Begrüßt wird man von einer Projektion. Beim ersten Besuch unverkennbar The Touch of Evil, die große Marlene-Diet-rich-Szene, beim zweiten Besuch Vertigo und beim dritten Buster Keaton auf angegilbtem Schwarzweiß. Was wollen uns diese Projektionen sagen? Sind das Superstars? Marlene, Buster, Kim und Orson? Vielleicht. Hätte man auch jeden anderen Film zeigen können, in dem bekannte Schauspieler auftreten? Hätte man. Gibt es auch Filme ohne bekannte Schauspieler? Schon ein paar. Die hätte man dann nicht nehmen können. Oder doch: Das wäre dann was zum Thema verfehlter Starruhm geworden. "These Imagenary Boys" von Adrian Tranquilli BILD

Viel schlechte Kunst gibt es in der Superstar- Ausstellung. Etwa Georgina Starrs The Bunny Lake Collection, eine raumgreifende Installation mit Projektion, die vorführt, wie eine Bande Kinder in Häschenkostümen die Models auf einem Laufsteg abknallt. Der Laufsteg ist dann ohne künstlerischen Gewinn noch mal in den Museumsraum hineingebaut, damit es nicht bei der Projektion bleibt. In dem Moment, wo die Häschen auf die Models anlegen, hört man Death-Metal-Kaskaden, die klanglich an Maschinenpistolen erinnern. Wie tautologisch ist das denn? Wenn nach dem Massaker die Kamera die schönen Leichen besichtigt, hören wir ein melancholisches Misty Roses von Tim Hardin. Oh Mann! Der erklärende Text meint, die Künstlerin hätte das Ende der Supermodels kommentieren wollen. Gut, dass wir interpretiert haben.

Oder wieder mal einer der wahnsinnig unkomischen Witze des notorischen Maurizio Cattelan, der wieder mal das alles nicht so verbissen sehende, augenzwinkernde Fach vertritt und einen Witz über Beuys macht. Wer war das noch gleich? Auch ein Superstar, schließlich hat Warhol ihn porträtiert. Oder Marc Bijl, der mit einer Lara-Croft-Figur aus einer Art triefendem Teer auf einem Sockel vor einer Beuys-Parole sagen will – so die Ausstellungsmacher –, dass die Jugendlichen sich heute eher für Lara Croft als für Beuys interessieren. Das haben die Jugendlichen aber schon getan, als es Lara Croft noch gar nicht gab, oh tiefgründig-skeptischer Kulturbeobachter! Oder Felix Droese, dieser unerschrockene Moralist, der auf eine ganzseitige Zeitschriftenseite, auf der Jörg Immendorff für ein Oberhemd Reklame macht, das Wort "Geld" gestempelt hat. Das ist so doof, dass es nicht mal mehr peinlich ist.

Warum ist hier so viel schlechte Kunst auf zwei Häuser verteilt und mit immensem Aufwand kuratiert, zusammengeliehen und gehängt worden? Weil es sich um eine Themenausstellung handelt, und da zählen Qualitätskriterien nicht, da zählt nur die Symptomatik einer Arbeit. Das erklärt auch, warum entschiedene Nichtkunst wie eine Info-Koje mit Big Brother- Material mit zur Ausstellung gehört. Doch wenn es um die Symptomatik geht, müsste man fragen: Symptomatisch wofür? Die These! Die These lautet: Viel mehr Dinge sind Superstars, als wir bisher dachten, und wahnsinnig viel ist wahnsinnig bekannt. Schon der Ausstellungstitel Superstars – Das Prinzip Prominenz – Von Warhol bis Madonna droht das Öffnen diverser Fässer an. Es sollte nicht bei diesen dreien bleiben.

Der Begriff der Superstars wird zwar korrekt auf den großen Jack Smith zurückgeführt, von dem man lieber mehr gesehen hätte als den Müll drittrangiger Gegenwartskünstler, die alle schon mal einen Star im Kino gesehen haben oder Zweifel an der Lauterkeit der Kulturindustrie empfinden. Aber der präzise Sinn des Superstars bei Smith und dem frühen Warhol, von dessen Screen-Tests immerhin ein paar zu sehen sind, wird nicht weiter verfolgt: dass nämlich im Zusammenspiel zwischen der Apparathaftigkeit einer nur aufzeichnenden starren Kamera und einem von ihr aufgezeichneten Menschen dessen "Persönlichkeit" sich quasi zwingend entfalten müsse.

Das "Prinzip Prominenz", für das sich der Warhol der Nach-Factory-Jahre aber auch die Bunte interessieren, hat mit dieser "Superstar"-Idee nur am Rande zu tun und müsste zumindest von ihr unterschieden werden. Ganz falsch wird es, wenn die vermeintliche Gemeinsamkeit von Warhols Begriff von Prominenz und dem Prominenz-Begriff des Boulevards durch alle möglichen Zusammenstellungen erhärtet werden soll, indem Arbeiten aufgetürmt werden, in denen Hollywood, Michael Jackson oder irgendwie bekannte Menschen vorkommen. Wenn man sich schon auf das fast immer gruselige Genre solcher Themenausstellungen einlässt, die nicht von Problemen der Kunst, sondern von einem journalistisch gedachten "Inhalt" ausgehen, dann muss man die Unterschiede stark machen und nicht die eh von der Schwerkraft der Alltagsrede ständig behauptete Gemeinsamkeit und Vergleichbarkeit von allem nur vage Ähnlichen gewähren lassen.

Aber mit der Dehnung von nahe liegenden Kategorien bis zu deren Unkenntlichkeit ist es nicht getan. Es müssen auch noch andere, nicht einmal benachbarte Kategorien in denselben Sack gestopft werden; zum Beispiel dezidiert antiprominente Phänomene aus radikalen Subkulturen, etwa die Sado- und Proto-Nazi-Szene bei Bjarne Melgaard. Selbstverständlich muss auch das Logo als Phänomen an und für sich thematisiert werden, weil die ja auch prominent sind. Und sich viele radikal katastrophale Künstler wie der arme Kerl, der eine Brancusi-Säule aus McDonald’s-Tabletts nachgebaut hat, um uns Banalitäten über Hochkunst und Massenkultur mitzuteilen, nicht müde werden, das Geheimnis des Logo-Phänomens nicht zu ergründen. Ja sogar sehr bekannte Kunstwerke, die von anderen Künstlern zitiert werden, sind "Superstars", was Raum für noch mehr Plattheiten aus dem postmodernen Sektor liefert. Eve Sussmans mit reichlich Kostümen "rekonstruierter" Moment der Entstehung der Meninas von Velazquez etwa. Und dergleichen mehr.