Welthandel Der Kampf um den ZuckerSeite 3/3
Er ist 44 Jahre alt, gelernter Ingenieur, ein leiser, freundlicher Mann, der in seinen grauen Jeans und dem Freizeithemd eher wie ein kleiner Beamter wirkt als wie der Zuckerbaron, der er in Wahrheit ist. Vor mehr als hundert Jahren hat sein italienischer Großvater mit dem Anbau des Zuckerrohrs begonnen und so die Dynastie der Bellodis begründet. »Natürlich bin ich ein Mitglied der Oberschicht«, sagt Marcelo Bellodi. Ein Foto an der Wand seines Büros zeigt ihn in einem Propellerflugzeug. Es ist sein eigenes.
Der Zucker hat die Bellodis reich gemacht. Der Zucker macht nun viele Brasilianer reich – zumindest die Besitzer der Plantagen. Im fünftgrößten Staat der Erde gehören rund 50 Prozent des Landes lediglich einem Prozent der Bevölkerung. Diese Großbauern kombinieren das warme Klima und die niedrigen Löhne ihrer Arbeiter mit effizienten Produktionsmethoden und erobern auf diese Weise den Weltmarkt. In den vergangenen drei Jahren haben sich die brasilianischen Exporte von Fleisch und Soja verdoppelt. Experten sprechen in Anlehnung an den Boom der ostasiatischen Industrie schon vom »China der Landwirtschaft«. Niemand sonst in der Welt produziert und exportiert so viel Kaffee, so viele Orangen. Und so viel Zucker. Auf einer Fläche fast so groß wie Bayern wächst in Brasilien nichts als Zuckerrohr.
Die Arbeiter auf Marcelo Bellodis Plantage ernten es mit Feuer und Schwert. Zuerst werden die lästigen, harten Blätter abgebrannt. Wenn sich am nächsten Tag die schwarze, stinkende Wolke über den Feldern halbwegs verzogen hat, ziehen vom Ruß geschwärzte Gestalten durch die Reihen. An den Füßen Stiefel mit Stahlkappen, an den Beinen dicke Schienbeinschützer, vor den Augen riesige Schutzbrillen, in der Hand die Machete: So schlagen sie die angekohlten Stauden, neun Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Die meisten Zuckerrohrschneider können weder lesen noch schreiben, andere Jobs finden sie nicht.
Bellodi zahlt ihnen 350 Dollar im Monat, das Doppelte des gesetzlichen Mindestlohnes, immerhin. Viel mehr als den Aschestaub fürchten die Arbeiter deshalb die neuen Erntemaschinen, die sich auf den Nachbarfeldern wie riesige, ausgehungerte Krebse durch die tonrote Erde wühlen. In handliche Stücke gehackt, wirbeln sie das Rohr in die Lastwagen, die sich innerhalb von Minuten füllen. Eine Maschine ersetzt 80 Arbeiter. Auf diese Weise fährt Marcelo Bellodi inzwischen fast die Hälfte seiner Ernte ein. Trotzdem hat er im vergangenen Jahr die Zahl seiner Angestellten von 2500 auf 2600 erhöht. »Statt der Arbeiter haben wir heute mehr Fahrer und Mechaniker, mehr Ingenieure und Computerspezialisten«, sagt er mit Blick auf die Wartungshallen und Garagen, Computerräume und Büros auf dem Plantagengelände.
So beendet der Aufstieg Marcelo Bellodis und anderer brasilianischer Großbauern einen lang gehegten entwicklungspolitischen Traum: die Hoffnung, die Industrienationen würden irgendwann ihre Agrarmärkte liberalisieren und der freie Markt würde dann dafür sorgen, dass davon jene profitieren, die es am nötigsten haben: die Länder, die keine Fabriken und keine Maschinen besitzen, sondern nur ihre billige Arbeitskraft. Das Beispiel Zucker zeigt, dass der Weltmarkt nicht danach fragt, wer etwas nötig hat. Er will wissen, wo die Produktionskosten am niedrigsten sind.
Inzwischen hat sich die Stärke der brasilianischen Großbauern auch in Deutschland herumgesprochen. Die Nordzucker AG, einer der großen europäischen Zuckerproduzenten, die bisher ausschließlich EU-Rüben verarbeitet, will nun auch außerhalb Europas investieren.
Mit Marcelo Bellodis Zuckermaschinerie hat sie schon Kontakt aufgenommen.
- Datum 17.11.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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Sehr geehrte Autoren,
zwar scheint mir der Artikel sauber und detailliert recherchiert, allerdings mißfallen mir zwei Dinge:
Zum ersten halte ich die Tendenz zur Personalisierung im Journalismus für fragwürdig. Damit meine ich, daß anhand der Dastellung von einzelnen Schicksalen wie der des Herrn Bleckwenns oder des Herrn Chonge eine Subjektivität geschaffen wird, die den Leser wohl emotional ansprechen soll, ihm jedoch damit eher eine Objektivität vorgespiegelt werden soll, die er nach der Lektüre nicht mehr hat.
Einen zweiten Punkt halte ich jedoch für noch ärgerlicher: Sie insinuieren so etwas wie einen erweiterten Nord-Süd-Konflikt: "Nachdem der Norden seine ordnende Hand zurückzieht, fallen die armen Länder des Südens in darwinistischer Manier übereinander her - da war es früher wohl besser." Tadelnswert erscheint mir dagegen nicht die Reform der europäischen Zuckermarktordnung, die ja nicht etwa durch freien Handel ersetzt wird, sondern nur die Garantiepreise senkt und Quoten und Barrieren weiter beibehält, sondern die Tatsache, daß die EU einem Land wie Mosambique durch eine unstete Förderung eines Wirtschaftszweiges, der offensichtlich international nicht wettbewerbsfähig ist, Wachstumschancen eher verbaut. Die 5,5 Millionen Euro, die da jährlich ins Land fließen, sind zwar im Gesamtzusammenhang nicht der Rede wert, und es fließen seit Jahrzehnten weit höhere Beträge an ehemalige Kolonien (die AKP-Staaten), das Signal ist jedoch das Gleiche: Die Länder wurden dazu angeregt, Zucker zu produzieren, den ein anderes Land wie Brasilien viel günstiger schaffen kann. Fällt die Förderung weg, ist das Wehklagen groß. Hätte man nicht vielleicht von vorneherein in die Entwicklung von landwirtschaftlichen oder anderen Produkten investieren sollen, die gegen diejenigen Brasiliens auf dem Weltmarkt bestehen können? Und wenn dies aber nun versäumt wurde, sollte man dann trotzdem das alte Subventions-Regime für alle Zeiten aufrecht erhalten? Die ärmsten Länder Afrikas nur an den immerwährenden Tropf zu hängen, halte ich für eine zynische Lösung.
Mit freundlichem Gruß
Maurice Lagesse
Wenn ich mir die derzeitigen Rohölpreise ansehe, dann kommt mir folgendes Rechenbeispiel in den Sinn: Da Alkane, die Bestandteile von Erdöl (CnH2n+2) ein ähnliches Gewichtsverhältnis haben wie Wasser (H2O) kann man davon ausgehen, daß ein Liter Erdöl etwa ein Kilo kostet.
Bei einem Barrelpreis von 60 US$ macht das 360US$ pro Tonne. Das ist schon sehr nahe am EU-Garantiepreis. In Brasilien fahren seit Jahrzehnten Autos sowohl mit Benzin, als auch mit Alkohol aus Zuckerrohr. Und dieser Alkohol ist sehr billig. Man kann ihn auch dem Benzin beimischen, ohne daß Automotoren darunter leiden.
Der Bedarf an Treibstoffen ist schier unendlich, der Vorrat von Erdöl wird jedoch immer begrenzter. Warum wandelt man dann die Überproduktion und anderen energiehaltigen biologischen Stoffen nicht einfach in Treibstoffe um.
Für mehr Wirtschaftlichkeit kann man auch die Kohlesubventionen in die Herstellung von Biotreibstoffen umlenken, was ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist.
Wenn man durch die nicht endend wollenden Zuckerrohrfelder im Nordosten Brasiliens fährt, muß man sich anhören, daß die gesamte Produktion in den Händen von 30 Familienclans ist, welche -siehe Zuckerliberalisierung- perfekt organisiert sind. Insofern profitiert nicht "Brasilien" von der Liberalisierung, sondern wenige Familien, die diesen unermeßlichen Reichtum in Brustvergrößerungen, Luxusparties, Markenartikel und große Limousinen umsetzen.
Es ist wohl die Ironie der Dialektik, daß die soziale Marktwirtschaft immer mehr von frühkapitalistischen Tendenzen abgelöst wird. Ähnliches findet ja auch in China, Nigeria und Rußland statt.
"Entwicklungsländer" stehen heutzutage nicht mehr in der wirtschaftlichen Entwicklung zurück, sondern vor allem in der sozialen. Mittelschichten dünnen aus; es gibt nur noch wenige Reiche und viele Arme.
Ziel der Entwicklungspolitik müssen möglichst einheitliche Sozialstandards sein. Nur so kann freier Wettbewerb stattfinden, der tatsächlich dem Großteil der Weltbevölkerung zugute kommt.
Schließlich war auch jahrzehntelang in Deutschland der Mittelstand und die Mittelschicht der Garant für wachsenden Wohlstand. Doch auch diese dünnt immer mehr aus. Sei es daß es Blaupunkt fast nicht mehr in Hildesheim gibt, als daß die Zuckerbauern nicht mehr von ihrem Anbau leben können. Von den ganz armen, unterernährten Bevölkerungsteilen in Afrika, Brasilien und anderswo ganz zu schweigen.
Der Artikel suggeriert,dass die deutschen Rübenbauern am Stocken gehen werden,wenn die Subventionen aus Brüssel gekürzt werden.
Mitnichten.
In Deutschland darf nur Zuckerrüben anbauen, wer auch von dem Agrarministerium ein Lizenz dazu verabreicht bekommen hatte-in den 50er Jahren.Wer später kam,ging leer aus.Das wurde auf Erbrecht weitergereicht-an die nächste Generation.Eine Lizenz zum Gelddrucken.Denn diese Bauern sind genossenschaftlich organisiert und betreiben-einem Monopol gleich- zwei Zuckerfabriken in der BRD:Nordzucker und Südzucker.Sind beide bestens im Geschäft und keiner versaut dem Anderen den Preis,Ertrag und Gewinn.
Und Brüssel und Bonn(jetzt Berlin) haben jahrzehntelang nix unternommen,diese Kreise den "Marktbedingungen " anzupassen.Wettbewerb hatte es jahrzehntelang nicht gegeben.Die haben sich wie die Maden im Speck dumm und dämlich verdient.Auf kosten der Verbraucher.
Wer nämlich braunen,aromatischen Zucker aus Zuckerrohr für seinen Tee oder Ahornsirup aus Kanada haben wollte,musste die hohen Zollschranken des GATT und Brüssel überwinden.
Folge: Brüssel hatte keine Probleme mit den AKP Staaten und Bonn hatte Ruhe an der Agrar-Heimatfront,wo jedes Jahr aus den Böden der Börde immer mehr Zucker geborgen wurde.
Jetzt hat-dem IWF und GATT sei dank,hier ein Einbruch stattgefunden-und eins zur Beruhigung,nervöser Entwicklungshilfetechniker:
Die Pflanzer ,weder in der Karibik,noch in Mosambique oder Brasilien werden am Stock gehen.Die werden munter ihren braunen Ursüßstoff gut verkaufen könne.In der EU.
Ohne den trüben Beigeschmack sterilen Zuckers.Ohne das schlechte Gewissen,dass den monopolisierten Rübenbauern milliarden an Steuergeldern für diesen Schwachsinn des ehemaligen "Grünen Plans" in den Hintern gesteckt werden muss!
Mit den Rübenbauern verhält es sich wie mit den Strombaronen: Marktwirtschaft im Prinzip wie mit der Frage bei Radio Eriwan-wenn es aber ums Geld-sprich die Realität geht-wollen alle nur das Eine: Am Futtertrog sitzen und Geld saugen.
Alles andere ist Jaulerei und Schwindel und Täuschung der Öffentlichkeit und der Steuerzahler!
Da helfen auch keine ganzseitigen Zeitungsanzeigen,das hier Arbeitsplätze gefährdet sind-das sind maximal 389 Personen-alles Teilhaber(Genossenschaftler) an den Zuckergenossenschaften.
Mehr nicht!
Auch der deutschen Bauerverband sollte sich den Gegebenheiten;sprich Marktwirtschaft anpassen.Im Zuge der EU erweiterung wird das über einen mittelfristigen Zeitraum rarantiert auf die einstürmen.Aus dem Osten.Wie der Grarantiepreis für alle anderen Agrarerzeugnisse auch.Bestimmt.
Dann gibts Marktwirtschaft im Schweinestall.
Hilmar KLUß Oldenburg,den 21.11.2005
Herz zerreissend, Zorn erregend, so wie mich als Kind die Erzählung vom Aschenputtel berührt hat, so bewegt mich heute die Erzählung vom armen afrikanischen und reichen lateinamerikanischen Zuckerrohrpflanzer. Nur was verfolgt DIE ZEIT mit diesem Artikel? Doch wohl nicht Ernst genommen werden.
Wenn die Herausgeber meinen auch Unterhaltsames und das Gemüt Bewegendes gehört ins Blatt, dann ab damit ins Feuilleton, wo sich Autoren, denen dar Bauch näher liegt als der Intellekt, tummeln können.
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