Ich habe einen Traum Jean Ziegler
71, ist Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung in der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen. Er war Abgeordneter der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, lehrte Soziologie in Genf und Paris. Bekannt wurde er als Kritiker der Banken seines Heimatlands und der Globalisierung. In seinem kürzlich erschienenen Buch »Das Imperium der Schande – Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung« macht Ziegler die internationalen Konzerne für viele Missstände verantwortlich. Hier träumt er vom Kampf gegen den Hunger – am Beispiel des Niger, den er vor einigen Monaten besuchte
Wer nicht träumt, kann diese Welt nicht ertragen. Ich träume intensiv. Zwar wäre ich ein schlechter Klient für Carl Gustav Jung gewesen. Ich habe keine Tiefschlafträume, die mich in geheime Reiche des Unbewussten entführen; zumindest kann ich mich nicht an sie erinnern. Umso häufiger träume ich in den frühen Morgenstunden, wenn der Schlaf wie ein leichter Schleier über den Augen liegt.
Diese Träume, Tagträume fast, sind für den Geist so wichtig wie der Atem für den Körper. Warum sonst würde ich mich in den frühen Morgenstunden fühlen wie erlöst?
Tagträume sind nicht bloß Fluchtwege, sondern auch Wege – virtuelle Wege – zu einer menschenwürdigeren, gerechteren, erträglicheren Welt. Sie verwirklichen, sagt Max Horkheimer, »die Sehnsucht nach dem ganz Anderen«. Diese Träume wollen verändern, indem sie uns entführen in das Reich der Utopien. Charles Baudelaire schrieb von der »Vermählung des Traumes mit der Vernunft, besiegelt in der Utopie«.
Ich träume von Babeuf. Von Gracchus Babeuf, dem konsequentesten und weitsichtigsten unter den französischen Revolutionären von 1789. Er war ein hagerer, rhetorisch hoch begabter junger Mann mit flammendem Temperament. Der Sohn eines verelendeten Majors nahm die Devise der Revolution – »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« – wortwörtlich. Er konnte sich nicht abfinden mit Armut und Unterdrückung und dem Hunger, der so viele Menschen tötete, auch seine eigene Tochter.
Babeuf dachte wie sein Freund, der Priester Jacques Roux, der den Deputierten des Konvents zugerufen hatte: »Die Freiheit ist ein eitles Hirngespinst, wenn eine Klasse von Menschen die andere ungestraft aushungern kann.« So wurde Babeuf bald ein Feind nicht nur der Großgrundbesitzer, Aristokraten und Bischöfe, sondern auch der kompromissbereiten Girondisten und korrupten Jakobiner. Mitten im Krieg gegen die Koalitionsarmee rief er auf dem Champ de Mars in Paris das Volk zum Aufstand gegen die Revolutionsregierung auf: »Möge der Kampf beginnen um das berühmte Kapitel der Gleichheit und des Eigentums…«
Ich träume von Babeufs Wiederkehr, weil die Zeiten des Hungers und der Ungleichheit nicht vorbei sind. Zum Beispiel im Niger, einem Land, zweimal größer als Frankreich, mit 12 Millionen bitterarmen Einwohnern; ich habe es vor einigen Wochen besucht. Im November 2004 hatte das Ausbleiben des Regens die meisten Hirsestängel verdorren lassen. Dann kamen die Heuschreckenschwärme aus Mauretanien. Die schwarz glitzernden, fünf Zentimeter langen Viecher gingen nieder über Oallam, Agadez, Maradi und fraßen alles noch Verbliebene, ob Baum, ob Strauch. Ein Albtraum.
- Datum 17.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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