Volkskrankheiten Die atemlose Epidemie
Für gewöhnlich wird die Erkrankung als Raucherhusten abgetan und vernachlässigt. Die Lungen aber kämpfen vergeblich gegen die chronische Entzündung der Bronchien
Die Krankheit ist eine der tückischeren. Oft arbeitet sie sich so behutsam in den Körper vor, dass jahrelang nicht auffällt, dass da drinnen ein Organ unwiderruflich zerstört wird. Allenfalls merkt der Betroffene möglicherweise, dass er beim Treppensteigen viel lauter keucht als früher. Doch leise Sorgen darüber werden gewöhnlich mit einem flapsigen Spruch übertönt. Man ist halt kein Jungspund mehr! Und vom Sportschaugucken wird man nicht fit! So geht das oft eine ganze Weile.
Dann aber mag es passieren, dass der Erkrankte schon beim Spazierengehen im Park schwer zu schnaufen beginnt. Richtig groß freilich wird der Schreck oft erst, wenn die Luft schon beim Ausräumen der Geschirrspülmaschine wegbleibt. Wenn Gartenarbeit unmöglich und der Schlaf unruhig wird, weil selbst beim Ruhen nicht mehr genug Sauerstoff in die Lungen zu strömen scheint.
Weltweit tötet die Krankheit knapp drei Millionen Menschen pro Jahr, etwa so viele wie Aids. In Deutschland allein sterben an ihr jährlich Zehntausende, und die Zahl derer, die hierzulande daran leiden, geht in die Millionen – drei bis vier, sagt die Deutsche Lungenstiftung, andere schätzen das Ausmaß sogar auf fünf bis zehn Millionen. Da ist es fast garantiert, dass jeder von uns zumindest eine Person kennt, die daran erkrankt ist. Dennoch haben nur wenige den Namen der Krankheit schon einmal gehört – oft kennen ihn nicht einmal die Opfer selbst. COPD: Das Kürzel steht für Chronic Obstructive Pulmonary Disease oder Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung.
Auch Jens Lingemann ahnte nichts von der Krankheit, als er vor fünf Jahren zusammenbrach und erst im Krankenhaus wieder aufwachte. Der 44-Jährige aus dem Ruhrpott betrieb damals sein eigenes Taxiunternehmen, hatte 13 Angestellte. Er war einer, der mit fünf Stunden Schlaf auskam. Er kannte kein Weihnachten, kein Neujahr, arbeitete am liebsten nachts. Dann fiel er um. Eine Kohlendioxidvergiftung, weiß er heute.
Die Rettungssanitäter beatmeten ihn künstlich, doch Lingemanns Lunge war bereits so porös, dass sie dabei platzte. Eine Woche lang lag er im Koma, zwei Wochen auf der Intensivstation. Heute schafft er es ohne Gehhilfe kaum bis zum Briefkasten. Er atmet mit Hilfe eines Sauerstoffschlauchs, der sich aus dem Steg seiner Spezialbrille in seine Nase schlängelt. Das andere Ende mündet in einen portablen Tank, den Lingemann alle zehn bis elf Stunden neu füllen muss. Statt eines Unternehmens leitet er heute eine COPD-Selbsthilfegruppe und bemüht sich, Gesunde über das Leiden aufzuklären – Dinge, die er im Sitzen erledigen kann.
COPD zu verstehen ist nicht einfach. Denn es verbirgt sich dahinter kein klares Krankheitsbild, sondern eine Reihe von krankhaften Veränderungen der Atemwege, die ganz individuell ausfallen können. Zwei Dinge aber sind ihnen gemein: Sie behindern die Luftaufnahme, und sie sind in großen Teilen irreversibel.
So leiden viele COPD-Erkrankte am Emphysem, einem Zustand, bei dem entzündliche Prozesse die Wände zwischen den Lungenbläschen auflösen. Eine gesunde Lunge besitzt Millionen von Lungenbläschen, deren Oberfläche zusammen der eines Tennisplatzes entspricht. Jeden Tag tauscht der Körper über sie 10000 bis 20000 Liter Luft aus. Statt Trauben kompakter Einzelkammern entstehen große, labbrige Blasen, die nicht nur sehr viel schlechter Sauerstoff aufnehmen, sondern auch das umliegende Lungengewebe behindern.
Andere COPD-Kranke kämpfen mit chronischer Bronchitis, einer Entzündung der oberen Atemwege, auf die der Körper reagiert, indem er zähen Schleim absondert. Gleich Pfropfen setzt er sich in den Bronchien fest, die zudem oft noch zusätzlich verengt sind. Und eine Reihe von COPD-Patienten leidet sowohl an chronischer Bronchitis als auch am Emphysem.
COPD äußert sich meist in einem chronischen Husten, pfeifendem Atem, Kurzatmigkeit und Auswurf. Doch es ist ein Zeugnis dafür, wie langsam der Zerfall voranschreitet, dass viele Betroffene erst zum Arzt gehen, wenn sie bereits 50 Prozent ihrer Lungenfunktion eingebüßt haben. Einer der Ärzte, bei denen sie dann landen, ist Klaus Rabe.
Rabe ist ein deutscher Lungenspezialist, der heute die pulmonologische Abteilung der Universitätsklinik Leiden (Niederlande) leitet. Er ist ein vergnügter Mensch, ein Summen kündigt sein Kommen bereits im Gang an. Er trägt Bundfaltenhosen und ein gestreiftes Hemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hat, und er tendiert dazu, die Dinge beim Namen zu nennen. Gemeinsam mit zwei Dutzend Lungenspezialisten aus der ganzen Welt rief Rabe 1997 eine Initiative namens GOLD ins Leben: Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease. In Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsbehörde WHO und dem amerikanischen National Heart, Lung, and Blood Institute hat es sich GOLD zum Ziel gesetzt, chronische obstruktive Lungenerkrankungen zu bekämpfen, und das heißt vor allem: mehr öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu lenken. »Viele können mit COPD wenig anfangen«, sagt Rabe. »Das ist ein Problem. Bei Krebs weiß jeder, was gemeint ist.« Wie aber kann es sein, dass eine Erkrankung, die Millionen täglich um Luft ringen lässt und Zehntausende tötet, so wenig Beachtung findet? Vor allem ein Grund ist gewichtig: Die Erkrankung gilt als hausgemacht, als so selbstverschuldet wie eine Trinkerleber.
Chronische obstruktive Lungenerkrankungen entstehen vor allem durch das regelmäßige Einatmen von Rauch über einen langen Zeitraum. In seltenen Fällen kann die Krankheit auch durch einen Gendefekt ausgelöst werden. In Entwicklungsländern, wo oft noch mit Kohle, Holz oder Dung geheizt und gekocht wird, erkranken besonders oft Frauen daran – eine indische Hausfrau etwa steht im Durchschnitt sechs Stunden täglich in der Küche. In Europa und Nordamerika aber befällt COPD fast ausnahmslos Raucher, zumeist mit 20 bis 25 »Schachteljahren«. Als Schachteljahr bezeichnen Experten 20 Zigaretten pro Tag über die Dauer von zwölf Monaten. »In Deutschland gäbe es kein COPD, wenn es keinen Zigarettenrauch gäbe«, sagt Rabe. »Punkt.«
In seinen Augen ist das irrelevant. »Sie würden ja auch keinem Diabetiker die Behandlung verweigern, weil er sich falsch ernährt hat, oder?« Das Manko trug dazu bei, dass die Gelder lange in die Erforschung anderer Krankheiten flossen. »Asthma war sexy, COPD schmutzig«, sagt Rabe. »An Asthma sterben ein paar tausend Menschen pro Jahr. Bei COPD erreichen wir das in einer Woche.« Nicht zuletzt durch die Anstrengungen von GOLD ändert sich diese Einstellung seit ein paar Jahren, doch bis heute steht COPD im Schatten der großen »Volkskrankheit«. Weil sich die Symptome ähneln, wird COPD etwa noch immer oft als Asthma fehldiagnostiziert. Für die Betroffenen kann das schlimme Folgen haben, da Asthmamedikamente nur bedingt gegen COPD helfen. Ein einfacher Lungenfunktionstest, genannt Spirometrie, könnte Klarheit schaffen, doch werde dieser von den Hausärzten viel zu selten durchgeführt, klagt Rabe.
Selbst im Tod bleibt die Wahrheit oft verborgen. Die meisten COPD-Patienten ersticken nicht etwa, sondern sterben, weil ihr Herz stehen bleibt – ausgelaugt von der Anstrengung, ausreichend Luft in die zerstörte Lunge zu saugen. Nicht selten werden sie deshalb als Herztote registriert. Weil man zudem davon ausgehen muss, dass viele Betroffene nie zum Arzt gehen, weil sie ihr Leiden als harmlosen »Raucherhusten« abtun, glauben Experten, dass in Europa bis zu 75 Prozent aller COPD-Fälle nie erkannt werden. »Lungenärzte sind keine guten PR-Leute«, sagt Rabe und beugt sich über den Schreibtisch. »Auf jeder Zigarettenschachtel steht, dass Rauchen die Haut schrumpelig macht, dass es Krebs und Herzkrankheiten auslöst und Kindern schadet – aber nicht, dass es COPD verursacht.«
Angesichts dieser Umstände ist es schwierig, das Ausmaß der Erkrankung abzuschätzen, doch Epidemiologen haben überschlagen, dass weltweit rund 600 Millionen Menschen an COPD leiden. Und es werden wohl noch viel mehr werden. Seit 1990 marschierte COPD in der Statistik der weltweiten Todesursachen bereits von Rang sechs auf Platz vier. Bis 2020 wird es voraussichtlich Rang drei erobert haben, vor Massenkillern wie Tuberkulose, Lungenentzündungen, nur geschlagen von Herzgefäßerkrankungen und Schlaganfällen. Speziell in den Industrieländern steigen die Sterberaten für COPD schneller als für jede andere Erkrankung. Ein Großteil der Zunahme geht auf das Konto von Frauen, die immer öfter zur Zigarette greifen. Im Jahr 2000 starben erstmals mehr Frauen als Männer an COPD.
Wenn es regnet und die Feuchtigkeit auf die Luft drückt, ringt Jens Lingemann besonders schwer nach Atem. Sehnsüchtig wartet er dann, dass es aufklart – bei schönem Wetter schleppt er sich gern auf die Terrasse, wo er oft stundenlang in der Sonne sitzt. Statt 3,7 Liter – wie es für einen Mann seines Alters normal wäre – fasst seine Lunge nur noch 500 Milliliter, so viel wie eine kleine Milchpackung. Das reicht weder zum Treppensteigen noch zum Schuhebinden, und selbst zum Duschen muss sich der 44-Jährige auf einen Hocker setzen. Er schläft nicht viel. »Ich müsste ein Fantast sein zu glauben, dass ich sehr alt werde, da will ich meine letzten Jahre nicht auch noch verschlafen«, sagt der Vater eines zehn- und eines 17-jährigen Sohns.
COPD ist nicht heilbar, doch es gibt heute Medikamente – bronchialerweiternde Mittel wie Beta-2-Sympathomimetika und Entzündungshemmer wie Kortikosteroide –, die ihren Fortgang bremsen und Symptome lindern können. In schweren Fällen entfernen Ärzte chirurgisch besonders große Emphysemblasen. Auch eine Lungentransplantation ist möglich, erfordert aber lange Wartezeiten und ist riskant – 20 Prozent der Empfänger versterben bereits im Jahr nach der Operation.
Die beste Therapie aber halten nur wenige Patienten durch: nicht mehr zu rauchen.
Weiterführende Informationen:
Selbsthilfegruppe und Mailingliste Lungenemphysem - COPD
Jens Lingemann
http://www.lungenemphysem-copd.com/index.php
Dort gibt es auch Buchvorstellungen
Deutsche Emphysemgruppe
Bundesgeschäftsstelle
Dipl. Psych. Heide Schwick
Steinbrecherstr. 9
38106 Braunschweig
Telefon: (0531) 234 904 5
E-Mail:
DEG@emphysem.de
http://www.deutsche-emphysemgruppe.de
Patientenliga Atemwegserkrankungen
Berliner Str. 84
55276 Dienheim
Telefon: (06133) 3543
E-Mail:
pla@patientenliga-atemwegserkrankungen.de
http://www.patientenliga-atemwegserkrankungen.de/
Lungensport AG
http://www.lungensport.org/pages/inhalt.php3
http://www.copd-aktuell.de/
(Webseite von Boehringer Ingelheim Pharma)
http://www.copd-international.com
(englisch)
http://www.goldcopd.com/
(englisch)
- Datum 29.05.2006 - 07:38 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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\N
Vielen Dank für diesen guten Bericht über eine schwere Lungenerkrankung. Leider haben sie dabei nicht beachtet,daß die Todesursache ein Problem darstellt. Viel wichtiger ist aber die imensen Krankheitsausfalltage, das schwere Leiden der Menschen, die Unfähigkeit den Alltag zu bewältigen und kaum noch irgendeine Arbeit verrichten zu können. Sterben ist eine Sache, aber leiden und auf andere Menschen 100% angewiesen sein eine andere. Typisch für den Bericht ist allerdings auch, die Unfähigkeit der Hausärzte, die angeblich zu spät die Krankheit erkennen. Tatsache ist, daß der Gesetzgeber fast nichts gegen das Rauchen unternimmt und nichts gegen die Zigarettenindustrie, damit Kinder nicht mit dem Rauchen anfangen.
Zuletzt haben sie kein Wort über die imensen Kosten und die sehr teuren Medikamente erzählt, schade, denn diese können wir aufgrund der Budgetierungen kaum noch verordnen.
Gruß aus Lübeck,
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