Welthandel Der Kampf um den Zucker

Ein Lehrstück über den Welthandel: Der Norden gibt den Markt frei – und ein Land des Südens verdirbt dem anderen das Geschäft

Draußen auf dem Land nordöstlich von Hildesheim, wo die Erde so schwer und schwarz ist wie nirgendwo sonst in der Republik, stehen die Rübenburgen. Mächtige, backsteinerne Bauernhäuser sind das, so groß wie kleine Schlösser, gebaut vor mehr als hundert Jahren, in einer Zeit, als sich mit der Arbeit auf den Feldern gutes Geld verdienen ließ. Damals gab es noch keinen Weltmarkt und keine Welthandelsorganisation. Die Europäische Union war noch nicht da und die Europäische Zuckermarktordnung schon gar nicht.

Aber die Bleckwenns, die waren schon da.

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Jedes Jahr im Herbst, wenn die Tage kürzer und die Nächte kälter werden, holt Helmut Bleckwenn, 46, Bauer in neunter Generation, die Zuckerrüben aus dem Acker. So wie einst sein Ururgroßvater, sein Urgroßvater, sein Großvater, sein Vater. Er sieht die Sonne aufgehen und die Sonne untergehen, er arbeitet 16 Stunden am Tag, und wenn es dunkel wird, knipst er die Scheinwerfer an. Anders als seine Vorfahren arbeitet er nicht mit den Händen, sondern mit den Fingern. Bleckwenn tippt auf Sensoren. Zweieinhalb Meter hoch sitzt er im Führerhaus des 420.000 Euro teuren selbstfahrenden sechsreihigen Rübenroders. Vom Bordcomputer gesteuert, schlägt die High-Tech-Maschine den Rüben die Blätter und die Köpfe ab, zieht sie aus der Erde, klopft den Schmutz ab und transportiert sie nach hinten in den großen Vorratsbehälter, den die Bauern Bunker nennen.

Helmut Bleckwenns Felder gehören zu den fruchtbarsten in Deutschland. Pro Stunde erntet er 50 bis 80 Tonnen. So viel wie kein Bleckwenn vor ihm. Trotzdem wird er der erste sein, der von der Rübe nicht mehr leben kann. Denn mit dem billigen Zucker aus Zuckerrohr kann er nicht konkurrieren. Gegen das warme Klima und die niedrigen Löhne der Tropen kommt auch der sechsreihige Rübenroder nicht an.

Bis jetzt konnte Helmut Bleckwenn das verschmerzen. Anders als Software- oder Autohersteller sind die Zuckerbauern vor der weltweiten Konkurrenz geschützt. Die Europäische Union garantiert ihnen einen festen Preis für die Zuckerrüben. So steht es in der Europäischen Zuckermarktordnung. Bis jetzt.

Manchmal, wenn er über den Rübenacker fährt, schaltet Helmut Bleckwenn das Radio ein. Deutschlandfunk. So verfolgt er seit Monaten, wie im fernen Brüssel, am Sitz der EU-Kommission, und im noch ferneren Genf, am Sitz der Welthandelsorganisation WTO, ein Kampf stattfindet. Ein Kampf, bei dem es um seine Zukunft geht und um die von Millionen weiteren Zuckerbauern in Afrika, Asien und Lateinamerika. Ein Kampf, bei dem sich auf den ersten Blick die reichen und die armen Länder gegenüberstehen. Und der auf den zweiten Blick offenbart, dass die Welt nicht mehr nur zwischen Nord und Süd geteilt ist. Dass sich die ökonomischen Abbruchkanten längst auch durch die Südhalbkugel ziehen.

In der kommenden Woche wollen die 25 Agrarminister der EU nun die neue Zuckermarktordnung verabschieden. Der Garantiepreis für Zucker soll um 40 Prozent sinken. Zwar hat die EU angekündigt, den Bauern bis zu 60 Prozent des Einkommensverlustes zu ersetzen. Aber in vielen Fällen wird das nicht reichen, um die Höfe weiterzuführen. Helmut Bleckwenn sagt, die Bauern in seiner Gegend seien auf die Rübe angewiesen. »Hier gibt es keine Molkereien, hier gibt es keine Schlachthöfe, hier gibt es nur Zuckerfabriken.« Eine steht in Sichtweite seiner Felder.

Früher hatten die Bauern in Bleckwenns Dorf eine Wahl. Wer die Landwirtschaft aufgeben musste, ging zum Arbeiten in die Stadt, zum Elektronikhersteller Blaupunkt. Aber heute? »Heute gibt es hier nirgends mehr Jobs«, sagt Helmut Bleckwenn.

Und deshalb sind die Leute draußen auf dem Land nordöstlich von Hildesheim, wo die Erde so schwer und schwarz ist wie nirgendwo sonst in der Republik, auf die Politiker in Brüssel nicht besonders gut zu sprechen.

Brüssel. Sie kann mit Kühen umgehen, sie weiß, wie man einen Stall ausmistet und wann der Winterweizen vom Feld muss. Sie hat das von klein auf gelernt. Sie ist auf einem Bauernhof aufgewachsen.

Trotzdem hat sie den Entwurf unterschrieben.

Mariann Fischer-Boel ist 62 Jahre alt, trägt weiße Haare und schwarze Brille, früher war sie dänische Landwirtschaftsministerin, seit einem Jahr sitzt sie als Agrarkommissarin in der EU-Kommission. In ihrem Büro im zwölften Stock des Berlaymont-Gebäudes in der Brüsseler Innenstadt hat sie den Plan für die Neufassung der Europäischen Zuckermarktordnung unterzeichnet. Seitdem landen in ihrem Briefkasten die Protestbriefe der Zuckerbauern. Seitdem hält sie Verteidigungsreden. Gibt Interviews. Benutzt immer wieder diese eine Metapher, die alles andere als diplomatisch ist, aber besonders diplomatisch war Mariann Fischer-Boel noch nie. Sie mag keine Entschuldigungen, keine Beschwichtigungen. Sie sagt: »Wenn ein Baum einen kranken Ast hat, schneidet man ihn besser bald und sauber ab – bevor der Sturm kommt. Langfristig macht das den Baum stärker.«

Der Baum, das ist die europäische Wirtschaft. Der kranke Ast, das sind die 325.000 europäischen Zuckerbauern.

Jahrzehntelang hat es die Europäische Union wenig gekümmert, ob die Bauern teuer oder billig produzierten, ob der Ast krank war oder nicht. Hauptsache, er trug Früchte. Den Süßhunger der Europäer sollten die Europäer stillen. Zum Wohle der Bauern, zum Wohle der Dörfer. Ob Privathaushalt, Konditorei oder Süßwarenkonzern, wer in der EU Zucker verbrauchte, musste den hohen Garantiepreis bezahlen. So befahl es seit 1968 die Europäische Zuckermarktordnung. Zwar kostete der künstlich verteuerte Zucker die europäischen Verbraucher nach einer Untersuchung des Europäischen Rechnungshofes 6,5 Milliarden Euro im Jahr. Aber so blieben die Bauernhöfe profitabel. Sie produzierten sogar Jahr für Jahr mehr Zucker, als die Europäer essen konnten. Den Überschuss warfen sie auf den Weltmarkt und machten dort all jenen Konkurrenz, die den Zucker eigentlich weit billiger produzieren können: den Afrikanern, Asiaten und Lateinamerikanern. Den Ländern des Südens.

Bis vor anderthalb Jahren. Damals beschlossen Brasilien, Thailand und Australien, dieses System nicht länger zu akzeptieren. Zu oft hatten sie, wenn es um Autos oder Maschinenbauteile ging, von den Europäern gehört, wie wichtig freier Wettbewerb sei. Sie klagten in Genf bei der Welthandelsorganisation gegen die europäischen Zuckerexporte. Und sie gewannen. Jetzt muss die EU ihre Exporte um 4,6 Millionen Tonnen reduzieren. Jetzt müssen die europäischen Rübenbauern mit weniger Geld auskommen. Sie haben den Kampf verloren.

Aber wer hat ihn gewonnen?

Maguiguana. Im Südwesten von Mosambik, wo das Land weit und grün ist und die Felder bis zum Horizont reichen, steht die Hütte von José Armando Chonge. Er ist 54 Jahre alt, ein kleiner, kräftiger Mann mit breiten Lücken zwischen den Zähnen. Die Hütte hat er selbst gebaut aus Ästen, aus Lehm und aus Schilf. Hier lebt Chonge mit seiner Frau und seinen sechs Kindern auf engstem Raum – einem einzigen. Sie leben vom Zuckerrohr.

Schon sein Großvater pflügte und säte und erntete in der Ebene am Indischen Ozean. Der Vater ging hinüber nach Südafrika, um als Bergarbeiter ein bisschen mehr zu verdienen, als die Felder daheim hergaben. »Früher habe ich nur Mais, Erdnüsse, Maniok und ein bisschen Gemüse angebaut«, sagt José Armando Chonge. »Wenn etwas übrig blieb, habe ich es auf dem Markt verkauft.« Meistens blieb nichts übrig.

Heute hat er das Zuckerrohr. Schon morgens um vier geht er durch die grünen, mannshohen Reihen. Chonge besitzt keinen Traktor und keine Erntemaschine. Sein wichtigstes Werkzeug ist eine Haue. Die lässt er auf das Unkraut niedersausen. Hin und wieder verjagt er ein paar hungrige Ziegen.

Eigentlich ist das Zuckerrohr eine unangenehme Pflanze, voller scharfer Blätter und schwer zu bearbeiten. Oft verbergen sich Giftschlangen zwischen den Stauden. Chonge sagt: »Ich mag das Zuckerrohr, weil ich das Geld mag. Und das Zuckerrohr bringt Geld.«

Mit dem Verkauf seiner Ernte hat José Armando Chonge im vorigen Jahr 20 Millionen mosambikanische Metical verdient, umgerechnet ungefähr zwei Dollar am Tag. Davon muss er das Schulgeld für die Kinder bezahlen, und wenn er nicht auch Mais und Gemüse zur Selbstversorgung anbauen würde, wüsste er nicht, wie er seine Familie ernähren soll. Trotzdem spürt er manchmal den Neid der Nachbarn. 80 Prozent der Menschen in Mosambik verdienen weniger als er. Zwei Dollar, das ist nicht schlecht in einem Land, in dem in der Tageszeitung Notícias zurzeit wieder einmal traurige Bilder zu sehen sind von Kindern mit aufgedunsenen Bäuchen und verzweifelten Müttern mit schlaffen Brüsten. Im September hat in Mosambik die Regenzeit begonnen, aber was für eine Regenzeit ist das, in der bisher kein einziger Tropfen vom Himmel fiel und noch immer zimtbrauner Staub über die Felder weht? Wenigstens hier, im Südwesten, in Maguiguana, führt der Incomati-Fluss noch genug Wasser, um die Felder zu befeuchten. Und wenigstens hier haben die Menschen eine Einkommensquelle: das Zuckerrohr. Aber wie lange noch?

Wenn die EU den Rübenbauern weniger Geld für ihren Zucker zahlt, die Bauern deshalb weniger Rüben anbauen, wenn die Europäer also weniger Zucker exportieren, dann können Länder wie Mosambik die Lücke füllen und mehr Zucker ins Ausland verkaufen. Wenn in der EU die Einkommen der reichen Rübenbauern sinken, dann steigen die Einkommen der armen Bauern in Afrika.

Das ist die Theorie. Es ist eine schöne Theorie. Leider hat sie wenig mit der komplizierten Wirklichkeit zu tun.

Nach einer Studie im Auftrag der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) kostet die Herstellung einer Tonne Zucker in Europa etwa 480 Dollar, in Afrika nur 250 Dollar. Trotzdem können die Bauern in Maguiguana mit der Arbeit für den Weltmarkt wenig Geld verdienen. Denn es gibt ein anderes tropisches Land, das den Zucker viel effizienter, viel billiger produziert als Mosambik: Brasilien. Dort haben sie die Kosten auf 160 Dollar gedrückt. Dagegen haben die Mosambikaner keine Chance.

Ein kleines Stückchen europäische Großmut ließ sie diesen Nachteil ertragen. Bis jetzt. Zwar leben der deutsche Bauer Helmut Bleckwenn und der mozambikanische Bauer José Armando Chonge in zwei verschiedenen Welten. Aber bis jetzt hatten sie eines gemeinsam: Sie profitierten von der Europäischen Zuckermarktordnung, der eine mehr, der andere weniger. Denn in ihrem Bestreben, die eigenen, teuer produzierenden Bauern vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, macht die EU eine kleine Ausnahme – für ein paar ehemalige Kolonien und neuerdings auch für die Ärmsten der Welt. Seit dem Jahr 2001 dürfen sie alljährlich eine kleine Menge Zucker in Europa verkaufen – zum hohen europäischen Garantiepreis. Nach einer Studie der Hilfsorganisation Oxfam fließen auf diese Weise jedes Jahr immerhin 5,5 Millionen Dollar nach Mosambik. Bis jetzt.

Wenn nun die EU den Garantiepreis um 40 Prozent reduziert, dann werden auch die Einnahmen der Bauern in Mosambik einbrechen.

José Armando Chonge hat sich mit den anderen Bauern aus seinem Dorf zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen, der Associação dos Agricultures de Maguiguana (AMM). Eigentlich hofften sie darauf, die Produktion ausweiten zu können. Sie hofften auf Maschinen, auf Fortschritt. Sie hofften wohl vergeblich. Wenn die Politiker in Brüssel so entscheiden wie geplant, müssen die Bauern in Maguiguana den Zusammenbruch ihrer Zuckergenossenschaft befürchten. Und dass irgendwann der Hunger in ihr Dorf zurückkehrt.

Anders als den europäischen Bauern will die EU den Afrikanern für den Einkommensverlust keine Ausgleichszahlungen gewähren. Nur von etwas mehr Entwicklungshilfe war im Vorfeld der Agrarministerkonferenz nächste Woche die Rede.

Sie haben vieles überstanden, die Menschen in Mosambik: die Versklavung durch die portugiesischen Kolonialherren. Die Schrecken des Bürgerkriegs und die Misswirtschaft unter der kommunistischen Regierung. Die Jahrhundertflut im Jahr 2000. Damals kamen die weißen Helfer zu Hunderten ins Land, um die Not zu lindern. Vielleicht kommen sie bald wieder, die Menschenfreunde aus Europa, um mit ihrer Hilfsmaschinerie wieder gutzumachen, was die Agrarpolitik zerstört hat.

Jaboticabal. Im Südosten Brasiliens, wo der Zuckerwald grün und dicht neben der Autobahn wächst, steht ein verglastes Gebäude mit flachem Dach, entworfen von einem Stararchitekten, umgeben von Springbrunnen und golftauglichem Rasen, finanziert vom Zuckergeld.

Eine stählerne, laserüberwachte Pipeline pumpt zu jeder beliebigen Zeit den Dünger auf die Felder, an ihr entlang führt die Straße zu den Arbeiterhäusern, den Lkw-Garagen und den Silos und weiter zu den rauchenden Schornsteinen der Fabrik, wo die Lastwagen das Zuckerrohr zu immer neuen Bergen auf den Asphalt kippen und die Bagger die Berge immer wieder aufs Neue abtragen, wo vollautomatische Waschanlagen das gehackte Rohr reinigen und Dutzende von Förderbändern es in alle Richtungen transportieren. Dies alles gehört zur Zuckerplantage Santa Adelia. Dies alles gehört Marcelo Bellodi.

Er ist 44 Jahre alt, gelernter Ingenieur, ein leiser, freundlicher Mann, der in seinen grauen Jeans und dem Freizeithemd eher wie ein kleiner Beamter wirkt als wie der Zuckerbaron, der er in Wahrheit ist. Vor mehr als hundert Jahren hat sein italienischer Großvater mit dem Anbau des Zuckerrohrs begonnen und so die Dynastie der Bellodis begründet. »Natürlich bin ich ein Mitglied der Oberschicht«, sagt Marcelo Bellodi. Ein Foto an der Wand seines Büros zeigt ihn in einem Propellerflugzeug. Es ist sein eigenes.

Der Zucker hat die Bellodis reich gemacht. Der Zucker macht nun viele Brasilianer reich – zumindest die Besitzer der Plantagen. Im fünftgrößten Staat der Erde gehören rund 50 Prozent des Landes lediglich einem Prozent der Bevölkerung. Diese Großbauern kombinieren das warme Klima und die niedrigen Löhne ihrer Arbeiter mit effizienten Produktionsmethoden und erobern auf diese Weise den Weltmarkt. In den vergangenen drei Jahren haben sich die brasilianischen Exporte von Fleisch und Soja verdoppelt. Experten sprechen in Anlehnung an den Boom der ostasiatischen Industrie schon vom »China der Landwirtschaft«. Niemand sonst in der Welt produziert und exportiert so viel Kaffee, so viele Orangen. Und so viel Zucker. Auf einer Fläche fast so groß wie Bayern wächst in Brasilien nichts als Zuckerrohr.

Die Arbeiter auf Marcelo Bellodis Plantage ernten es mit Feuer und Schwert. Zuerst werden die lästigen, harten Blätter abgebrannt. Wenn sich am nächsten Tag die schwarze, stinkende Wolke über den Feldern halbwegs verzogen hat, ziehen vom Ruß geschwärzte Gestalten durch die Reihen. An den Füßen Stiefel mit Stahlkappen, an den Beinen dicke Schienbeinschützer, vor den Augen riesige Schutzbrillen, in der Hand die Machete: So schlagen sie die angekohlten Stauden, neun Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Die meisten Zuckerrohrschneider können weder lesen noch schreiben, andere Jobs finden sie nicht.

Bellodi zahlt ihnen 350 Dollar im Monat, das Doppelte des gesetzlichen Mindestlohnes, immerhin. Viel mehr als den Aschestaub fürchten die Arbeiter deshalb die neuen Erntemaschinen, die sich auf den Nachbarfeldern wie riesige, ausgehungerte Krebse durch die tonrote Erde wühlen. In handliche Stücke gehackt, wirbeln sie das Rohr in die Lastwagen, die sich innerhalb von Minuten füllen. Eine Maschine ersetzt 80 Arbeiter. Auf diese Weise fährt Marcelo Bellodi inzwischen fast die Hälfte seiner Ernte ein. Trotzdem hat er im vergangenen Jahr die Zahl seiner Angestellten von 2500 auf 2600 erhöht. »Statt der Arbeiter haben wir heute mehr Fahrer und Mechaniker, mehr Ingenieure und Computerspezialisten«, sagt er mit Blick auf die Wartungshallen und Garagen, Computerräume und Büros auf dem Plantagengelände.

So beendet der Aufstieg Marcelo Bellodis und anderer brasilianischer Großbauern einen lang gehegten entwicklungspolitischen Traum: die Hoffnung, die Industrienationen würden irgendwann ihre Agrarmärkte liberalisieren und der freie Markt würde dann dafür sorgen, dass davon jene profitieren, die es am nötigsten haben: die Länder, die keine Fabriken und keine Maschinen besitzen, sondern nur ihre billige Arbeitskraft. Das Beispiel Zucker zeigt, dass der Weltmarkt nicht danach fragt, wer etwas nötig hat. Er will wissen, wo die Produktionskosten am niedrigsten sind.

Inzwischen hat sich die Stärke der brasilianischen Großbauern auch in Deutschland herumgesprochen. Die Nordzucker AG, einer der großen europäischen Zuckerproduzenten, die bisher ausschließlich EU-Rüben verarbeitet, will nun auch außerhalb Europas investieren.

Mit Marcelo Bellodis Zuckermaschinerie hat sie schon Kontakt aufgenommen.

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr geehrte Autoren,

    zwar scheint mir der Artikel sauber und detailliert recherchiert, allerdings mißfallen mir zwei Dinge:

    Zum ersten halte ich die Tendenz zur Personalisierung im Journalismus für fragwürdig. Damit meine ich, daß anhand der Dastellung von einzelnen Schicksalen wie der des Herrn Bleckwenns oder des Herrn Chonge eine Subjektivität geschaffen wird, die den Leser wohl emotional ansprechen soll, ihm jedoch damit eher eine Objektivität vorgespiegelt werden soll, die er nach der Lektüre nicht mehr hat.

    Einen zweiten Punkt halte ich jedoch für noch ärgerlicher: Sie insinuieren so etwas wie einen erweiterten Nord-Süd-Konflikt: "Nachdem der Norden seine ordnende Hand zurückzieht, fallen die armen Länder des Südens in darwinistischer Manier übereinander her - da war es früher wohl besser." Tadelnswert erscheint mir dagegen nicht die Reform der europäischen Zuckermarktordnung, die ja nicht etwa durch freien Handel ersetzt wird, sondern nur die Garantiepreise senkt und Quoten und Barrieren weiter beibehält, sondern die Tatsache, daß die EU einem Land wie Mosambique durch eine unstete Förderung eines Wirtschaftszweiges, der offensichtlich international nicht wettbewerbsfähig ist, Wachstumschancen eher verbaut. Die 5,5 Millionen Euro, die da jährlich ins Land fließen, sind zwar im Gesamtzusammenhang nicht der Rede wert, und es fließen seit Jahrzehnten weit höhere Beträge an ehemalige Kolonien (die AKP-Staaten), das Signal ist jedoch das Gleiche: Die Länder wurden dazu angeregt, Zucker zu produzieren, den ein anderes Land wie Brasilien viel günstiger schaffen kann. Fällt die Förderung weg, ist das Wehklagen groß. Hätte man nicht vielleicht von vorneherein in die Entwicklung von landwirtschaftlichen oder anderen Produkten investieren sollen, die gegen diejenigen Brasiliens auf dem Weltmarkt bestehen können? Und wenn dies aber nun versäumt wurde, sollte man dann trotzdem das alte Subventions-Regime für alle Zeiten aufrecht erhalten? Die ärmsten Länder Afrikas nur an den immerwährenden Tropf zu hängen, halte ich für eine zynische Lösung.

    Mit freundlichem Gruß
    Maurice Lagesse

  2. Wenn ich mir die derzeitigen Rohölpreise ansehe, dann kommt mir folgendes Rechenbeispiel in den Sinn: Da Alkane, die Bestandteile von Erdöl (CnH2n+2) ein ähnliches Gewichtsverhältnis haben wie Wasser (H2O) kann man davon ausgehen, daß ein Liter Erdöl etwa ein Kilo kostet.

    Bei einem Barrelpreis von 60 US$ macht das 360US$ pro Tonne. Das ist schon sehr nahe am EU-Garantiepreis. In Brasilien fahren seit Jahrzehnten Autos sowohl mit Benzin, als auch mit Alkohol aus Zuckerrohr. Und dieser Alkohol ist sehr billig. Man kann ihn auch dem Benzin beimischen, ohne daß Automotoren darunter leiden.

    Der Bedarf an Treibstoffen ist schier unendlich, der Vorrat von Erdöl wird jedoch immer begrenzter. Warum wandelt man dann die Überproduktion und anderen energiehaltigen biologischen Stoffen nicht einfach in Treibstoffe um.

    Für mehr Wirtschaftlichkeit kann man auch die Kohlesubventionen in die Herstellung von Biotreibstoffen umlenken, was ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist.

  3. Wenn man durch die nicht endend wollenden Zuckerrohrfelder im Nordosten Brasiliens fährt, muß man sich anhören, daß die gesamte Produktion in den Händen von 30 Familienclans ist, welche -siehe Zuckerliberalisierung- perfekt organisiert sind. Insofern profitiert nicht "Brasilien" von der Liberalisierung, sondern wenige Familien, die diesen unermeßlichen Reichtum in Brustvergrößerungen, Luxusparties, Markenartikel und große Limousinen umsetzen.

    Es ist wohl die Ironie der Dialektik, daß die soziale Marktwirtschaft immer mehr von frühkapitalistischen Tendenzen abgelöst wird. Ähnliches findet ja auch in China, Nigeria und Rußland statt.

    "Entwicklungsländer" stehen heutzutage nicht mehr in der wirtschaftlichen Entwicklung zurück, sondern vor allem in der sozialen. Mittelschichten dünnen aus; es gibt nur noch wenige Reiche und viele Arme.

    Ziel der Entwicklungspolitik müssen möglichst einheitliche Sozialstandards sein. Nur so kann freier Wettbewerb stattfinden, der tatsächlich dem Großteil der Weltbevölkerung zugute kommt.

    Schließlich war auch jahrzehntelang in Deutschland der Mittelstand und die Mittelschicht der Garant für wachsenden Wohlstand. Doch auch diese dünnt immer mehr aus. Sei es daß es Blaupunkt fast nicht mehr in Hildesheim gibt, als daß die Zuckerbauern nicht mehr von ihrem Anbau leben können. Von den ganz armen, unterernährten Bevölkerungsteilen in Afrika, Brasilien und anderswo ganz zu schweigen.

  4. Der Artikel suggeriert,dass die deutschen Rübenbauern am Stocken gehen werden,wenn die Subventionen aus Brüssel gekürzt werden.
    Mitnichten.
    In Deutschland darf nur Zuckerrüben anbauen, wer auch von dem Agrarministerium ein Lizenz dazu verabreicht bekommen hatte-in den 50er Jahren.Wer später kam,ging leer aus.Das wurde auf Erbrecht weitergereicht-an die nächste Generation.Eine Lizenz zum Gelddrucken.Denn diese Bauern sind genossenschaftlich organisiert und betreiben-einem Monopol gleich- zwei Zuckerfabriken in der BRD:Nordzucker und Südzucker.Sind beide bestens im Geschäft und keiner versaut dem Anderen den Preis,Ertrag und Gewinn.
    Und Brüssel und Bonn(jetzt Berlin) haben jahrzehntelang nix unternommen,diese Kreise den "Marktbedingungen " anzupassen.Wettbewerb hatte es jahrzehntelang nicht gegeben.Die haben sich wie die Maden im Speck dumm und dämlich verdient.Auf kosten der Verbraucher.

    Wer nämlich braunen,aromatischen Zucker aus Zuckerrohr für seinen Tee oder Ahornsirup aus Kanada haben wollte,musste die hohen Zollschranken des GATT und Brüssel überwinden.

    Folge: Brüssel hatte keine Probleme mit den AKP Staaten und Bonn hatte Ruhe an der Agrar-Heimatfront,wo jedes Jahr aus den Böden der Börde immer mehr Zucker geborgen wurde.

    Jetzt hat-dem IWF und GATT sei dank,hier ein Einbruch stattgefunden-und eins zur Beruhigung,nervöser Entwicklungshilfetechniker:

    Die Pflanzer ,weder in der Karibik,noch in Mosambique oder Brasilien werden am Stock gehen.Die werden munter ihren braunen Ursüßstoff gut verkaufen könne.In der EU.
    Ohne den trüben Beigeschmack sterilen Zuckers.Ohne das schlechte Gewissen,dass den monopolisierten Rübenbauern milliarden an Steuergeldern für diesen Schwachsinn des ehemaligen "Grünen Plans" in den Hintern gesteckt werden muss!

    Mit den Rübenbauern verhält es sich wie mit den Strombaronen: Marktwirtschaft im Prinzip wie mit der Frage bei Radio Eriwan-wenn es aber ums Geld-sprich die Realität geht-wollen alle nur das Eine: Am Futtertrog sitzen und Geld saugen.
    Alles andere ist Jaulerei und Schwindel und Täuschung der Öffentlichkeit und der Steuerzahler!
    Da helfen auch keine ganzseitigen Zeitungsanzeigen,das hier Arbeitsplätze gefährdet sind-das sind maximal 389 Personen-alles Teilhaber(Genossenschaftler) an den Zuckergenossenschaften.
    Mehr nicht!

    Auch der deutschen Bauerverband sollte sich den Gegebenheiten;sprich Marktwirtschaft anpassen.Im Zuge der EU erweiterung wird das über einen mittelfristigen Zeitraum rarantiert auf die einstürmen.Aus dem Osten.Wie der Grarantiepreis für alle anderen Agrarerzeugnisse auch.Bestimmt.
    Dann gibts Marktwirtschaft im Schweinestall.

    Hilmar KLUß Oldenburg,den 21.11.2005

  5. Herz zerreissend, Zorn erregend, so wie mich als Kind die Erzählung vom Aschenputtel berührt hat, so bewegt mich heute die Erzählung vom armen afrikanischen und reichen lateinamerikanischen Zuckerrohrpflanzer. Nur was verfolgt DIE ZEIT mit diesem Artikel? Doch wohl nicht Ernst genommen werden.
    Wenn die Herausgeber meinen auch Unterhaltsames und das Gemüt Bewegendes gehört ins Blatt, dann ab damit ins Feuilleton, wo sich Autoren, denen dar Bauch näher liegt als der Intellekt, tummeln können.

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