ZEIT: In Ihrem Buch haben Sie damals die Entstehung einer "digitalen Cottage-Industrie", also Heimindustrie, skizziert. Fünf Jahre nach dem Zusammenbruch der New Economy sind viele digitale Unternehmen verschwunden, einige wie eBay oder Amazon aber sind selbst Riesen geworden. Spielt die digitale Heimindustrie überhaupt noch eine Rolle?

Negroponte: Eine Cottage-Industrie muss nicht eine sein, die von Venture-Kapitalisten hoch bewertet wird. Das war unser Irrtum im Jahre 2000. Immer mehr Menschen arbeiten von zu Hause aus. Es gibt immer mehr kleine Unternehmen und inzwischen Netzwerke, in denen sie sich zusammentun, um billigere Versicherungen oder Rohstoffe zu günstigeren Preisen zu kaufen. Sollte ich noch ein Buch schreiben, dann wäre ein guter Titel: "Being Cottage".

ZEIT: 1995 machten Sie sich keine Sorgen darüber, dass Microsoft das Internet beherrschen könnte. Zu Recht. Was halten Sie von den Befürchtungen, Google könnte das Internet übernehmen?

Negroponte: Sie sind unbegründet. Ein Aspekt ist Größe. Wird ein Unternehmen groß, braucht man 50 Prozent der Leute, um die anderen 50 zu managen. Die wiederum müssen die Hälfte ihrer Zeit aufbringen, um sich managen zu lassen. Netto leisten also nur 25 Prozent eines Unternehmens produktive Arbeit. In kleinen Start-ups liegt diese Zahl eher bei 90 Prozent. Die Kleinen werden immer die Innovatoren sein.

ZEIT: Sie schrieben auch, dass "wir uns in digitalen Nachbarschaften einrichten werden". Meinten Sie so etwas wie die neuen sozialen Internet-Dienste für Gleichgesinnte, wie zum Beispiel LinkedIn oder, hier in Deutschland, den Open Business Club?

Negroponte: Ich habe das selbst ausprobiert, und zwar Orkut. Aber ich fand, dass ich nicht die Zeit dafür habe. Deshalb bin ich nicht der Richtige, um das zu beurteilen. Ich kann mir vorstellen, dass diese Dienste toll sind für Bekanntschaften oder Geschäfte. In der Zeit vor dem Internet haben wir Face-to-Face-Begegnungen "Networking" genannt.

ZEIT: Der Mobilfunk hat in Ihrem Buch keine Rolle gespielt, vielleicht weil der Handywahn in Europa und Japan losging. Der Internet-Theoretiker Howard Rheingold war von der Entdeckung "smarter Mobs", intelligenter Menschenmengen, die sich per Handy koordinieren, so beeindruckt, dass er ein Buch darüber geschrieben hat. Haben wir es hier mit einem fundamentalen gesellschaftlichen Wandel zu tun?

Negroponte: Smart Mobs und Handys sind zwei sehr verschiedene Dinge. Dass sich Handys in Europa so schnell verbreiteten, lag an Festnetzen, die teuer und schlecht waren. Der Mobilfunkstandard GSM kam mehr oder weniger zur selben Zeit wie die Deregulierung und Privatisierung der Festnetze. Der Grund, warum Handys in Being Digital keine Rolle spielten – und ich war immerhin zehn Jahre lang im Aufsichtsrat von Motorola –, ist, dass ich kein Telefon benutze. Wenn ich einen Handyanruf am Tag mache, ist das schon etwas Besonderes. Ich pflege keine Gespräche anzunehmen. Ich mache mehr oder weniger alles von Angesicht zu Angesicht oder per E-Mail.

ZEIT: Sie haben einen großen Teil des Buches besseren Interfaces, also Benutzerschnittstellen, und intelligenterer Software gewidmet, die dazu führen, dass der Computer uns kennen lernt. Das klingt heute, angesichts der Versuche, mit Viren oder Ausspähprogrammen in unsere digitale Privatsphäre einzudringen, etwas unheimlich.

Negroponte: Die dunkle Seite der Interface-Invasion beunruhigt mich auch. Mehr betrübt mich aber der Zustand von Software im Allgemeinen. Sie ist schlechter geworden – umständlicher, langsamer, unzuverlässiger. Jede Version einer Software taugt weniger als die Vorgängerversion, weil sie noch mehr Optionen hat und neunzehn Wege, um ein und dasselbe zu tun. Mit einer alten Redensart gesagt: Man sieht vor lauter Code die Software nicht mehr.

ZEIT: Sie prophezeiten, im neuen Jahrtausend würden wir mindestens so häufig mit Maschinen reden wie mit Menschen. Ich habe die Sprachsteuerung meines Computers ausprobiert und ihn auch Texte vorlesen lassen. Das klang so komisch, dass ich die Unterhaltung wieder eingestellt habe. Ist die Zeit noch nicht reif dafür?

Negroponte: Da lag ich voll daneben. Ich hatte erwartet, Spracherkennung wäre heute weiter.

ZEIT: Reden Sie mit Ihrem Laptop?

Negroponte: Die Frage ist nicht so sehr, ob man mit seinem Laptop redet. Überlegen Sie stattdessen, wie oft Sie sich beim Telefonieren fragen: "Ist da wirklich ein Mensch am anderen Ende?"

ZEIT: Im Buch erwähnten Sie ein Erlebnis mit Schulkindern im Senegal, die Computer in die Hand gedrückt bekamen. Die hätten genauso enthusiastisch und schnell gelernt, mit Rechnern Spaß zu haben, wie amerikanische Mittelschichtkinder. Ist Being Digital die erste echte universelle Kultur ohne regionale Eigenarten?