Harry Potter Irgendwann ist immer das erste Mal
In "Harry Potter und der Feuerkelch" entfacht Mike Newell einen großen Budenzauber.
Irgendwann berührt jeder mal einen Portschlüssel, und wohl dem, der beim ersten Mal auf den Beistand von Mr Weasley zählen kann. »›Was ist das, ein Portschlüssel?‹, fragte Harry wissbegierig. ›Nun, das kann alles Mögliche sein‹, sagte Mr Weasley. ›Unscheinbare Dinge natürlich, so dass Muggel sie nicht einfach aufheben und mit ihnen spielen.‹« Portschlüssel sind jedenfalls Dinge, die einen im wilden Flug von einem Ort zum andern befördern, kaum dass man sie berührt, und gern wüsste man, wie einem geschieht. So steht es im Buche, genauer: in dem jetzt verfilmten vierten Band der Erzählung, die inzwischen in einem Crescendo der fortwährenden Steigerung beim sechsten Band angelangt ist und die als multimedialer Kosmos von Millionen Lesern, Usern, Kinogängern bevölkert wird, die alles wissen. Natürlich auch, was ein Portschlüssel ist.
Wen es aber zum ersten Mal in diesen Kosmos hineinkatapultiert, der hätte gern, wenn schon nicht Mr Weasley, den einwandfreien Vater von Ron, der rothaarigen Inkarnation des besten Freundes, so doch irgendein Kind als sachkundigen Begleiter an seiner Seite. Denn erwachsene Menschen können sich sehr einsam fühlen, wenn ihnen kein Wesen beisteht, das sich auskennt in dieser Welt. Und am Abend, wenn der zehnjährige Kritiker der Filmkritikerin wissen will, ob denn Hermine am Ende des Films Harry tatsächlich (erstmals!) geküsst habe, ob Snape und Sirius Black sich schließlich widerwillig die Hände gereicht hätten, ob Harry den Zwillingen seinen Trimagischen Gewinn für den Scherzladen überreicht habe, ob der wiedererstandene Voldemort seinen Finger quälend in Harrys Narbe gepresst habe und warum der zehnjährige Experte nicht selbst ins Kino habe gehen dürfen, um die Rezension zu verfassen, dann weiß die Kritikerin wieder, dass es Welten gibt, in denen es ziemlich egal ist, was sie schreibt.
Nun also ist Harry Potter und der Feuerkelch im Kino zu sehen, den trotz seiner Freigabe ab 12 übrigens kein Kind unter 14 sehen sollte, und kaum sitzt man vor der Leinwand, wüsste man gern, wie einem geschieht. Mike Newell, der Regisseur von Vier Hochzeiten und ein Todesfall, ist für diesen Film als erster Brite, nach seinen beiden Vorgängern Chris Columbus und Alfonso Cuarón, in den Ring gestiegen und führt nun vor, dass Zauberei auch Muggelwerk sein kann. Newell hat zwei Filme in einen verwoben: den Thriller, der den nun 14-jährigen Harry gegen seinen Willen und tapetenweiß vor Angst mit dem absolut Bösen in einen Showdown zwingt – und die zart-komische Erzählung von den Gefühlslabyrinthen der Teenager Harry, Hermine und Ron.
Seinen Augen kann man nicht trauen, und doch müssen Augen Illusionen durchschauen können, um zu erkennen, worauf Verlass ist: Das ist das Kerngeschäft des Kinos, und darum geht es in diesem Film, in dessen Zentrum ein Auge steht, das irrwitzige Glasauge von Mad-Eye Moody (irrwitzig zwiespältig, gütig-bedrohlich gespielt von Brendan Gleeson) – und außerdem die Not des Verliebten, einem Menschen ins Herz sehen zu wollen. Das müssen Augen doch sagen können, ob einer liebt und geliebt wird, ob einer ein Freund ist oder ein Intrigant. Ins Herz sehen: Das ist die Kunst, die den stärksten Zauberschüler umhauen kann. Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint und Katie Leung, die jungen Darsteller der Hogwarts-Protagonisten, sind in ihrem Spiel der Verliebten schlicht eine Augenweide.
Und falls einer einen Oscar für eine einzige Szene zu vergeben hat, dann sollte der an den Weihnachtsball in Hogwarts gehen, der Hermine Granger in einer zauberhaften Schönheit erstrahlen lässt, die sie selbst erkennbar nicht fassen kann. Wenn es im Potter- Kosmos stets auch um den Nachweis geht, dass jeder Superlativ überbietbar ist, dann hat Mike Newell den Nachweis erbracht. Doch im Lichte des Weihnachtsballs wirkt das entfesselte Effektgewitter aus flammenwerfenden Hornschwanzdrachen, Schlingarmen von Seeungeheuern und der alchemiegeborenen Macht des Bösen fast wie ein Budenzauber, der mit Getöse verpufft. Mit Hermines Zauber jedenfalls kann es die Perfektion, die Mike Newell für die Inszenierung des Trimagischen Turniers aufbietet, das Harry bestehen muss, nicht aufnehmen.
Aber hat Hermine nun Harry geküsst oder nicht? Kinder sollten diesen Film nur in Begleitung ihrer Eltern sehen, heißt es. Umgekehrt wird ein Portschlüssel draus: Eltern sollten ihre Kinder dabeihaben, wenn sie sich an den Feuerkelch trauen. Sonst vergeht ihnen Hören und Sehen.
- Datum 10.07.2007 - 05:51 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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