich besonders steif, versuchten ihre sozialen Wurzeln zu übertünchen. Das suche er zu vermeiden.
Kokettiert Walter mit seinem proletarischen Hintergrund? »Vermutlich glauben Sie mir nicht, aber ich wollte nie Professor werden.« Dass er es nun sei, das sei ein Widerspruch, den er nicht recht auflösen könne. Aber es freue ihn, dass einige seiner »bürgerlichen« Kollegen regelmäßig mit seinen Artikeln konfrontiert würden. Das sei eine verdammt große Schreibmotivation.
Wird Franz Walter etwas gefragt, schimmert für einen Moment die Unbeholfenheit des Pennälers durch. Dann blickt er zunächst regungslos ins Leere, antwortet eine Spur zu hastig, die Worte überschlagen sich, das Bildungsbürgertum ist sein »Feind«, Spott ergießt sich über Provinzdamen im Göttinger Stadttheater, Verachtung über gespreizte Tischmanieren: »Der Sozialdemokrat, der leckt nach dem Essen ja schon mal das Messer ab.«
Energisch arbeitet sich Walter am bürgerlichen Milieu seines Professorenstandes ab. Die Emphase wirkt anachronistisch. Denn sind das nicht längst vergangene Kulturkämpfe? Haben sich die sozialen Schichten nicht mittlerweile abgetragen und bis zur Unkenntlichkeit überschnitten? »Ach, das ist so eine Berliner Großstadtperspektive: Die Provinz wird unterschätzt. Da wohnt noch immer die Mehrzahl der Wähler.«
In der Kneipe ruft er: »Und ab jetzt immer SPD wählen!«
Wenige Tage später sitzt Franz Walter mit Studenten und Mitarbeitern seiner Arbeitsgruppe Parteienforschung in einer Göttinger Altstadtkneipe. Felix Butzlaff, 25, studentischer Mitarbeiter Walters mit rotem Pferdeschwanz, erzählt, dass die Gruppe gerade eine Publikation vorbereitet habe. Thema: Gescheiterte Kanzlerkandidaten. Man habe gehofft, damit ausgesprochen aktuell zu sein, aber dann habe es »die Merkel« ja doch noch irgendwie geschafft. Walter sagt, jetzt reiche es langsam mit der ganzen Politik, er brauche Bier. Er duzt die meisten seiner Mitarbeiter und Studenten, zumindest mit den Männern sei das kaum zu vermeiden, sagt er. Sie würden ja gemeinsam Fußball spielen. Butzlaff wird später kolportieren: »Auch wenn der Franz beim Spielen in letzter Zeit etwas nachlässt.« Er sei natürlich immer noch gut, aber jetzt, im Alter, mache er mehr »den Netzer«: weite, präzise Pässe statt forschen Körpereinsatzes. Am Ende des Abends, es ist drei Uhr nachts, die Politik wurde nur gestreift, zahlt Walter die Rechnung für den harten Rest, der irgendwann auf Wodka umgestiegen ist. Er legt ein üppiges Trinkgeld drauf. Der Bedienung gibt er ein »Und ab jetzt immer SPD wählen!« mit auf den Weg.
Zwei Tage später, es ist Samstag, Ende Oktober. Walter hält vor der Hamburger SPD-Fraktion eine Rede. Die holzvertäfelten Wände eines kleinen Saales im Hamburger Rathaus tragen die Patina vergangener Zeiten, der Ruhm sozialdemokratischer Erfolge scheint darin konserviert. Walter lässt es an Kritik nicht fehlen, er spricht frei, sagt, die SPD habe spätestens seit Schröder ihre Überzeugungen verloren, er vermisse eine mitreißende Idee. »Weckt mal einen mittelmäßigen CDU-Funktionär, der bis drei Uhr gesoffen hat, mitten in der Nacht. Fragt ihn, woran das Land genesen soll. Der sagt euch im Halbschlaf: Steuern runter, Abgaben senken, Bürokratie abbauen. Einen Sozialdemokraten darf man derzeit noch nicht mal im hellwachen Zustand, nach drei Espresso, fragen, was er will, wohin er will.«
Walter hört leises Murren, hält inne, hebt den Zeigefinger, sagt, er habe Trost dabei. Alle 31 Sekunden sterbe ein CDU-Wähler. Es wird gelacht, aber mäßig. Walter fragt, weshalb alle so mürrisch guckten. Eine Genossin sagt, die CDU grabe an der Stammklientel der SPD, diese von der Leyen, was könne man schon großartig gegen die sagen? Walter erwidert, die verkörpere doch nur einen kleinen, großstädtischen Teil der CDU. Die Genossen widersprechen. So geht es noch eine Weile, der Waltersche Trost wird beherzt zurückgewiesen. Franz Walter sagt am Ende, er würde gern zwischen Linkspartei und SPD vermitteln, er biete das als Parteienforscher ausdrücklich an. Niemand geht auf seinen Vorschlag ein, Walter wird höflich verabschiedet.
Kurz darauf sitzt er in einem Café vor dem Rathaus, es ist früher Nachmittag. Er faltet die Hände und sagt: »Was für eine Partei, was für Leute! Die wollen gar keine Perspektive, keine Aufmunterung. Wie jemand, der gepeitscht wird und ausruft: Peitsch weiter!« Dass sein Ratschlag, die Genossen sollten mit der Linkspartei koalieren, den politischen Selbstmord der SPD bedeuten würde, glaubt er nicht. Die Sonne scheint mit satter Kraft auf die Elbe, gerade so, als sei es Frühling. Zwei Tage später wird Müntefering gestürzt.
- Datum 17.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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