Beim Laptop des Propheten

DIEZEIT: Herr Negroponte, vor zehn Jahren haben Sie mit Ihrem Buch Being Digital ungeheures Aufsehen erregt. Seither gelten Sie als Prophet des digitalen Zeitalters. Gibt es Innovationen, die auch Sie überrascht haben?

Nicholas Negroponte: Das passiert ständig. Am meisten überrascht mich dabei die Umsetzung, nicht die Idee selbst. Wer hätte gedacht, dass man noch eine Suchfirma wie Google gründen kann zu einer Zeit, als es schon Dutzende gab? Oder nehmen Sie Skype. Die haben eine alte Idee angepackt, Voice over IP…

ZEIT: …also Telefonieren über das Internet…

Negroponte: …und sie haben einen benutzerfreundlichen und globalen Dienst daraus gemacht. Brillant!

ZEIT: Ihre Kolumne im Magazin Wired war legendär. In der letzten Folge schrieben Sie 1998, die digitale Revolution sei vorbei. Seitdem haben P2P-Netzwerke, also Dateitauschsysteme, oder Weblogs etablierte Industrien kräftig durchgeschüttelt. Sie waren voreilig!

Negroponte: Ich sage gerne, dass ich fast immer Recht habe – nur das Timing bekomme ich nicht immer hin. Der Punkt ist weniger, dass die Revolution damals vorbei gewesen wäre, sondern dass daraus eine Zivilisation entstanden ist. P2P-Systeme und Blogs bewirken wichtige Veränderungen. Aber die nächste Revolution ist sicher die Biotechnik oder das Zusammentreffen von Halbleitertechnik und Biologie. Die Natur arbeitet in einem viel kleineren Maßstab. Von ihr können wir noch sehr viel lernen.

ZEIT: Die explosionsartige Verbreitung des Bloggens ist die letzte Neuerung, die das Informationsrauschen im Netz verstärkt hat. Aber im Gegensatz zu den Spam-Mails sind viele Blogs immerhin lesenswert.

Negroponte: Was für den einen nur Rauschen darstellt, kann für andere ein wichtiges Signal sein. Das kommt sehr auf den Zeitpunkt an. Spam kann auch eine Nachricht sein. Mit intelligenten Informationssystemen – den heutigen Firewalls gelingt das nicht – können wir mehr Signale zur richtigen Zeit durchlassen.

ZEIT: Wie wappnen Sie sich gegen den Informations-Overkill?

Negroponte: Eine Strategie ist, alles zu ignorieren und darauf zu vertrauen, dass einem schon jemand sagt, wenn etwas wichtig ist. Aber dieses Konzept ist unbefriedigend. Immer mehr Menschen stellen nun einmal immer mehr Fragen.

ZEIT: Sie behaupteten, es gebe schlicht keinen Weg, die Freiheit der Bit-Aussendung einzuschränken. Manche Regierungen tun das.

Negroponte: Versuche, Bits zu regulieren und zu kontrollieren, wird es immer geben. Manchmal auch in unserem Interesse, beim Online-Banking oder wenn es um Privatsphäre geht.

ZEIT: Aber Teile der Industrie, vor allem die Musiklabels, versuchen, »Löcher« zu stopfen, aus denen Kopien digitalisierten Contents in die Rechner strömen. Besteht ernsthaft die Möglichkeit, dass der Fluss der Bits im Internet, sagen wir in zehn Jahren, stark reguliert sein wird?

Negroponte: Versuche, den Zugang zu Informationen einzudämmen oder ihren fairen Gebrauch zu stoppen, werden langfristig keinen Erfolg haben. Die Chinesen und Hollywood wissen das. Das größere Thema ist die Verwaltung des Internets selbst. Da besteht das Risiko, eine Bürokratie zu etablieren, die am Anfang so klug vermieden worden ist.

ZEIT: In Ihrem Buch haben Sie damals die Entstehung einer »digitalen Cottage-Industrie«, also Heimindustrie, skizziert. Fünf Jahre nach dem Zusammenbruch der New Economy sind viele digitale Unternehmen verschwunden, einige wie eBay oder Amazon aber sind selbst Riesen geworden. Spielt die digitale Heimindustrie überhaupt noch eine Rolle?

Negroponte: Eine Cottage-Industrie muss nicht eine sein, die von Venture-Kapitalisten hoch bewertet wird. Das war unser Irrtum im Jahre 2000. Immer mehr Menschen arbeiten von zu Hause aus. Es gibt immer mehr kleine Unternehmen und inzwischen Netzwerke, in denen sie sich zusammentun, um billigere Versicherungen oder Rohstoffe zu günstigeren Preisen zu kaufen. Sollte ich noch ein Buch schreiben, dann wäre ein guter Titel: »Being Cottage«.

ZEIT: 1995 machten Sie sich keine Sorgen darüber, dass Microsoft das Internet beherrschen könnte. Zu Recht. Was halten Sie von den Befürchtungen, Google könnte das Internet übernehmen?

Negroponte: Sie sind unbegründet. Ein Aspekt ist Größe. Wird ein Unternehmen groß, braucht man 50 Prozent der Leute, um die anderen 50 zu managen. Die wiederum müssen die Hälfte ihrer Zeit aufbringen, um sich managen zu lassen. Netto leisten also nur 25 Prozent eines Unternehmens produktive Arbeit. In kleinen Start-ups liegt diese Zahl eher bei 90 Prozent. Die Kleinen werden immer die Innovatoren sein.

ZEIT: Sie schrieben auch, dass »wir uns in digitalen Nachbarschaften einrichten werden«. Meinten Sie so etwas wie die neuen sozialen Internet-Dienste für Gleichgesinnte, wie zum Beispiel LinkedIn oder, hier in Deutschland, den Open Business Club?

Negroponte: Ich habe das selbst ausprobiert, und zwar Orkut. Aber ich fand, dass ich nicht die Zeit dafür habe. Deshalb bin ich nicht der Richtige, um das zu beurteilen. Ich kann mir vorstellen, dass diese Dienste toll sind für Bekanntschaften oder Geschäfte. In der Zeit vor dem Internet haben wir Face-to-Face-Begegnungen »Networking« genannt.

ZEIT: Der Mobilfunk hat in Ihrem Buch keine Rolle gespielt, vielleicht weil der Handywahn in Europa und Japan losging. Der Internet-Theoretiker Howard Rheingold war von der Entdeckung »smarter Mobs«, intelligenter Menschenmengen, die sich per Handy koordinieren, so beeindruckt, dass er ein Buch darüber geschrieben hat. Haben wir es hier mit einem fundamentalen gesellschaftlichen Wandel zu tun?

Negroponte: Smart Mobs und Handys sind zwei sehr verschiedene Dinge. Dass sich Handys in Europa so schnell verbreiteten, lag an Festnetzen, die teuer und schlecht waren. Der Mobilfunkstandard GSM kam mehr oder weniger zur selben Zeit wie die Deregulierung und Privatisierung der Festnetze. Der Grund, warum Handys in Being Digital keine Rolle spielten – und ich war immerhin zehn Jahre lang im Aufsichtsrat von Motorola –, ist, dass ich kein Telefon benutze. Wenn ich einen Handyanruf am Tag mache, ist das schon etwas Besonderes. Ich pflege keine Gespräche anzunehmen. Ich mache mehr oder weniger alles von Angesicht zu Angesicht oder per E-Mail.

ZEIT: Sie haben einen großen Teil des Buches besseren Interfaces, also Benutzerschnittstellen, und intelligenterer Software gewidmet, die dazu führen, dass der Computer uns kennen lernt. Das klingt heute, angesichts der Versuche, mit Viren oder Ausspähprogrammen in unsere digitale Privatsphäre einzudringen, etwas unheimlich.

Negroponte: Die dunkle Seite der Interface-Invasion beunruhigt mich auch. Mehr betrübt mich aber der Zustand von Software im Allgemeinen. Sie ist schlechter geworden – umständlicher, langsamer, unzuverlässiger. Jede Version einer Software taugt weniger als die Vorgängerversion, weil sie noch mehr Optionen hat und neunzehn Wege, um ein und dasselbe zu tun. Mit einer alten Redensart gesagt: Man sieht vor lauter Code die Software nicht mehr.

ZEIT: Sie prophezeiten, im neuen Jahrtausend würden wir mindestens so häufig mit Maschinen reden wie mit Menschen. Ich habe die Sprachsteuerung meines Computers ausprobiert und ihn auch Texte vorlesen lassen. Das klang so komisch, dass ich die Unterhaltung wieder eingestellt habe. Ist die Zeit noch nicht reif dafür?

Negroponte: Da lag ich voll daneben. Ich hatte erwartet, Spracherkennung wäre heute weiter.

ZEIT: Reden Sie mit Ihrem Laptop?

Negroponte: Die Frage ist nicht so sehr, ob man mit seinem Laptop redet. Überlegen Sie stattdessen, wie oft Sie sich beim Telefonieren fragen: »Ist da wirklich ein Mensch am anderen Ende?«

ZEIT: Im Buch erwähnten Sie ein Erlebnis mit Schulkindern im Senegal, die Computer in die Hand gedrückt bekamen. Die hätten genauso enthusiastisch und schnell gelernt, mit Rechnern Spaß zu haben, wie amerikanische Mittelschichtkinder. Ist Being Digital die erste echte universelle Kultur ohne regionale Eigenarten?

Negroponte: Innovation ist nichts Kulturelles in dem Sinne, dass Ägypten arabeske oder Indien hinduistische Ideen hat. Zwei Elemente treiben sie an: erstens der Appetit auf Risiko, zweitens der Ehrgeiz, etwas aus verschiedenen Perspektiven betrachten zu können. Beide Voraussetzungen fehlen im Großen und Ganzen in der Dritten Welt – erst recht, wo es ums Überleben geht. Entwicklung entsteht aus Disziplin, nicht aus Chaos.

ZEIT: Anfang des Jahres haben Sie die 100-Dollar-Laptop-Initiative gestartet. Sie wollen 100 Millionen Laptops in die Entwicklungsländer bringen, mit Hilfe lokaler Regierungen. Wird das schon die Welt verändern?

Negroponte: Bildung ist für jedes Weltproblem – dazu gehören auch so große wie Krieg, Armut oder Umweltzerstörung – die Lösung oder ein Teil der Lösung. Tatsächlich gibt es keine Lösungen, ohne dass Bildung daran beteiligt wäre. Aber nur ein Teil dessen, was wir lernen, wird durch Lehre vermittelt. Weit mehr ist das Resultat aus unserer Interaktion mit der Welt um uns herum. Auf diese Weise haben wir sprechen und laufen gelernt. Beim 100-Dollar-Laptop – demnächst eine Realität! – geht es darum, das Lernen zu einer kontinuierlichen Erfahrung zu machen, mit einem Laptop für jedes Kind.

ZEIT: Könnte das Internet am Ende »aufwachen« und eine Art künstliche Intelligenz daraus hervorgehen? Es gibt seriöse Wissenschaftler, die das nicht ausschließen. Würde Ihnen das gefallen?

Negroponte: Ich schließe wenig aus. Wenn dies einträfe: Es würde mir nicht die Sprache verschlagen.

Die Fragen stellte Niels Boeing

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. Nun ist es also soweit:

    Nach dem Volkswagen und dem Volkskühlschrank und der Volksmikrowelle gibt es :

    Das Volksnotebook-oder ein Spielzeug
    für die Kleinsten.

    Jetzt wird es in vielen Ländern der anderen Welt überall Googleeeen.Und Mäileeeen.oder Yahoooon.
    Ist so ein Gerät eigentlich-vom pädagogischen Standpunkt gesehen-sinnvoll?Nichts gegen den technischen Nutzen für morgen oder danach-bloss welche Eltern engagieren sich da noch?Ist das dann nicht die Ablösung von der Glotze und Puschen - Kino?
    Fehlt jetzt eigentlich nut noch der internationale Volksanschluss fürs web.....
    Oh,ja,nicht zu vergessen den Volksdrucker-ohne Papier läuft eh nix mehr.

    Schöne Idee damals,vom elektronischen Büro und Papier
    ade.Soviel bedrucktes Papier habe ich noch nie in meinem Berufsleben gesehen,wie nach der Einführung des web und
    Fenstermillionenfehler aus USA.

    War wohl doch nicht ganz so im Sinne des Erfinders,oder?

    Konrad Zuse hatte sich die Sache 1941 eigentlich in Braunschweig ganz anders vorgestellt.

    Hilmar kLuß Oldenburg,den 16.11.2005

  2. Herr Negroponte beklagt zurecht die Qualität der Software. Leider geht er nicht auf die Ursachen dieses Mangels ein, der in der heutigen üblichen Programmiermethode liegt.
    Lassen Sie mich daher dazu folgendes sagen:
    Computern bewirken etwas dadurch, dass Ketten von Anweisungen erst in den Bits der Computer-Elektronik gespeichert und dann durch den Computer ausgeführt werden. Die Folge der Anweisungen (und ihrer Teile), das Programm, ist das Ergebniss eines Herstellungsprozesses, an dessen Anfang die Idee dessen, was die Folge der Anweisungen bewirken soll, steht. Im Verlauf dieses Prozesses wird die Idee in eine Hierarchie von Unterideen aufgelöst, an deren Ende dann die Folge der vom Computer lesbaren Anweisungen entsteht. Der Mangel der heutigen Programmiermethode besteht nun darin, dass obwohl die Programmierung einer (Unter)Idee von ihrer Funktion ausgeht, im Zuge der Programmierung kein formaler zwingender Vergleich zwischen der jeweiligen Funktions-Idee und der Funktion der zugehörigen Anweisungsfolge vorgenommen wird. Die heute gängigen imperativen Programmiersysteme liefern nur die Anweisungsfolge für das Wirken des Computers, nicht aber eine computerlesbare Beschreibung der Programm-Idee, anhand derer man die Richtigkeit eines Programms (automatisch) prüfen könnte.
    Die Folgen beklagt Herr Negroponte.
    Es ist jedoch Abhilfe in Sicht, die aus Sicht der gewohnten Programmierwelt gewöhnungsbedürftig ist, unter dem zunehmenden Leidensdruck aber Einzug in die übliche Programmierwelt halten könnte. Aber das ist dann ein anderes Thema.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service