Film Havarie des Menschlichen

In ihrem Film L'Enfant erzählen die Brüder Dardenne vom Verkauf eines Kindes. Plädoyer für ein Kino der Erschütterung

Was geschieht (mit mir), wenn ich einen Film sehe wie L' Enfant, La Promesse, Rosetta oder Le fils? Es geschieht etwas ganz und vor Unvorhersehbares, etwas von der Art, in der Joseph Brodsky einmal von den Romanen Dostojewskijs gesprochen hat - man wacht nach der nächtlichen Lektüre am andern Morgen auf und weiß nicht mehr, wo einem der Kopf steht, ja man weiß für erschreckend lange Augenblicke nicht mehr, wer man ist und wohin man eigentlich geraten ist, ob man geträumt hat oder ob der schreckliche Traum vielleicht noch gar nicht zu Ende ist.

Wenn wir den dunklen Kinosaal verlassen, gibt es ja immer wieder Momente einer gewissen Verstörung, einer kurzen Neugeburt, doch mit den Filmen der belgischen Brüder Dardenne ist mehr als eine kleine Irritation, eine Unschärfe im Identitätsfokus verbunden. Wir verlieren den Boden unter den Füßen, sobald wir uns auf diese Filme einlassen. Bangen Herzens und außer Atem sind wir, ganz wie die Figuren, weil sie hinter etwas herjagen, das im Augenblick des Erhaschens wie entseelt darnierdersinkt - und die ganze Anstrengung doppelt sinnlos macht. So, wenn Rosetta sich im gleichnamigen Film (mit dem die Dardennes bereits 1999 in Cannes die Goldene Palme gewannen) mit unbändiger Wut an Schränken, Tischen und Stühlen festklammert, nur um nicht von ihrer Arbeitsstätte geschmissen zu werden: tragischer Slapstick. Wenn sie unter Einsatz ihres Körpers und all ihrer überwachen, in Lauerstellung verharrenden, aufgeregten Sinne das Einzige mit Zähnen und Klauen verteidigt, was der Mensch im Zeitalter der frenetischen Waren-Vernichtungs-Produktion besitzt - seine Arbeitskraft. Eine Arbeitskraft, die nicht einmal mehr diesen Namen verdient, denn sie ist nicht nur austauschbar geworden, sondern einfach wertlos, tendenziell überflüssig, bestenfalls unqualifiziert.

Wenn Körper-Sprache - dann diese. Und wer die Körper so sprechen machen kann wie die Brüder Dardenne, braucht wenig Worte zu machen. Der Rücken, der Nacken und der verstohlene Blick sprechen eine wuchtige, eine lauernde, eine angstvolle ängstliche Sprache. Over shoulder nennt die technische Kinematografie diese Einstellungen.

In ihrem jüngsten Film L'Enfant (Das Kind), dem diesjährigen Cannes-Sieger, heftet sich die Kamera an Bruno - und zwingt uns, mit ihm durch ein seltsam unwirtliches Gelände, Stadt nicht und Land noch nicht, zu steigen. Das Milieu - ein Wort, das ja auch eine topografische Konnotation hat - ist diesem Bruno abhanden gekommen. Er lebt im Irgendwo zwischen Industriebrache, Schnellstraße und Imbiss. Zusammengehalten werden diese Nicht-mehr-Orte allenfalls durch das Mobiltelefon. Ein kleiner Wilderer in Shrinking City.

Die Reviere werden immer größer, unkenntlicher und kaum mehr betretbar, nur noch durchquerbar.

Er lebt von der Hand in den Mund - Diebstahl ist die Gelegenheit, die er zusammen mit zwei Heranwachsenden wahrnimmt. Und weil in der Konsumgesellschaft immer Geld zirkuliert, hat auch Bruno immer Geld, das ihm, kaum erhascht, schon wieder entgleitet: Es muss ja zirkulieren. Das Mädchen, sein Mädchen, überrascht ihn mit einem Neugeborenen, ihrem gemeinsamen Kind.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service